Michael Janitzki ´verabschiedet sich aus der Stadtpolitik. FOTO: MÖ
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Michael Janitzki ´verabschiedet sich aus der Stadtpolitik. FOTO: MÖ

Der "Quälgeist" macht Schluss

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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Gießen(mö). Wer die Gießener Stadtpolitik in den letzten zwei Jahrzehnten von außen betrachtet hat, wird vielleicht "schade" sagen, wer selbst im Parlamentsbetrieb steckt, wird vielleicht drei Kreuze machen. Polarisiert hat Michael Janitzki jedenfalls fast immer. Aber nun macht der Linkspolitiker Schluss. Er wird bei der Kommunalwahl im kommenden März nicht mehr antreten. "Ich werde im März 80 Jahre alt und mache das jetzt seit 20 Jahren. Irgendwann muss mal Schluss sein", bestätigte der Stadtverordnete auf GAZ-Anfrage.

Mit der PDS ins Stadtparlament

Der 79-jährige frühere Berufsschullehrer gehört zu den wenigen Stadtverordneten, die dem Parlamentsbetrieb einen eigenen Stempel aufgedrückt haben. Außenstehende schätzen den passionierten Radfahrer als hartnäckigen Rechercheur und Aufklärer, der dem hauptamtlichen Magistrat und den jeweiligen Regierungskoalitionen bis "ins Essgefach" nachsteigt. Parlamentsintern indes eilt ihm der Ruf des "Quälgeists" und der "Nervensäge" voraus, die sich in Sackgassen verrennt, zu vorschnellen Schuldzuweisungen neigt und die Zeit seiner Kollegen überstrapaziert. Seine Suche nach den schwarzen Kassen der Landesgartenschau, auch noch Jahre danach, sorgte auch auf der Zuschauertribüne im Rathaus ab und zu für kollektives Stöhnen.

Seine kommunalpolitische Tätigkeit nahm der gebürtige Berliner 2001 als Mitglied einer zweiköpfigen PDS-Fraktion auf. Ab 2006 saß er für Die Linke als Fraktionschef im Stadtparlament und seit 2011 für das Linke Bündnis als einfacher Stadtverordneter. Mit seiner Themenwahl - häufig geht es bei ihm um die Finanzierung von Bauprojekten oder die Wirtschaftspläne von Theatergesellschaft oder Wasserbetrieben - eckte Janitzki immer wieder auch in den eigenen Reihen an. Er kümmere sich zu wenig um die sozial Benachteiligten, wurde ihm vorgeworfen. 2006 wählten ihn die Mitglieder der Linkspartei nur auf Listenplatz sechs, aber die Wähler katapultierten ihn auf Platz eins. Kurz vor der Kommunalwahl 2011 hatte Janitzki von seiner Fraktion schließlich die Nase voll, gab den Vorsitz ab und kandidierte bei der darauffolgenden Wahl für das neu gegründete Linke Bündnis - wieder mit Erfolg.

Bestrebungen seiner Kritiker, ihn wegen der Kandidatur auf einer konkurrierenden Liste aus der Partei Die Linke zu werfen, sollen nicht zuletzt dank prominenter Fürsprecher wie Dietmar Bartsch im Sande verlaufen sein. Die Bundesschiedskommission der Partei lehnte den Rauswurf Janitzkis letztinstanzlich ab.

Erfolge feierte der "Aktenfresser" auch mehrfach mit Klagen oder Beschwerden vor Verwaltungsgerichten oder bei der Kommunalaufsicht, wenn es um die Mitspracherechte von Stadtverordneten in Parlament und Kontrollorganen der städtischen Unternehmen oder um mehr Öffentlichkeit bei Parlamentssitzungen ging.

Zuletzt indes habe er an sich den Verschleiß gespürt. "Diese Arbeit raubt Kraft und Konzentration", sagte Janitzki im GAZ-Gespräch. Er habe auch noch "viele andere Interessen". Eine ist die Kunst und das Werk von Robert Liebknecht, das der Gießener, der in den 1960er Jahren an verschiedenen Theatern in West-Berlin gearbeitet hat, betreut und Ausstellungen auf die Beine stellt.

Auf sein langes kommunalpolitisches Wirken kann Janitzki aber auch selbstironisch zurückblicken. "Seien Sie doch froh, dass ich aufhöre: Dann kommen auch Sie früher nach Hause", sagte er dem Parlamentsberichterstatter der GAZ.

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