Über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den wissenschaftlichen Nachwuchs sprechen die Teilnehmer der Online-Debatte. FOTO: CSK
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Über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den wissenschaftlichen Nachwuchs sprechen die Teilnehmer der Online-Debatte. FOTO: CSK

Promotion und Pandemie

  • vonChristian Schneebeck
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Gießen(csk). Der Nachwuchs bremst den Nachwuchs aus. Statt zu forschen und zu schreiben; sei sie zwischen März und August hauptsächlich mit der Betreuung ihrer Kinder beschäftigt gewesen, klagte Dr. Birte Christ am Montagabend bei der Online-Diskussion "Wissenschaftlicher Nachwuchs in Zeiten von Corona". Den ersten Lockdown im Frühjahr nannte sie "eine Katastrophe" für ihre Habilitation.

Christs Frage, wer unter der pandemiebedingten Ausnahmesituation im akademischen Betrieb eigentlich besonders leide, war ein roter Faden für die folgenden anderthalb Stunden. Die erste Antwort lieferte die Anglistin gleich selbst: "Nachwuchswissenschaftlerinnen haben in der Krise mit ihrer Wettbewerbsfähigkeit gezahlt - und sie tun das auch weiterhin."

Die Aktionswoche "Digitaler Habitus" des Zentrums für Medien und Interaktivität begann so über weite Strecken mit einer klassischen Bestandsaufnahme. Aus den Naturwissenschaften berichtete Lukas Groos. Seit praktische Übungen nicht oder nur eingeschränkt vor Ort durchführbar seien, hätten Dozenten deutlich mehr Arbeit, sagte der Chemiker. Ein "digitales Laborpraktikum" etwa beanspruche mit Film- und Schnittzeit zwölf Stunden - statt zwei Stunden für normale Veranstaltungen. Demnach verlagere Corona "die Kapazitäten von der Forschung auf die Lehre".

Dass die Pandemie vorhandene Unsicherheiten erhöhe, betonte Sahra Rausch. Die Sozialwissenschaftlerin kritisierte das fast ausschließlich mit befristeten Verträgen laufende System. Dieses treffe nun auf eine Forschungslandschaft mit geschlossenen oder schwer zugänglichen Bibliotheken und Archiven sowie etlichen anderen Hürden für Doktoranden und Habilitanden, die parallel weiter zu lehren hätten. "Dauerstellen für Daueraufgaben" müsse langfristig die Losung im akademischen Mittelbau heißen - und kurzfristig über generelle Verlängerungen von Qualifikationszeiten nachgedacht werden.

Krise verschärft Arbeitsbedingungen

Als Prof. Peter Kämpfer das Wort ergriff, lagen damit schon etliche strittige Punkte auf dem Tisch. Der JLU-Vizepräsident für Forschung versicherte, das Präsidium kenne all diese Probleme. Generell höre man im Corona-Krisenstab aber eher selten von den Belangen der Nachwuchsforscher, dafür umso häufiger, was Studenten beschäftige. Allgemeine Verlängerungen oder lehrfreie Zeiten beurteilte Kämpfer skeptisch. Man müsse "die finanziellen Herausforderungen" der Zukunft im Blick behalten und verstehen, dass die Uni "keine Behörde" sei, sondern "eine Bildungseinrichtung mit notwendigerweise hoher Fluktuation".

Gegen Kämpfers Hinweis, längere Verträge führten nicht immer zu besseren Ergebnissen und kürzere nicht automatisch zum Scheitern, regte sich vor allem bei Rausch und Christ Widerstand. Aus familiärer Sicht seien beispielsweise auch obligatorische Hochschulwechsel ein Problem, sagte Christ. Und Rausch verwies darauf, drei Jahre blieben für eine Promotion knapp bemessen - erst recht angesichts etlicher anderer Aufgaben: "Letztendlich verschärft die Pandemie also nur die ohnehin prekären Arbeitsbedingungen des Mittelbaus."

Einig war sich das Podium, dass digitale Formate nunmehr fest zum Unialltag gehören. Kämpfer sprach von "ganz anderen Lehrformen", die künftig etabliert seien, aber auch davon, dass die JLU "natürlich eine Präsenzuniversität ist und bleibt". Insbesondere auf drittmittelfinanzierte Projekte sah er "eine ein- bis zweijährige Delle" zukommen. Momentan könnten viele Anträge nicht geschrieben werden. Ferner sehe man bereits, wie private Geldgeber die Budgets für Stipendien und Forschungsprojekte kürzten.

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