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Wer in der Schulstraße unterwegs ist, hat ein Ziel und schlendert eher selten an den Geschäften entlang. FOTO: SCHEPP

Ein Quartier im Umbruch

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Das Gesicht der Schulstraße und der Neuen Bäue hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Vom alten Glanz jedoch sind sie weit entfernt. Ein Spaziergang durch zwei Straßen zwischen Aufbruch und Orientierung.

Wer vom Berliner Platz Richtung Neue Bäue und Schulstraße blickt, sieht auf der rechten Seite einen kleinen Park und auf der linken Seite das Stadttheater. Je weiter er Richtung Marktplatz vordringt, desto weniger kann dieser erste ansprechende Blick halten, was er verspricht. Nach wenigen Metern thront dort ein McDonalds. Zwar macht der Kirchturm am Horizont Hoffnung auf Schönes. Wer aber weiterläuft, landet nur am Marktplatz mit seinen grellbunten Bushaltehäuschen. Trotzdem tut sich was in der Neuen Bäue und in der Schulstraße. Kleine Start-ups versuchen ihr Glück innenstadtnah. So ändert sich der Charakter dieses Teils von Gießen langsam. Zum Guten? Da gehen die Meinungen auseinander.

Dr. Ludwig Brake lacht, wenn er auf die Veränderungen angesprochen wird. Aufgewertet? Nein, das Wort will der scheidende Leiter des Stadtarchivs nicht in den Mund nehmen. Er findet, das Gegenteil ist der Fall. "Die Schulstraße", sagt er, "war vor 100 Jahren noch eine qualitätsvolle Straße, in der sich viel abspielte." Nicht, dass heute wenig los sei. Im Gegenteil: Alleine zehn Buslinien fahren hier zum Marktplatz - oder von dort ab. Doch früher, betont er, hätte sich dort Fachgeschäft an Fachgeschäft gereiht. Heute sei sie mehr oder weniger zu einer Essmeile geworden.

Es soll ja Menschen geben, die die Schulstraße für die hässliche Stiefschwester des Selterswegs halten. Wer sich alte Fotos ansieht, findet sich jedoch in einem kleinen Altstadtidyll wieder. Prächtige Fassaden, Kopfsteinpflaster, die Straßenbahn bummelt vorbei. Hier gab es vor 100 Jahren die Mädchenschule, ein großes Kaufhaus, die Post. Der Seltersweg hingegen war nicht das Geschäftszentrum der Stadt; das war das Gebiet rund um den Kirchenplatz, den Marktplatz und die Walltorstraße. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts nahm der Aufschwung des Selterswegs seinen Anfang.

In der Neuen Bäue und in der Schulstraße schlendert kaum jemand; die meisten verfolgen zügig ein Ziel. Selbst die einsame Ampel in der Mitte der Straße wird von Fußgängern und Radfahrern ignoriert. Dabei gibt es hier kaum Leerstand, die Angebotspalette ist breit wie der Horizont. Vor Kaffeeläden sitzen Gäste und schlürfen Latte Macchiato, aus Nagelstudios dringt ein strenger Geruch, Thaimassagen versprechen exotische Entspannung. Wer die wirklich erleben will, geht ins benachbarte Reisebüro. Es gibt die Postfiliale, eine Versicherung, einen Tätowierer, ein Schmuckgeschäft und jede Menge Gaststätten: italienisch, griechisch, indisch, türkisch, Süßes aus Siebenbürgen und bald ein Hühnchenbrater à la Halal. Wer einen Arzt braucht, findet ihn ebenfalls hier. Und die Apotheke ist auch nicht weit.

Die Zeiten ändern sich. In den vergangenen 20 Jahren, sagt Brake, seien zahlreiche Fachgeschäfte in dem Stadtquartier verschwunden. Er denkt an einen Händler für Künstlerbedarf, an einen Plattenladen oder eine Boutique für Kinderbekleidung. Wo früher ein Geschäft für Bürobedarf seinen Sitz hatte, finden sich nun die Tourist-Information und der Weltladen. "Damit ist auch das letzte Fachgeschäft für Schreibwaren aus der Innenstadt verschwunden", sagt Brake, merkt aber an: "Ketten nicht eingerechnet."

Während Brake das Ende der Fachgeschäfte in der Neuen Bäue und in der Schulstraße bedauert, ist Daniela Ruth froh über die Möglichkeit, die die Innenstadtlage bieten kann. Die Leiterin der Tourist-Information zieht nach einem Jahr am neuen Standort eine durchweg positive Bilanz. Während die alten Räume im Anbau an die Kongresshalle beengt gewesen seien, sagt sie, profitiere man nun von der Lage in der Innenstadt, der Nähe zum Marktplatz, den Museen, dem Brandplatz und dem Wochenmarkt. Die Besucherzahlen, sagt Ruth, seien "enorm in die Höhe geschossen". Rund 50 Prozent mehr Gästeanfragen hat die Tourist-Information seit dem Umzug vor einem Jahr zu verzeichnen. Gezählt wurden rund 7000 Besucher mehr als in 2018. Der Souvenirverkauf, sagt die Leiterin, sei um 80 Prozent gestiegen. "Wir sind jetzt viel sichtbarer und besser erreichbar für Besucher der Innenstadt und Radtouristen vom Lahntalradweg", betont Ruth. "Wir sind zentrale Anlaufstelle für Gäste und Einwohner und Visitenkarte der Stadt."

Kein Wunder, dass Ruth betont, die Schulstraße sei in den vergangenen Jahren aufgewertet worden: "Durch die neuen Start-ups, die gastronomischen Betriebe, den Weltladen und die Tourist-Information." Diese Nutzungsmischung von Handel, Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Kultur belebe die Straße, das Quartier und die Innenstadt.

Ingrid Pfeiffer hat die Entwicklung der Schulstraße und der Neuen Bäue hautnah miterlebt. Zusammen mit ihrem Ehemann hatte sie im April 1959 das Schuhhaus Pfeiffer eröffnet; in der Diezstraße gibt es außerdem noch ein Orthopädie-Schuhtechnikgeschäft der Familie. Damals, erzählt sie, sei der Standort ideal gewesen. Direkt am Marktplatz gelegen und vom Berliner Platz damals noch über die Marktstraße mit dem Auto erreichbar. Mit den Jahren habe es aber immer weniger Verkehr gegeben; gleichzeitig hätten auch die vielen Bedarfsgeschäfte geschlossen.

Ihr Laden trotzt dieser Entwicklung, weil er auf Schuhe spezialisiert ist, die erst ab einem bestimmten Alter nötig werden und für die der Beratungsbedarf hoch ist. "Der Handel hat in der Schulstraße aber seinen Stellenwert verloren", sagt Pfeiffer, die sich 2016 aus dem Geschäft zurückgezogen hat. Warum das so ist, liegt für sie ganz klar auf der Hand: der Online-Handel. "Die Geschäfte haben damit zu kämpfen, nicht nur in der Schulstraße, sondern auch im Seltersweg oder in der Galerie Neustädter Tor."

,,Wir sind viel sichtbarer und besser erreichbar

,,Die Geschäfte haben damit zu kämpfen.

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