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Ärzte demonstrieren in Gießen - und benötigen Hilfe der Polizei

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Von: Christoph Hoffmann

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Ärzte demonstrieren in Gießen gegen überbordende Bürokratie, verschlechternde Einnahmen und mehr. Dann brauchen sie die Polizei.

Gießen - Es kommt selten vor, dass bei einer Demonstration die Polizei gefeiert wird. Am Mittwochvormittag im Seltersweg in Gießen konnten sich die Beamten jedoch über lauten Jubel und Applaus von rund 100 Ärzten und medizinischen Fachangestellten freuen. Denn als Michael Knoll, Hausarzt aus Lich und Präsidiumsmitglied der Landesärztekammer, am Kugelbrunnen seine Rede halten wollte, versagte sein Megafon.

Die Polizei, die den Protestzug durch die City begleitete, lud den Mediziner daraufhin ein, seine Rede über das Mikrofon im Inneren des Streifenwagens zu halten.

Gießen: Ärzte-Protest im Seltersweg - „Praxis tot, Patient in Not“

Viel mehr Grund zum Jubeln hatten die Demonstranten jedoch nicht. Sie hatten sich um 9.45 Uhr auf dem Gießener Bahnhofsvorplatz getroffen, um gemeinsam gegen überbordende Bürokratie, sich verschlechternde Einnahmen, mangelhafte Digitalisierung und viele weitere Missstände zu protestieren. Gemeinsam zogen die Ärzte und ihre Angestellten dann über die Liebigstraße und die Frankfurter Straße in den Seltersweg. »Praxis tot, Patient in Not« und viele weitere Sprüche skandierten sie während des Marschs und verteilten an teils applaudierende Passanten Flyer und Informationsmaterial.

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Hausarzt Michael Knoll, bevor sein Megafon versagt. © Oliver Schepp

Die beiden medizinischen Fachangestellten Inge Kaisig und Johanna Sasse waren zusammen mit ihrem Chef extra aus dem Rhein-Main-Gebiet nach Gießen gekommen. »Die Situation ist dramatisch. Die Versorgung steht auf dem Spiel«, sagte Kaisig. In der Praxis werde alles teurer, Material, Strom, die Gehälter der Ärzte würden jedoch nicht steigen. »Wie soll das funktionieren?« Ihre Kollegin Sasse monierte zudem die große Belastung durch Corona und die nicht nur dadurch gestiegene Papierarbeit. »So kann es nicht weitergehen«; sagte die junge Frau.

Ärzte-Protest im Seltersweg Gießen: Düsteres Bild der Situation der medizinischen Versorgung

Auch Gießener Ärzte beteiligten sich an dem Protestzug, zum Beispiel Witold Rak. Der Allgemeinmediziner aus der Neustadt hatte bereits im Vorfeld der Demonstration ein düsteres Bild über die Situation der medizinischen Versorgung gezeichnet. »Wenn sich an der Bürokratie nicht viel ändert, werden große medizinische Versorgungszentren die Hausärzte ablösen. Die Patienten haben dann keinen persönlichen Ansprechpartner mehr und keinen Arzt, der die Lebens- und Krankengeschichte kennt.«

Davor warnte auch Hausarzt Knoll bei seiner Rede am Kugelbrunnen. »Die wohnortnahe ambulante medizinische Versorgung durch niedergelassene Ärzte wird in Deutschland gerade abgeschafft«, rief er der Menge vom Beifahrersitz des Streifenwagens aus zu. Dies sei nicht im Interesse der Patienten - »und darum protestieren wir heute hier«. (Christoph Hoffmann)

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