Ein Gießen-Gin für die Freundin: Auch Studenten gehören zu den Kunden der Tourist-Info. FOTO: CHH
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Ein Gießen-Gin für die Freundin: Auch Studenten gehören zu den Kunden der Tourist-Info. FOTO: CHH

Radler, Camper, Studi-Mütter

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Britische Badegäste sucht man in Gießen vergeblich. Und Reisegruppen aus Japan besichtigen eher Schloss Neuschwanstein als das Kloster Schiffenberg. Aber auch in Gießen spielt der Fremdenverkehr eine immer größere Rolle. Die Tourist-Info in der Schulstraße ist für Gäste dabei oft die erste Anlaufstelle.

Die "Liebe" hat Gießen verlassen. Zehn Jahre lang prangte der Schriftzug auf dem Samen-Hahn-Gebäude, dann wurde er mitsamt den Mauern dem Erdboden gleichgemacht. Das Kunstwerk war ein kleines Wahrzeichen der Stadt, eine Sehenswürdigkeit. So gesehen passt es sehr gut, dass der Schriftzug in der Tourist-Info die Zeit überdauert hat. Hier in der Schulstraße ist die "Liebe" allgegenwärtig. Sie steht auf Postkarten, Tassen und Turnbeuteln. "Die sind sehr beliebt", sagt Katrin Fischer, die seit 2016 in der Tourist-Info arbeitet. "Allerdings", schiebt die 32-Jährige mit einem Lächeln hinterher, "müssen wir den Kunden oft erklären, was es damit auf sich hat."

Der Tourismus in Gießen wächst seit Jahren. Besonders die Landesgartenschau hat der Stadt einen Schub beschert. 170 692 Übernachtungen haben die 18 Gießener Hotels im vergangenen Jahr verzeichnet. Das ist ein Plus von 2,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Auslastungsquote lag bei 55,8 Prozent, die durchschnittliche Aufenthaltsdauer bei 1,8 Tagen.

Tourismus wächst seit Jahren

Die Tür geht auf. Ein Paar aus den Niederlanden betritt die Tourist-Info. Die beiden sind mit dem Campingwagen unterwegs und fragen Fischer nach Sehenswürdigkeiten in der Stadt. Auch für die Öffnungszeiten der städtischen Schwimmbäder interessieren sie sich, außerdem fragen sie nach einem Geschäft für Campingartikel. Kurz darauf schlägt ein weiteres Paar in der Schulstraße auf, erneut sind es Urlauber aus den Niederlanden. Die beiden sind mit dem Fahrrad von Wetzlar nach Gießen geradelt. Sie interessieren sich für die Geschichte von Gießen und den Alten Friedhof. Fischer zückt einen Stadtplan und hilft den Gästen bei der Orientierung. Dank u - vielen Dank!

"Wir haben momentan viele Niederländer, die mit dem Wohnmobil in Gießen Station machen", sagt Fischer. Auch viele Deutsche, die derzeit Reisen ins Ausland scheuen und daher Urlaub in der Heimat machen, seien unter den Gästen. "Diesen Trend merken wir sehr stark. Vor allem Radfahrer, die im Lahntal unterwegs sind, kommen zu uns."

Gießen ist eine Stadt ohne Meer. Berge oder prachtvolle Seen sucht man hier ebenfalls vergeblich. Dafür hat Gießen etwas, womit Usedom, Füssen oder Waren an der Müritz nicht dienen können: zwei Hochschulen.

Ein Mutter-Sohn-Gespann betritt die Tourist-Info. Der junge Mann hat in Gießen einen Studienplatz ergattert, seine Mutter hilft ihm bei der Wohnungssuche. Fischer berät sie über mögliche Wohngegenden und die Verkehrsanbindung, zum Schluss verkauft sie den beiden noch einen Stadtplan.

"Eltern von Studierenden kommen sehr häufig zu uns. Sie wollen sehen, wo ihr Kind gelandet ist. Manche verbringen auch ein paar Tage in der Stadt. Während ihre Kinder in den Vorlesungen sitzen, besichtigen sie die Sehenswürdigkeiten."

Vor zwei Jahren hätten die auswärtigen Gäste womöglich vergeblich nach der Tourist-Info gesucht. Bis April 2018 war das Büro in einem unscheinbaren Anbau an der Kongresshalle untergebracht. "Damals wurden wir oft übersehen. Die Menschen erwarten eine Tourist-Info in der Mitte der Stadt", sagt Fischer. Außerdem seien die Räume viel zu klein und ungemütlich gewesen, das Team hätte zum Beispiel keine Möglichkeit gehabt, seine Produkte zu präsentieren. Der Umzug in die Schulstraße sei daher goldrichtig gewesen. "Jetzt haben wir Laufkundschaft. Viele Menschen bleiben vor den Schaufenstern stehen und kommen zu uns rein." Mit einem Lächeln fügt die 32-Jährige hinzu: "Einige Einheimische haben uns nach dem Umzug gesagt: Schön, dass es in Gießen endlich eine Tourist-Info gibt."

Ohnehin kommen viele Gäste aus Gießen. Laut Fischer machen die Einheimischen rund 50 Prozent des Geschäfts aus. Sie buchen zum Beispiel Stadtführungen oder informieren sich über Veranstaltungen. Das lokalpatriotische Selbstwertgefühl, dass in der Stadt seit einigen Jahren wächst, beschert Fischer und ihren Kollegen ebenfalls Umsatz.

Gin und Honig sind der Renner

Zum Beispiel die junge Studentin, die eine kleine Flasche Gießen-Gin kaufen will. "Die ist für eine Freundin. Wir kommen beide aus Stuttgart, da gibt es auch einen eigenen Gin." Kurz darauf betritt eine weitere Gießenerin den Laden. Sie kauft einen "Liebe"-Turnbeutel. "Ich kann mich noch gut an den Schriftzug erinnern. Ich war früher oft im Kinocenter. Als das Haus abgerissen wurde, war ich etwa 12 Jahre alt."

Aber nicht nur die einheimischen kaufen die Gießen-Devotionalien, wie Fischer betont. Auch die auswärtigen Gäste würden mit Gießen-Honig, Elefantenklo-Tassen und Gießkannen-Kalendern in ihre Heimat zurückkehren. Einige nehmen sicher auch die Liebe mit - wenn nicht für die Stadt, dann zumindest auf dem neuen Rucksack.

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