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Der Chemical-Revolution-Prozess fand zum Teil in der Kongresshalle in Gießen statt.

Drogenhandel

Prozess um Chemical Revolution in Gießen: Offene Fragen werden bleiben

  • Kays Al-Khanak
    VonKays Al-Khanak
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In dieser Woche beginnen im Prozess um den bundesweit größten Onlinehandel für Drogen die Plädoyers. Doch auch nach dem Urteil werden offene Fragen bleiben.

Manchmal standen sie in einer Sitzungspause des Landgerichts Gießen in der Kongresshalle draußen im Hof und rauchten eine Zigarette. Daniel B. in der einen Ecke, Arkadiusz D. in der anderen. Vielleicht waren sie noch vor einigen Jahren mal irgendwie miteinander vertraut - wie man das eben in einem kriminellen Umfeld sein kann. Doch nun würdigen sie sich keines Blickes mehr. Wenn Arkadiusz D. aussagt, lacht Daniel B. und schüttelt mit dem Kopf. Der 28 Jahre alte, zuletzt auf Mallorca lebende Deutsche Daniel B. sitzt in Untersuchungshaft, der 30-jährige Arkadiusz D. ist auf freiem Fuß - und wird das wohl auch bleiben. Die Wege der zwei Männer, die entscheidend an Deutschlands größter Drogenplattform Chemical Revolution beteiligt waren, könnten unterschiedlicher nicht sein.

Chemical Revolution: Erste Festnahme im Jahr 2018

Im August 2020 war der Prozess eröffnet worden; in dieser Woche werden die Plädoyers erwartet. Die Corona-Pandemie, die große Anzahl an Angeklagten sowie an weiteren Prozessbeteiligten hatte den Umzug in einen externen Sitzungssaal nötig gemacht; erst in die Kongresshalle, dann in die Leichtbauhalle am Stolzenmorgen. Die Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt wirft den sieben Männern zwischen 25 und 44 Jahren vor, bandenmäßig unerlaubt mit Drogen in nicht geringer Menge gehandelt zu haben. Es geht unter anderem um 130 Kilo Amphetamin, 42 Kilo Cannabis und sechs Kilo Kokain. Die Drogen sollen über Kuriere aus den Niederlanden nach Deutschland transportiert und dort in Ferienwohnungen wie in Ortenberg in der Wetterau deponiert worden sein. »Kunden« erhielten die Betäubungsmittel per Post. Die Angeklagten sollen zwischen 2017 und 2019 eine Million Euro in der Kryptowährung Bitcoin erlangt haben.

Einem jungen Ermittler des Bundeskriminalamts (BKA) war aufgefallen, dass unter dem Namen Chemical Revolution im frei zugänglichen Internet und im Darknet große Mengen an Drogen angeboten wurden. Doch es brauchte den Nervenzusammenbruch des 31 Jahre alten Matthias B., um die Ermittlungen in eine entscheidende Richtung zu lenken. Der Deutsche war 2018 festgenommen worden, weil er mit zwei Haftbefehlen wegen Betrugs gesucht wurde. Er soll als Paketfahrer Waren abgefangen und verkauft haben. In der Hoffnung auf Hafterleichterung packte er aus - und ermöglichte dem BKA die Festnahme weiterer Männer.

So landete die bunt gemischte Gruppe auf der Anklagebank in Gießen: Zum Beispiel der mutmaßliche Kopf der Gruppe, Daniel B., ein Lebemann, der sich zwar als Start-up-Gründer und Pilot bezeichnet, aber beruflich nie richtig Fuß fassen konnte. Er will die Drogen bestellt haben, für das Marketing, die Kundenbetreuung, die Website und den Kontakt zum Programmierer verantwortlich gewesen sein. Auch habe er sich um die Geldbeschaffung gekümmert. In seiner Aussage vor Gericht konzentrierte er sich auf seinen jahrzehntelangen Kokainkonsum. Die Strategie dahinter ist klar: die Unterbringung in eine Entziehungsanstalt, nachdem er einen gewissen Teil seiner Freiheitsstrafe verbüßt hat, um der langjährigen Haft wenigstens für ein paar Jahre zu entgehen.

Da wäre zudem Arkadiusz D., Freund teurer Autos und Uhren, von dem es aus seinem Kolumbienaufenthalt Fotos mit dem Bruder des Drogenbarons Pablo Escobar gibt. Der Niederländer mit polnischen Wurzeln, der den Drogenkauf organisiert haben soll, spricht in diesem Zusammenhang von Urlaub. Aufgefallen war auch er zuvor mit Betrügereien - mit nicht existierenden Ferienwohnungen. Er wird wohl trotz einer möglichen Verurteilung nicht in Haft kommen: Arkadiusz D. leidet an einer seltenen Krankheit und gilt als haftunfähig. Auch der Niederländer mit polnischen Wurzeln hatte detailliert gegenüber dem BKA ausgesagt; den Inhalt jedoch sah zum Beispiel ein Gießener Anwalt kritisch. Er sagte: »Sie erzählen gerne Geschichten, oder?« Weitere Angeklagte: Der Niederländer Youssef E, der die Drogen beschafft haben soll, der Deutsch-Pole Michael G., der unter anderem Transporte organisiert haben soll, sowie die polnischen Fahrer Piotr F. und Radoslaw S.

Nachdem der Prozess spektakulär begonnen hatte, hielt Puzzlearbeit Einzug: Unter dem Vorsitz des enspannt-launigen, aber sehr klaren Richters Dr. Klaus Bergmann versuchte die Neunte Strafkammer, aus den Einzelteilen ein schlüssiges Gesamtbild zu formen. Geholfen hat die Bereitschaft des Gros der Angeklagten, einen Deal einzugehen, bei dem gegen ein substanzielles Geständnis eine Verständigung über den möglichen Strafrahmen getroffen wird.

Chemical Revolution: Suche nach den Hintermännern

Für alle Beteiligten hat dies Vorteile: Für die Generalstaatsanwaltschaft bedeutet das Urteil einen positiven Abschluss der Ermittlungen - auch vor dem Hintergrund handwerklicher Fehler beim BKA, die in der Hauptverhandlung durch bissige Verteidigerarbeit zutage traten. Und die Anwälte können für ihre Mandanten eine vergleichsweise niedrige Strafe erreichen.

Wenn in dieser Woche das Verfahren auf die Zielgerade einbiegt, werden aber viele Fragen offen bleiben: Zum Beispiel nach weiteren Hintermännern und den stillen Teilhabern, die Daniel B. in seiner Einlassung erwähnt hatte. Zu den Gewinnen, die Chemical Revolution abgeworfen hat. Oder zu weiteren illegalen Geschäften einiger der Angeklagten. Für die Ermittlerinnen und Ermittler jedenfalls wird mit dem Ende des Prozesses die Arbeit weitergehen.

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