Die Unfallstelle an der Kreuzung Ludwigstraße/Liebigstraße. FOTO: SCHEPP
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Die Unfallstelle an der Kreuzung Ludwigstraße/Liebigstraße. FOTO: SCHEPP

Radfahrer nach Unfall gestorben

  • Burkhard Möller
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Die Verletzungen waren zu schwer: Der erst 20-jährige Radfahrer, der vergangene Woche von einem Pkw in der oberen Ludwigstraße angefahren wurde, ist tot. Auf der innerstädtischen Nord-Süd-Verbindung häufen sich die Unfälle mit Radfahrern. Der ADFC mahnt schon lange Verbesserungen an.

Einige mit Kreide auf die Straße gezeichnete Kreise und ein angedeutetes Viereck, dessen vordere Ecken auf den Bürgersteig reichen: Hier an der Kreuzung Ludwigstraße/Liebigstraße ist am Mittwoch vergangener Woche das Auto zum Stehen gekommen, auf das Sekunden zuvor ein 20-jähriger Radfahrer geprallt war, der dabei schwere Kopfverletzungen erlitt. Denen ist der junge Mann nun am Dienstag erlegen, teilte die Polizei am Donnerstag mit. Gerüchte, dass der Radfahrer seit dem Unfall hirntot ist, hatten in der vergangenen Woche in Gießen die Runde gemacht.

Zum genauen Unfallhergang macht die Polizei aufgrund der noch laufenden Ermittlungen keine Angaben. "Ein Sachverständiger war auf Anordnung der Staatsanwaltschaft bereits am Abend des Unfalls mit der Ermittlung der Unfallursache beauftragt worden. Diesbezügliche Ermittlungen dauern derzeit an", heißt es in der Meldung.

Vermutlich war es so, dass der Radfahrer bergab Richtung Dachcafé fuhr und die 22-jährige Fahrerin des Autos von unten kam, nach links in die Liebigstraße einbog und den entgegenkommenden Radfahrer übersah. Da sich der Unfall gegen 21.30 Uhr zutrug, wird zu klären sein, ob das Rad beleuchtet war. Auch die bei Kopfverletzungen relevante Frage, ob der junge Mann einen Helm trug, wird in der Polizeimeldung nicht beantwortet.

Immer wieder Abbiegeunfälle

Ungeachtet dieser Fragen rückt der tödliche Unfall die Verkehrssituation in der verkehrsreichen Ludwigstraße in den Fokus. Zumal die Polizei gestern einen weiteren Radlerunfall auf der Kneipenmeile meldete. Am Mittwoch gegen 23.10 Uhr fuhr ein 35-jähriger Gießener ebenfalls an der Kreuzung mit der Liebigstraße einen 26-jährigen Radfahrer an, der bergauf fuhr und nur leicht verletzt wurde. Eine Polizeistreife stellte fest, dass der Autofahrer Alkohol konsumiert hatte. Es folgte die Blutentnahme sowie die Sicherstellung des Führerscheins. Unter der Nummer 0641/7006-3555 sucht die Polizei Zeugen.

Am vergangenen Samstag wiederum wurde eine 33-jährige Radfahrerin von einem Pkw gestreift und verletzt, der in die Alicenstraße abbiegen wollte. Mitte April wurde eine 21-jährige Frau auf dem Fahrrad von einem Auto angefahren, das in die Bleichstraße abbiegen wollte. Gleicher Unfallhergang und gleicher Ort im November: Verletzt wurde eine 20-jährige Radlerin.

Kein Schutzstreifen auf gesamter Länge

Für Radfahrer ist die Ludwigstraße ein gefährliches Pflaster. Auf ganzer Länge fehlen Radschutzstreifen, im oberen Bereich wird beidseitig geparkt, was das Risiko von sogenannten Dooring-Unfällen erhöht. Die können gerade bergab, wenn der Radfahrer eine hohe Geschwindigkeit erreicht, ganz böse enden. Das gilt auch für Abbiegeunfälle wie den, bei dem der 20-jährige Radfahrer zu Tode kam. Außerdem ist der Fahrbahnbelag an vielen Stellen wellig oder kaputt.

Im Grunde hat sich seit Jahrzehnten nichts geändert, sieht man davon ab, dass die Querung der Ludwigstraße am Unihauptgebäude im Zuge der zur Fahrradstraße umgewidmeten Goethestraße durch technische und bauliche Maßnahmen vereinfacht wurde. Dabei ist die Ludwigstraße für Radfahrer eine wichtige und kurze Verbindung vom Uniklinikum und den Naturwissenschaften sowie den Wohngebieten, wie am Schlangenzahl, in die Innenstadt. Im bereits zehn Jahre alten Radverkehrsentwicklungsplan für Gießen steht die Ludwigstraße bei den "Hauptnachfragerelationen" weit oben.

Insofern ist es überraschend, dass dieser Plan keine Verbesserungen für die Ludwigstraße empfahl. Auch im Koalitionsvertrag, den SPD, CDU und Grüne im Juni 2016 abschlossen, wurden die Defizite der Ludwigstraße nicht thematisiert. Allerdings hat es in dem Bündnispapier für den gesamten Radverkehr auch nur für eine Seite gereicht. Allgemein heißt es da lediglich, dass die Markierung von Radfahrstreifen für "alle größeren Straßen" geprüft werden soll.

Im Zusammenhang mit den allenfalls mittelmäßigen Benotungen der Gießener Radinfrastruktur beim alle zwei Jahre stattfindenden Fahrradklimatest des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs hatte der ADFC die Einrichtung von Radfahrstreifen in der Ludwigstraße wiederholt angemahnt. Vor allem in puncto Sicherheit geben die Radfahrer bei dem Test den Gießener Verhältnissen schlechte Noten.

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