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Der kleine Rettungswagen gehört den Kindern von Martin Aslan.

Rad fahren und Leben retten

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Martin Aslan ist seit 27 Jahren Rettungssanitäter. Der Gießener ist routiniert in seinem Job, so schnell bringt ihn nichts aus der Ruhe. Trotzdem gibt es Einsätze, die schwerer zu verarbeiten sind. Zum Beispiel, wenn Kinder im Spiel sind. Beim Abschalten hilft dem 48-Jährigen nicht nur die Familie, sondern auch das Fahrradfahren.

Martin Aslan hat in Münster Politik und Geschichte studiert. Nach einem Jahr schmiss er jedoch hin. »Ich habe gemerkt, dass es niemanden interessiert, ob ich komme oder nicht. Das war nicht das Richtige für mich.« Die Episode erklärt gut, wie Aslan tickt. Und was ihm wichtig ist in seinem Beruf. Seit 27 Jahren arbeitet der Gießener als Notfallsanitäter beim Deutschen Roten Kreuz. Heute bleibt seine Anwesenheit alles andere unbemerkt. Schließlich kann sie über Leben und Tod entscheiden.

Aslan hat einen türkischen Vater und eine deutsche Mutter. Seine ersten fünf Lebensjahre verbrachte er in Nordhorn an der holländischen Grenze. »Danach sind wir in die Türkei gezogen.« Der Vater wurde Bürgermeister seines Heimatortes, die Mutter Lehrerin an der Deutschen Schule in Ankara. Die Klasse bestand aus drei Kindern: Petra aus Österreich, dem deutsch- italienischen Diplomatensohn Mark und Martin Aslan. Doch die Zeit in der Türkei endete schon nach wenigen Jahren. »Der Militärputsch«, sagt Aslan und erzählt, dass in diesem Zuge alle Bürgermeister, also auch sein Vater, ihren Posten verloren. Also beschloss die Familie, nach Deutschland zurückzukehren.

Für Aslan war die Integration in der niedersächsischen Kleinstadt Nordhorn nicht leicht. »Freundschaften bilden sich meist schon in der Grundschule. Als ich in der fünften Klasse dazustieß, war ich der Neuling. Es war schwer, auf- genommen zu werden.«

Das lag weniger an seinen türkischen Wurzeln, dafür umso mehr an dem Mikrokosmos Kleinstadt. Ein Junge aus Bayern hätte es vermutlich nicht viel leichter gehabt. »Ich habe eigentlich nie große Probleme mit Rassismus gehabt. Es gab mal ein paar blöde Sprüche in der Oberstufe, aber das war es auch.« Aslan sagt, noch heute froh über seine türkischen Wurzeln zu sein. Leider habe er mit der Zeit die Sprache verlernt. »Ein paar Wörter kann ich noch, mehr aber auch nicht.«

Nach dem Abitur bewarb sich Aslan beim Deutschen Roten Kreuz für den Zivildienst. Eine prägende Zeit. »Damals habe ich gemerkt, wie schön es ist, Menschen zu helfen, die in Not sind.« Gleichzeitig wurde er in seinen jungen Jahren schon mit den tragischen Seiten seines späteren Berufs konfrontiert. »Während meines Zivildienstes habe ich meinen ersten plötzlichen Kindstod erlebt. Das war das einzige Mal, dass ich wegen meiner Arbeit Albträume hatte.«

Nach der kurzen Episode in Münster - Alsan hatte sich für die Studienfächer Politik und Geschichte entschieden, weil er seit seiner Jugend politisch interessiert ist, bewarb er sich bei der ZVS auf ein Medizinstudium und wurde nach Gießen gespült. Das war 1996.

Womöglich wäre aus Aslan auch ein guter Arzt geworden. Doch zwei Aspekte sorgten dafür, dass er das Studium nach dem Physikum abbrach. »Mein Bruder ist Arzt. Ich habe gesehen, wie viel er arbeiten muss. Ich wollte aber neben dem Beruf auch noch Zeit für Familie und Freizeit haben.« Außerdem arbeitete Aslan zu jener Zeit schon längst in dem Beruf, der ihn glücklich machte.

Für seinen ersten Tag in Gießen hatte sich Aslan drei Punkte auf seine To-do-Liste gesetzt: Immatrikulieren, Wohnung suchen, beim DRK anmelden. »Ich bin also in die Eichgärtenallee und habe mich als studentische Hilfskraft beworben.« Während seine Kommilitonen in der Bibliothek der Uni lernten, saß Aslan also im Rettungswagen und fuhr zu Herzinfarkten, Sportverletzungen oder Verkehrsunfällen. »Ich bin jetzt im 27. Jahr beim DRK«, sagt Aslan lächelnd, »und ich gehe immer noch jeden Tag gerne zur Arbeit«.

Die Berufsbezeichnung sagt es schon: Notfallsanitäter werden in Notfällen gerufen. Wenn das Leiden zu schwer ist für einen Gang zum Hausarzt. Meist hat es Aslan mit internistischen Ernstfällen zu tun, zum Beispiel Herzinfarkten oder Schlaganfällen. Aber auch um Verletzungen wie eine klaffende Kopfwunde nach einem Treppensturz oder einen umgeknickten Knöchel beim Fußball kümmert er sich. »Meistens ist es so, dass es den Menschen schon wieder besser geht, wenn wir sie versorgt haben und im Krankenhaus abliefern«, sagt Aslan. Es gibt aber auch Fälle, in denen jede Hilfe zu spät kommt.

In diesen Tagen wird am Gießener Landgericht ein Mordprozess verhandelt. Vergangenes Jahr hat ein offenbar psychisch kranker Mann in der Egerländer Straße einen Nachbarn erstochen. »Ich war damals der Erste am Tatort«, sagt Aslan. »Wenn man jetzt in der Zeitung die Berichte über den Prozess liest, kommen die Bilder natürlich wieder hoch.« In seinen Kopf eingebrannt hat sich auch ein Unfall im Schiffenberger Tal, der nun schon einige Jahre zurückliegt. Ein dreijähriges Kind war von einem Bus überrollt worden. Jede Hilfe kam zu spät. »Daran hatte ich lange zu knabbern«, sagt Aslan. Nach einer kurzen Pause fügt er an. »Vergessen werde ich das wohl nie.«

Dass ihn dieser schlimme Einsatz so mitgenommen hat, liegt auch daran, dass Aslan damals gerade zum ersten Mal Vater geworden war. Heute hat der Gießener drei Kinder, zwei Jungen und ein kleines Mädchen. Mit seiner Ehefrau Sarah ist Aslan seit über zehn Jahren verheiratet, am heutigen Freitag feiern die beiden Hochzeitstag. »Wir haben uns nach dem Gießener Stadtfest kennengelernt«, erzählt der 48-Jährige. »Nach dem Kehraus bin ich mit Freunden noch auf eine WG-Party gegangen. Sarah war Teil der WG-Party.«

Seine Familie hilft Aslan dabei, nach der Arbeit abzuschalten. Ein weiterer Ausgleich ist der Sport. 14 Jahre lang hat Aslan am Heuchelheimer See als Wakeboardtrainer gearbeitet. Heute setzt sich der Gießener vor allem auf das Fahrrad. »Ich habe damals angefangen, als jeder nach Vintage-Rennrädern gesucht hat. Mein Schwager hatte noch einen alten Stahlrahmen im Keller. Den habe ich mir besorgt und das Rad aufgebaut. So bin ich zum Radfahren gekommen.« Heute ist Aslan Vize-Vorsitzender des RSG Gießen-Wieseck, er nimmt regelmäßig und erfolgreich an Rennen teil, vergangenes Jahr hat er 8500 Kilometer auf dem Rad absolviert. »Wenn ich zwei, drei Tage nichts mache, werde ich unausstehlich. Dann schickt mich meine Frau vor die Tür«, sagt Aslan lachend.

Sport, Familie, Rettungsdienst: Für viel mehr Dinge hat Aslan keine Zeit. Dabei würde er sich gerne politisch stärker engagieren, auch in der Kommunalpolitik. »Ich finde viele Themen, die die Stadt betreffen, spannend. Zum Beispiel das Vorhaben am Anlagenring.« Dabei betont Aslan, dass er trotz seiner Leidenschaft fürs Radfahren noch keine abschließende Meinung über die geplante Einrichtung der Fahrradspuren hat. »Ich finde, man kommt als Fahrradfahrer auch so gut durch die Innenstadt.« Trotzdem begrüßt er den Versuch. »Man sollte generell offener sein für solche Versuche. Wenn es nicht klappt, kann man es ja wieder rückgängig machen.«

Wie der Versuch aus ausgehen mag: Sollte es am Anlagenring oder auf irgendeiner anderen Straße Gießens zu Unfällen kommen, wird Aslan zur Stelle sein und den Verletzten helfen. Wie schon seit 27 Jahren.

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