Orry Mittenmayer, Oliver Fourier und Gregory Raphael (v. l.) schätzen die Gießener Ortsgruppe der ISD längst nicht nur als geschützten Raum für Diskussionen.
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Orry Mittenmayer, Oliver Fourier und Gregory Raphael (v. l.) schätzen die Gießener Ortsgruppe der ISD längst nicht nur als geschützten Raum für Diskussionen.

Initiative berichtet

Rassismus: So erleben Schwarze Deutsche in Gießen Gewalt

  • vonChristian Schneebeck
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Rassismus geschieht. Zum Glück eher selten als gewaltsamer Angriff, dafür leider umso häufiger »subtil«. So erleben es die Mitglieder der Gießener Ortsgruppe der Initiative Schwarze Deutsche und Schwarze Menschen in Deutschland (ISD). Sie beschreiben die ISD vor allem als geschützten Raum für Diskussionen.

Zur Begrüßung gibt es Flyer und Broschüren. Jedes einzelne Teil bringt Oliver Fourier ins Erzählen. Da wären etwa die Diskussionsreihe »Rassismus tötet«, 2012 initiiert anlässlich des 20. Jahrestages der Pogrome von Rostock-Lichtenhagen, und ein Vortragsabend über »Empowerment als Erziehungsaufgabe«. Da wären eine Filmvorführung samt Lesung im Jokus sowie die Einladung zum ersten Treffen der neu gegründeten Jugendgruppe. Und da wäre noch jede Menge mehr. Kein Zweifel: Hier wartet mitnichten bloß das übliche bunte Infomaterial auf Abnehmer. Auf dem Tisch liegt ein Stück Geschichte der Gießener Ortsgruppe der Initiative Schwarze Deutsche und Schwarze Menschen in Deutschland (ISD). Demnächst feiert sie runden »Geburtstag«.

Als Fourier die ISD 2001 nach Gießen brachte, existierte sie deutschlandweit schon seit 16 Jahren. Der 57-Jährige hatte einige Bundestreffen des Vereins erlebt und dabei Gefallen an den Debatten und der Atmosphäre gefunden. »Ich wollte das öfter als einmal im Jahr haben«, erinnert er sich. Also gründete Fourier kurzerhand den hiesigen Ableger.

Genau drei Leute kamen zum Premierentreffen - zwei aber nur, »um zu gucken, ob es wirklich stattfindet«, wie Fourier schmunzelnd erzählt. Momentan besteht die Gießener ISD aus knapp zehn Personen. Anfangs traf sie sich an wechselnden Orten, heute hat sie längst eine feste Heimat gefunden.

Wo die ist, soll in diesem Artikel unerwähnt bleiben. »Wir sind durchaus eine gefährdete Gruppe«, erklärt Orry Mittenmayer die Zurückhaltung. Neue Mitstreiter müssen deshalb bei Interesse über die Internetseite (isdgiessen.blogsport.de) Kontakt aufnehmen. Grundsätzlich sehe er die ISD am ehesten als »Schnittstelle zwischen den verschiedenen politischen Bereichen«, sagt der Gewerkschafter Mittenmayer. Bei den monatlichen Treffen diskutieren die Teilnehmer intern über alles, was sie bewegt. Mindestens einmal im Jahr möchten sie mit einer öffentlichen Veranstaltung präsent sein, außerdem so oft wie möglich als aktiver Teil der Zivilgesellschaft in Erscheinung treten.

Gerade die Bedeutung des geschützten Diskussionsraums betonen Fourier und Mittenmayer immer wieder. Auch Gregory Raphael, der vor einem Jahr zu der Gruppe stieß, schätzt die offenen, sachlichen, häufig mit sehr persönlichen Erfahrungen gespickten, jedenfalls aber immer »angstfreien« Debatten. »Wichtig ist, sich klarzumachen, dass Rassismus im Alltag geschieht«, sagt der 26-Jährige. Und in der Regel gehe es eben nicht um gewaltsame Angriffe. Meist sei der »subtile Rassismus« das größere Problem, erst recht, wenn Schwarze Menschen kaum Deutsch sprächen, homosexuell seien oder zu einer anderen Minderheit zählten.

So reichen die Themen von alltäglichen Eindrücken bis hin zu den großen politischen und gesellschaftlichen Fragen. Die Debatten um Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA und die deutschen Reaktionen darauf haben Fourier und Co. intensiv beschäftigt. Nicht wenige Politiker hätten mit ihren Statements offenbart, »wie tief die Probleme auch in unserer Gesellschaft noch sind«, meint Mittenmayer zu diesem Thema. Umso wichtiger sei eine starke politische Vertretung Schwarzer Menschen in Deutschland.

In Gießen kämpft die ISD dafür nun seit fast zwei Jahrzehnten. Wie der runde »Geburtstag« 2021 gefeiert wird? Das will Fourier noch nicht verraten. Auf jeden Fall werde man eine zuletzt coronabedingt abgesagte Veranstaltung nachholen. Außerdem geht die Arbeit ja sowieso immer weiter. Jedes Jahr auf großer Bühne. Jeden Monat im kleinen Kreis. Und jeden Tag im eigenen Lebensumfeld.

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