Frauenquote

THM bei Professorinnen Schlusslicht

  • schließen

Nur jede zehnte Professur ist von einer Frau besetzt: Damit bildet die TH Mittelhessen das Schlusslicht aktueller Statistik. Vizepräsidentin Katja Specht erklärt, warum Frauenförderung sinnvoll ist.

Das "Zeit-Magazin" hat kürzlich eine Statistik zum Professorinnen-Anteil an den 50 größten staatlichen Universitäten veröffentlicht. Mit einem Anteil von zehn Prozent landet die THM am Schluss. Frau Professor Specht, waren Sie überrascht, dass die THM den allerletzten Platz belegt?

Katja Specht: Nein. Die Technischen Hochschulen stehen dort alle hinten. Das liegt in der Natur der Sache. In unseren Augen ist das Fächerspektrum maßgeblich. Wir sind vom Profil am stärksten technisch ausgerichtet. Studiengänge wie Lehramt oder Pflege haben wir nicht am Start, der BWL-Anteil ist deutlich geringer als an anderen Hochschulen.

Bedauern Sie den geringen Anteil an Frauen unter den Lehrenden?

Specht: Ja. Wir versuchen das zu ändern. Aber für viele Stellen liegen keine Bewerbungen von Frauen vor. Was man dagegenhalten kann: Im Bereich Verwaltung haben wir einen extrem hohen Frauenanteil von deutlich über 50 Prozent, auch in gehobenen Besoldungsstufen.

Da müsste man ja fast Männerförderung betreiben.

Specht: Nein! Es müssen die Menschen die Stellen bekommen, die Kompetenzen haben.

Mit diesem Argument dürfte man auch keine Frauen fördern.

Specht: Ich sehe Frauenförderung als gute Möglichkeit, um etwas anzuschieben. Wenn alle erst einmal die Erfahrung gemacht haben, dass ein guter Gender-Mix zu guten Entscheidungen führt, wird sie fast zum Selbstläufer.

Wie hoch ist der Frauenanteil bei den Studierenden?

Specht: Er liegt bei 20 Prozent. Das ist sehr unterschiedlich je nach Fach. Gerade in den Mint-Fächern sind wir an Maßnahmen beteiligt wie am Hessen-Technikum. Das ist eine Art Testphase für junge Frauen, die sich ein solches Studium nicht richtig zutrauen. Denn das ist ganz oft das Problem.

Solche Fördermaßnahmen gibt es seit Jahrzehnten. Wirken sie überhaupt? Welche haben sich bewährt, welche nicht?

Specht: Programme alleine werden nichts ändern. Wichtig ist eine grundsätzliche Offenheit der Institution. Daran arbeitet die THM seit Jahren. Schon 2005 haben wir das Zertifikat "Familiengerechte Hochschule" erlangt, das uns eine familienbewusste Personalpolitik bescheinigt. Das geht Hand in Hand mit dem Professorinnenprogramm, für das wir uns erneut bewerben wollen. Gerade unser Präsident treibt das Thema extrem voran. Er spricht mit jeder Bewerberin auf eine Professorenstelle persönlich. Eine Frage ist: Wie kann man Frauen bewegen, sich zu bewerben? Zunehmend entwickeln wir ein Scoutingsystem und sprechen frühzeitig Frauen an, die beispielsweise gerade promovieren. Ich sehe das größte Problem zu Beginn. Es gibt zu wenig Basis.

Sie sprachen von einer Offenheit der Institution. Wie kann man die erreichen in Kollegenkreisen, die seit Jahrzehnten männlich geprägt waren und größtenteils sind?

Specht: Es gibt insbesondere technische Fachkulturen, die nicht unbedingt Frauen ansprechen. Wir versuchen sie aufzubrechen, indem wir den Nutzen für alle Beteiligten herausstellen. Ich selbst habe die Erfahrungen, die erste oder einzige Frau zu sein, immer als sehr bereichernd empfunden und nie Probleme gehabt. Die Hochschule an sich empfinde ich als total offen.

Sie haben ja auch zwei Kinder.

Specht: Gerade das Hochschulumfeld bietet Möglichkeiten der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, wie man sie woanders kaum findet. Allerdings gab es Phasen, in denen ich viel nachts gearbeitet habe. Ich sage den Studentinnen, dass ich Kinder habe: Mädchen, es geht, seid mutig. Es ist heute selbstverständlich, dass wir beim Vereinbaren von Sitzungsterminen die Uhrzeiten abfragen. "Ich muss meine Kinder abholen" ist eine völlig akzeptierte Antwort bei Frauen wie Männern.

Gab es in Ihrem Werdegang einen Punkt, an dem Sie bewusst gesagt haben: Ich begebe mich in einen Männerberuf?

Specht: Ich habe nie in einem extrem männerdominierten Umfeld gearbeitet. Nur einmal kam ich an diesen Punkt: Als die Entscheidung anstand, ob ich den Ruf an die THM annehme. Es war klar, dass ich im Fachbereich Wirtschaftsingenieurwesen die einzige Frau sein würde.

Spielt es eine Rolle, ob vorn im Hörsaal eine Frau steht oder ein Mann?

Specht: Ja. Studentinnen erleben weibliche Vorbilder. Für den Fachbereich ist es wichtig, das Miteinander unterschiedlicher Herangehensweisen und Perspektiven vorgelebt zu bekommen. Wir wollen demnächst einem Imagefilm drehen, in dem wir erfolgreiche Frauen an der THM zeigen. Daran wirke ich sehr gern mit.

In Internet-Kommentaren zu nüchternen Artikeln über die Professorinnen-Statistik wird teilweise sehr emotional über Frauenförderung gewettert. Haben Sie so etwas auch schon erlebt?

Specht: Ja, ich bin sowohl Männern als auch Frauen begegnet, die das Thema zu extrem sehen. Ich kann die Frustration mancher Männer zum Teil verstehen. Bei einer Stellenbesetzung müssen klare Kompetenzprofile und Kriterien formuliert sein. Dabei kann man das Thema Gender aber ruhig beachten und hervorheben, dass eine Mischung einen wertvollen Input bedeutet.

Hat die THM Ziel-Quoten, etwa: 50 Prozent Professorinnen bis 2050?

Specht: Diesen Anteil werden wir wohl nicht erreichen. Wir haben ein bestimmtes Profil. Bei der Weiterentwicklung berücksichtigen wir die Veränderungen in der Berufswelt und verstärkt die Frage, ob Angebote auch für Frauen attraktiv sind. Aber wir werden keine Studiengänge einführen, nur um die Frauenquote zu erhöhen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare