In Psychose Tankstelle überfallen

  • Guido Tamme
    vonGuido Tamme
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Gießen(ta). In einer Tankstelle an der Marburger Straße wollte sich eine Gießenerin am zweiten Weihnachtsfeiertag 2019 mit alkoholischen Getränken eindecken. Allerdings konnte sie nicht bezahlen. Deshalb bedrohte sie den Angestellten zweimal mit einem Elektroschocker, als der sie zur Rückgabe ihres Einkaufs aufforderte. Wegen Raubs steht die 30-Jährige nun vor Gericht. Allerdings nicht als Angeklagte, sondern als Beschuldigte. Denn sie hatte die Tat in einer akuten Psychose begangen. Deshalb droht ihr nun eine Sicherungsverwahrung statt einer Haftstrafe.

Nach ihren Angaben hatte sich die junge Frau Mitte November in die Vitos-Klinik begeben, um sich von ihrer Alkohol- und Valiumsucht zu befreien. Nach vier Wochen entließ sie sich selbst. Der Entzug hatte allerdings wenig Erfolg: Die Frau igelte sich in ihrer Wohnung ein und ließ sich Lebensmittel liefern.

Als das über Weihnachten nicht klappte, steuerte sie am zweiten Festtag nachmittags zunächst die nahe gelegene Pizzeria Karlsruh an, die aber geschlossen war. Deshalb ging sie weiter zu einer Tankstelle in der Marburger Straße. Dort legte sie Personalausweis und EC-Karte auf den Tresen und bediente sich am Kühlregal. Am Ende landeten zehn kleine Dosen mit Wodka- und Whisky-Mixgetränken sowie zwei Wasserflaschen im Einkaufsbeutel. Gesamtwert: 42.30 Euro. Doch dann funktionierte ihre EC-Karte nicht.

In Nachbarschaft angetroffen

Der Angestellte an der Kasse forderte die Kundin auf, die Getränke zurückzugeben. Doch die zückte einen Elektroschocker und drohte dem Mann, ihn umzubringen, wenn er sie nicht gehen lasse. Mit etwas Abstand folgte der Angestellte ihr nach draußen. Doch als sie erneut den Taser aufblitzen ließ, gab er auf und alarmierte die Polizei.

Die hatte keine Mühe, die Räuberin in ihrer Wohnung in 300 Metern Entfernung ausfindig zu machen: Sie hatte ihren Personalausweis in der Tankstelle liegen lassen. Der Aufforderung der Beamten, die Tür zu öffnen, kam die Frau allerdings nicht nach. Sie verlangte stattdessen von den Polizisten, sie in Frieden zu lassen und zu verschwinden. Von draußen hörten die Beamten, wie sie ihren Elektroschocker betätigte und mit einem Messer auf die Wohnungstür einstach. Schließlich drohte sie sogar, die Mietwohnung anzuzünden. Deshalb wurde die Feuerwehr alarmiert, die eine Evakuierung der übrigen Hausbewohner veranlasste.

"Die Frau war geistig abwesend" , erinnerte sich ein Kriminalhauptkommissar an die Situation; es sei nicht möglich gewesen, mit ihr ein Gespräch zu führen. Von einem hysterischen und aggressiven Verhalten sprach ein Kollege im Zeugenstand. Erst nach zwei Stunden konnte ein Sondereinsatzkommando den Spuk beenden, die Wohnung stürmen und die Frau festnehmen.

An ihre Tat und die Stunden danach hat die Beschuldigte nach ihren Angaben nur bruchstückhafte Erinnerungen. Sie habe damals großen Hunger gehabt und sich in der Tankstelle eigentlich etwas zu essen kaufen wollen. Erst als der Angestellte ihr erklärt habe, dass er nichts mehr habe und gleich schließen wolle, habe sie das Getränkeregal angesteuert. Und weil sie nicht mit der Karte bezahlen konnte, habe sie dem Verkäufer ihren Ausweis als Pfand angeboten und versichert, am folgenden Tag mit Bargeld zu kommen. Den Taser habe sie nur benutzt, weil sie sich von ihm bedrängt gefühlt habe. Die im Gerichtssaal vorgeführte Videoaufzeichnung aus dem Verkaufsraum widerlegte allerdings diese beschönigende Darstellung: Sie hatte sofort die Kühltheke angesteuert und nach dem Malheur am Lesegerät sogleich den Elektroschocker aus der Tasche geholt.

Hoffnung auf ein normales Leben

Nach ihrer Festnahme war die Räuberin in die Vitos-Klinik eingewiesen worden. Dort blieb sie bis Ende März, wurde dann daheim behandelt und war ab Juni bis vor einigen Tagen ambulante Patientin der Tagesklinik. Ihre bipolaren Störungen werden mit einem Medikament erfolgreich behandelt. Die Gießenerin hofft, bald wieder ins Arbeitsleben zurückkehren zu können. Laut Anklage litt die Frau zur Tatzeit unter einer "psychotischen Störung im Sinne einer Schizophrenie". Was das für die juristische Ahndung des schweren Raubs bedeutet, wird ein psychiatrischer Sachverständiger erläutern.

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