Mit einem "Die-in" demonstrieren die Teilnehmer in der Ludwigstraße gegen Gefahren im Straßenverkehr. FOTO: CSK
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Mit einem "Die-in" demonstrieren die Teilnehmer in der Ludwigstraße gegen Gefahren im Straßenverkehr. FOTO: CSK

Toter Radfahrer

Protest mit reglosen Körpern auf Gießens Straße

  • vonChristian Schneebeck
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Liegen da etwa tote Menschen auf der Straße? In Gießen hat die Initiative "Critical Mass" an einen toten Radfahrer erinnert, der bei einem Unfall mit einem Auto starb.

Gießen(csk). Etwa 15 Menschen liegen auf der Straße und rühren sich nicht. "Ist das Kunst oder schlafen die da jetzt?", fragt ein verdutzter und etwas verärgerter Autofahrer, als er am Donnerstagabend an der Kreuzung Ludwigstraße/Liebigstraße zum Stehen kommt. Weder noch, lautet die Antwort. Denn die Teilnehmer der "Critical Mass"-Demonstration meinen es vor allem bitter ernst.

Mit ihrem "Die-in" sowie mit Plakaten gedenken sie des 20-jährigen Radfahrers, der dort am 12. August von einem Auto angefahren wurde und einige Tage später an seinen Kopfverletzungen starb. Genau sieben Minuten bleiben den Demonstranten für den Protest Zeit. So lange ist die Straße gesperrt - und der allgemeine Trubel unterbrochen. "Wir möchten die Gießener Stadtpolitik einmal mehr dazu auffordern: Schützt schwächere Verkehrsteilnehmende in unserer Stadt endlich durch notwendige Taten, statt kleine symbolische Projekte umzusetzen!", ruft Andrea Barany den 50 Zuhörern während einer kurzen Kundgebung entgegen. "Wir wollen nicht erst Menschenleben beklagen müssen, damit die Stadtpolitik die Gefahren minimiert!" Mehrfach wird die Rede von hupenden Autofahrern übertönt. Barany drückt unterdessen ihr Mitgefühl aus: den Angehörigen und Freunden des toten Radfahrers, aber auch der 22-jährigen Autofahrerin, die an dem Unfall beteiligt war. "Es bleiben Trauer und Schmerz", sagt die Rednerin nach einer Schweigeminute und vor dem "Die-in".

Begonnen hat die Protestfahrt am Uni-Hauptgebäude. Die Ludwigstraße sei für Radler besonders heikel, findet die "Critical Mass", und spricht von "aktuellen gefährlichen Zuständen" auch an anderen Stellen in der Stadt. Ein wirksames Gegenmittel sei die "Vision Zero", erklärt Barany. Das Konzept stammt aus dem Arbeitsschutz und sieht vor, Systeme so zu gestalten, dass niemand mehr durch Unfälle getötet oder schwer verletzt wird. Konkret bedeutet das zum Beispiel für den Radverkehr, ihn möglichst von Fahrbahn und Fußweg zu trennen.

So gesehen symbolisiert das "Die-in" das glatte Gegenteil. Radfahrer liegen vor den Autos, mitten auf dem Asphalt, statt sicher über eigene Wege zu fahren. "Seht unsere starren Körper an. Aus vollen Leibern schreien sie stumm eine Mahnung aus", sagt Barany. Anschließend entzünden zwei Teilnehmerinnen noch Kerzen vor dem weißen Ghostbike, das seit ein paar Tagen an der Unfallstelle steht.

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