Rainer Stoodt kümmert sich nicht nur um die 270 Bewohner der ehemaligen Pendleton Barracks. Der 59-Jährige sieht sich als Moderator für das ganze Viertel an der Grünberger Straße, das sich in seinen 25 Berufsjahren rasant entwickelt hat. FOTO: SCHEPP
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Rainer Stoodt kümmert sich nicht nur um die 270 Bewohner der ehemaligen Pendleton Barracks. Der 59-Jährige sieht sich als Moderator für das ganze Viertel an der Grünberger Straße, das sich in seinen 25 Berufsjahren rasant entwickelt hat. FOTO: SCHEPP

Mensch, Gießen

Rainer Stoodt: Wegbereiter für WG-Wohnen in Gießen

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Seit 25 Jahren ist Rainer Stoodt Geschäftsführer der Gesellschaft für soziales Wohnen in Gießen. Aus tiefer Überzeugung bringt der 59-Jährige gemeinschaftliche Wohnformen voran.

Eine Träumerei, in die schon aus rechtlichen Gründen kein öffentliches Geld fließen kann: Viele belächelten Anfang der Neunzigerjahre die Idee zur Nutzung der ersten Gebäude, die die US-Armee an der Grünberger Straße räumte. Rainer Stoodt hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die einstigen Pendleton Barracks zum vorbildlichen Wohnprojekt wurden. Seit 25 Jahren ist er Geschäftsführer der Gesellschaft für soziales Wohnen (GSW). Aus tiefer Überzeugung bringt der 59-Jährige gemeinschaftliche Wohnformen voran.

Die Wurzeln dafür liegen in seiner eigenen WG-Erfahrung in den 1980er-Jahren in Gießen. "Freiwillig" kam er in die Stadt mit dem Image "hässlich", betont Stoodt. "Ich hatte nette Leute aus Gießen kennengelernt, deshalb bin ich hergezogen." Die Vorzüge seiner Wahlheimat fasst er so zusammen: "Man lernt schnell Menschen kennen. Und es geht offen und pluralistisch zu, sowohl was Kulturen als auch soziale Herkunft angeht."

Geboren wurde Rainer Stoodt in Selters im Westerwald. Schon für seine Eltern war vielfältiges ehrenamtliches Engagement selbstverständlich. Eine akademische Laufbahn war ihm indes nicht in die Wiege gelegt. Als erster aus der Familie ging er aufs Gymnasium und fühlte sich dort mitunter als Exot. Schon den Zivildienst absolvierte er in Gießen bei der Projektgruppe Margaretenhütte. An der Justus-Liebig-Universität studierte er Geschichte, Politik und Soziologie.

Das Hauptfach wählte er auch, "um mich mit meinem Erbe auseinanderzusetzen. Mein Vater war Kriegsinvalide und hat sehr gelitten unter seiner Vergangenheit als Soldat im Nationalsozialismus."

Neben seinem Studium engagierte sich Stoodt unter anderem in der antifaschistischen Arbeit, für die Belange der Kurden und im WG-Verein "Studentinnen- und Studentenwohnhilfe".

Seine erste Arbeitsstelle fand er in einer Unternehmensberatung, die sich mit Wohnprojekten befasste.

Und dann gaben die Amerikaner vier Wohnblocks am damaligen Funkturm auf. "Ich gehörte zu denen, die in den Achtzigerjahren vor Kasernen demonstriert haben. Es war ein erhebendes Gefühl, die Möglichkeit zu bekommen, in diesen Gebäuden ein Wohnprojekt zu etablieren", schildert Stoodt die Aufbruchstimmung. Zunächst verfolgte die Initiative das Ziel, vielerlei unterschiedliche Mieter zusammenzubringen. Übrig blieb schließlich die Kombination aus Studierenden-WGs und Sozialmietern. Gerade sie könnten "viel voneinander lernen" - diese Hoffnung sollte sich bewahrheiten.

Zunächst aber galt es, Vorbehalte zu überwinden. Zwar waren die Umstände grundsätzlich günstig für nicht Etablierte: Die Stadt wie das Land waren rot-grün regiert, ein leitender Mitarbeiter im Wissenschaftsministerium wurde zum begeisterten Unterstützer. Doch das Konzept passte in kein Förderprogramm. Manche Skeptiker störten sich zunächst auch am Namen des Vereins: "Soziales Leben und Mieten", kurz "SLuM".

Daraus wurde die GSW und Stoodt ihr Geschäftsführer - zwei Jahre nebenamtlich, seitdem im Hauptberuf. Er trage nicht nur Verantwortung für das Unternehmen und die 270 Bewohner, sondern sehe sich auch als "Moderator für das ganze Viertel". Neue Ideen unterstützt Stoodt gern, vor allem, wenn es ums Teilen geht. Vieles habe sich im Lauf der Jahre entwickelt - vom "Kletterbunker", der Nukleus für den Aufschwung des Sports in Gießen wurde, über das "Café Toller" und die Töpferwerkstatt bis zum Umsonstladen und dem Gartenprojekt. Dass manches scheiterte, "gehört dazu". Die GSW brachte auch das Zentrum für interkulturelle Bildung und Begegnung und die Entwicklung der ehemaligen US-Wohnsiedlungen mit voran.

Seit 1997 ist Stoodt verheiratet mit Andrea Kosch, Sohn Lion ist 19 Jahre alt. Im Herbst 2015 nahm die Familie einen 14-jährigen Flüchtling aus Afghanistan auf. Mittlerweile hat der Pflegesohn eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker begonnen. In vieler Hinsicht seien die viereinhalb Jahre eine "Herausforderung" gewesen. Vor allem jedoch sei der junge Mann eine Bereicherung für die Familie und die ganze Gesellschaft, unterstreicht Stoodt.

Für das Ehepaar ein Grund mehr, sich weiter in der Flüchtlingshilfe zu engagieren. "Wir haben keinen romantischen Blick auf das Thema. Aber Reza saß in einem Schlauchboot, das unterging. Es gäbe ihn nicht, wenn kein Schiff ihn gerettet hätte."

Entspannung als Tauchlehrer

Wenn Rainer Stoodt sich entspannen will, taucht er einfach ab. Zum diesem Sport kamen er und seine Frau 1998 zufällig und waren sofort "fasziniert vom Erlebnis der Schwerelosigkeit". Beide sind Tauchausbilder und aktive Mitglieder des Vereins Grün-Weiß Gießen.

Noch mehr Spaß macht es, "mit Sinn zu tauchen", sagt der 59-Jährige. Seit 2016 leitet er das Projekt "Tauchen für den Naturschutz" im Hessischen Tauchsport-Verband. Er erfasst die Tier- und Pflanzenwelt unter Wasser, um Ursachen für Probleme zu erkennen und die Artenvielfalt zu fördern.

Seit vielen Jahren lebt Stoodt mit seiner Kleinfamilie in Langgöns im Häuschen mit Garten. Eigentlich zu bürgerlich für einen WG-Anhänger, oder? Rainer Stoodt lacht. Darüber denkt er längst nach. Für ihn und seine Frau ist klar: In den nächsten Jahren wollen sie zurückkehren in eine gemeinschaftliche Wohnform und wahrscheinlich auch in die Stadt. "Ich fühle mich als Gießener."

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