Haft in Türkei

Der rätselhafte Fall des Patrick K.

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Patrick K. aus Gießen sitzt in der Türkei in Haft. Ihm wird die Unterstützung einer Terrororganisation vorgeworfen. Seine Freunde glauben nicht daran, sie halten ihn für unschuldig.

+++ Update: Urteil gefallen. Patrick K. muss 6 Jahre und drei Monate in türkische Haft. Mehr hier.

Das letzte Lebenszeichen von Patrick K. habe er am 14. März um 18.50 Uhr türkischer Zeit erhalten, sagt Dennis. Zum Beweis zückt er sein Smartphone und spielt mehrere Sprachnachrichten ab. Mit gedämpfter Stimme erzählt ein Mann, er befinde sich derzeit im osttürkischen Nusaybin. In sein Hotelzimmer sei eingebrochen worden. "Ich hab’ keine Ahnung, was ich jetzt machen soll. Hier wird es gleich schon dunkel. Ich kann in kein Hotel, nix, Alter." Dennis, eigenen Angaben zufolge ein langjähriger und enger Freund von Patrick K., legt das Handy wieder zur Seite. "Er hat mich dann gebeten, ihm Geld zu überweisen. Er wollte einfach nur noch nach Hause. Danach war sein Akku leer." Was in den darauffolgenden Stunden passierte, ist für Dennis und die anderen Freunde von Patrick K. ein großes Rätsel.

Festnahme am 14. März

Fest steht: Noch am selben Abend wurde der Gießener von türkischen Sicherheitskräften festgenommen. Laut der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu wollte er die syrische Grenze überqueren und sich der Kurdenmiliz YPG anschließen. Inzwischen sei Haftbefehl wegen Unterstützung einer Terrororganisation erlassen worden. Laut Anadolu hat Patrick K. beim Verhör angegeben, vier Jahre bei der Bundeswehr gedient zu haben. Außerdem habe man bei ihm Fotos und digitales Material beschlagnahmt, das zur YPG beziehungsweise zur verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK gehöre, hieß es in der Mitteilung weiter.

Militäroffensive der Türkei

Die YPG, Kurzform für "Yekîneyên Parastina Gel", sind kurdische Volksverteidigungseinheiten, die in Syrien gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) kämpfen. Sie gelten als Verbündete der NATO. Die Deutsche Bundeswehr hat zudem die Peschmerga-Kämpfer im Nordirak mit Gewehren und Panzerabwehrwaffen ausgerüstet.

Aber auch deutsche Bürger sympathisieren mit der Kurdenmiliz. Eine Anfrage der Gießener Allgemeinen Zeitung beim Bundeskriminalamt hat ergeben, dass in den vergangenen Jahren mehrere Menschen aus Deutschland nach Syrien oder in den Nordirak eingereist sind und sich dort den YPG-Kämpfern angeschlossen haben. Das BKA spricht von einer Zahl "im unteren dreistelligen Bereich". Die Generalbundesanwaltschaft hat in einzelnen Fällen gegen diese Bürger nach ihrer Rückkehr nach Deutschland zwar ermittelt, aber niemals Anklage erhoben.

Die Türkei hingegen urteilt fundamental anders über die YPG. Sie stuft sie als Terrororganisation ein, die eng mit der – übrigens auch in Deutschland – verbotenen Kurdenpartei PKK verbunden sei. Die Türkei geht seit dem 20. Januar in einer Militäroffensive in Nordwestsyrien gegen die YPG vor. Besonders die Stadt Afrin gelangte in diesem Zusammenhang zu trauriger Berühmtheit.

Patrick K. ist kein Kurde

Doch Patrick K. ist kein Kurde. Er ist in der kurdischen Gemeinde Gießens auch nicht bekannt, betonen deren Vertreter. Bei den regelmäßigen Demonstrationen in der Innenstadt gegen die Militäroffensive der Türkei sei er ebenfalls nicht in Erscheinung getreten. Zwei seiner engsten Freunde, Antonio und Matze, sind zwar Jesiden und gehören somit zu einer kurdischen Minderheit, beide betonen jedoch, keine politischen Menschen zu sein. "Ich bin in Deutschland geboren und noch nie in meinem Heimatland gewesen. Ich war auch noch nie auf einer Demonstration", sagt Antonio. Auf seiner Facebook-Seite hat er zwar einige pro-kurdische Inhalte gepostet, auf der Seite von Patrick K. selbst hingegen findet sich kein politisches Material.

Bundeswehr dementiert türkische Meldung

Antonio und die anderen Freunde haben unter dem Hashtag "FreePatrick" auf Facebook eine Unterstützer-Gruppe ins Leben gerufen. Sie glauben nicht, dass ihr Freund sich den kurdischen Kämpfern anschließen wollte. "Wir sind alle zusammen in der Nordstadt aufgewachsen, Tür an Tür. Wir kennen uns also seit Jahren. Er ist nie und nimmer ein Terrorist", sagt Maxi. Vielmehr habe Patrick K. in der Türkei einen Wanderurlaub machen wollen, fügt Dennis an. "Er ist zwei Wochen vorher in Gaziantep gestartet und dann einfach los gewandert." Dennis betont zudem, dass Patrick K. durchgehend alleine unterwegs gewesen sei. Er habe nahezu jeden Tag mit ihm per Videochat gesprochen. "Am Ende war er wohl nur zur falschen Zeit am falschen Ort."

Was wollte K. im Krisengebiet?

An den Verlautbarungen aus der Türkei haben Patrick K.s Freunde gehörige Zweifel. Laut der Nachrichtenagentur Anadolu ist der Gießener am 14. März im Bezirk Silopi in der südosttürkischen Provinz Sirnak festgenommen worden. Die letzte Sprachnachricht habe er am Abend aber aus Nusaybin versendet, sagt Dennis. "Wie soll er denn ohne Geld in wenigen Stunden 120 Kilometer weit gekommen sein?" Eine weitere Äußerung aus der Türkei bestärkt den Freundeskreis in seinen Zweifeln. Denn laut der Nachrichtenagentur soll der 28-Jährige im Verhör zugegeben haben, vier Jahre lang bei der Bundeswehr gedient zu haben. "Das stimmt nicht", betont Maxi, "er war nicht mal beim Wehrdienst." Und das bestätigt auch das Verteidigungsministerium. "Nach uns vorliegenden Informationen können wir nicht bestätigen, dass es sich bei diesem Mann um einen ehemaligen Soldaten handelt", teilt ein Sprecher auf Anfrage dieser Zeitung mit.

Eine entscheidende Frage können aber auch Patrick K.s Freunde nicht abschließend beantworten: Warum ist der 28-Jährige alleine in ein Krisengebiet gereist? Dennis sagt, er habe wandern wollen und womöglich gar nicht von der bedrohlichen Lage vor Ort gewusst. Außerdem sei der Flug sehr billig gewesen. Anfangs habe er sogar mitfliegen wollen, betont Dennis, er habe aber niemanden gefunden, der auf seinen Hund aufpasse. Patrick K. sei schon immer ein Abenteurer gewesen und habe auf Outdoor-Sport gestanden, fügt Maxi an. War es also pure Abenteuerlust, die den Gießener in das türkisch-syrische Grenzgebiet zog? Naivität? Wollte er entfernte Verwandte seiner Gießener Freunde Antonio und Matze besuchen? Oder hatte er Beweggründe, die er seinen Freunden nicht mitgeteilt hat? Eine psychische Störung, wie vergangener Tage in einer anderen Gießener Zeitung zu lesen war, habe Patrick K. definitiv nicht gehabt, beteuern seine Freunde.

Erdogan-Anhänger werten Verhaftung als Erfolg

Das politische Klima in der Türkei ist seit dem Putschversuch vor zwei Jahren deutlich rauer geworden. Etliche Personen wurden aus teils fragwürdigen Gründen ins Gefängnis gesteckt, darunter Oppositionelle, Kurdenvertreter, Anhänger der Gülen-Bewegung und Journalisten. Laut dem Auswärtigen Amt sitzen derzeit 42 deutsche Staatsangehörige in türkischer Haft, davon vier aufgrund politischer Vorwürfe. Der in Deutschland bekannteste Fall war Denis Yücel. Der Korrespondent der "Welt" wurde ein Jahr lang ohne Anklage in Haft gehalten, bevor er vor wenigen Wochen frei kam.

Familie erschüttert

Die Freunde von Patrick K. hoffen, dass ihr Kumpel ebenfalls bald nach Deutschland zurückkehren kann. Doch dafür gibt es momentan keine Anzeichen. Das Auswärtige Amt teilt lediglich mit, dass die Botschaft in Ankara mit den türkischen Behörden in Kontakt stehe. In türkischen Medien schlägt die Festnahme zudem hohe Wellen. In den sozialen Medien feiern Erdogan-treue Türken die Verhaftung des "deutschen Terroristen" als Erfolg.

Der Familie von Patrick K. mache das alles schwer zu schaffen, betont Maxi. "Besonders seine Mutter ist fix und fertig. Sie verkraftet das nicht." Vor allem die Ungewissheit sei kaum zu ertragen. Denn seit der Verhaftung am 14. März habe die Familie keinen Kontakt mit Patrick K. aufnehmen können. Maxi sagt: "Im Grunde wissen wir nicht einmal, ob er noch am Leben ist."

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