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Mit Atemübungen lässt sich nicht nur Stress bekämpfen, sondern auch vorbeugen.

Forschung und Gesundheit

Professor aus Gießen: Mit Achtsamkeit den Stress bekämpfen

  • VonSebastian Schmidt
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Ein Trend der auf Youtube, Instagram und auch bei Krankenkassen längst angekommen ist: Achtsamkeit. Der Gießener Psychologe Ulrich Ott forscht schon seit Jahren zur Stressbewältigung.

Ein Gong ertönt: »Guten Morgen. Kannst du wahrnehmen, wie sich dein Körper heute Morgen und gerade jetzt anfühlt?« So beginnt die Meditationsübung einer beliebten Handy-App. Was die nächsten fünf Minuten folgt, sind Anweisungen, bei denen man sich ganz bewusst auf den eigenen Körper konzentriert. Mit so einer Achtsamkeitstechnik soll sich vorhandener Stress abbauen und neuer Stress verhindern lassen.

Professor aus Gießen zu Achtsamkeit: »Die Wirksamkeit ist belegt«

»Die Wirksamkeit ist belegt«, sagt Ulrich Ott, Psychologe und Meditationsforscher an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Das sehen auch immer mehr Krankenkassen so und finanzieren ihren Mitgliedern spezielle Handy-Anwendungen oder bezuschussen Kurse. Aber wie funktioniert Stressabbau mit Achtsamkeit eigentlich?

Mit Achtsamkeitsmeditationen lernt man explizit seine Gedanken zu lenken. Zum Beispiel konzentriert man sich während Atemübungen ganz auf das Heben und Senken der Bauchdecke. In einer akuten Stress-Situation soll das helfen, aus den Stress-verursachenden Gedanken auszubrechen. »Und wir können in Versuchen messen, dass der Puls sinkt, die Atemfrequenz herunter geht und weniger Schweiß produziert wird«, sagt Ott. Der Stress werde also tatsächlich reduziert.

Professor aus Gießen: Mit Achtsamkeit den Autopiloten ausschalten

Bei einer anderen Übung, dem »Body-Scan«, richtet man seine Aufmerksamkeit auf einzelne Körperteile: Zwickt es im Fuß oder sind die Arme schwer? Egal. Einfach nur wahrnehmen, ohne darüber zu urteilen. Oder man denkt während einer Meditation über ein bestimmtes Gefühl nach: Wann war man das letzte Mal traurig? Wodurch wurde diese Stimmung ausgelöst und wie hat man sich daraufhin verhalten?

Achtsamkeitstraining besteht meist aus solchen Meditationen, also Gedankenübungen. Es gehe darum, die Aufmerksamkeit bewusst, ohne zu werten, auf den gegenwärtigen Moment zu richten, erklärt Ott. »Das hört sich erst einmal unspektakulär an.« Viele Anfänger denken, das sei normal und man würde sich auch im Alltag so verhalten. »Aber das stimmt nicht.« Meist befinde man sich mit seinen Gedanken im »Autopiloten« und folge Routinen. Über das Zähneputzen oder Schuhebinden denkt man nicht aktiv nach. Alltagshandlungen bewusst zu hinterfragen, sei die Ausnahme. Und auch der gegenwärtige Moment stehe selten im menschlichen Fokus. »Wir stecken mit unserem Kopf oft in der Zukunft oder der Vergangenheit.« Genauso sei es menschlich, die eigenen Gedanken zu bewerten. Das einmal nicht zu tun, falle vielen Meditierenden am Anfang schwer, sagt Ott.

Achtsamkeitsforscher aus Gießen: Meditieren verändert das Gehirn

Durch die Achtsamkeitsübungen ändere sich auch langfristig der Umgang mit Stress. Menschen werden sensibler für Warnsignale und können sich rechtzeitig zurückziehen, bevor der Stress überhand gewinnt. »Sie bauen Resilienz auf.« Das mache sich auch plastisch im Gehirn bemerkbar.

»Sie trainieren mit den Meditations-Übungen bestimmte Hirnareale, und die bilden sich dann stärker aus.« Diese Veränderungen lassen sich in der Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT) sichtbar machen. Ott erzählt von Untersuchungen laut denen die Gehirne von Menschen, die meditieren, auch langfristig fitter bleiben. »Gerade in Hinblick auf Demenz eine wichtige Forschung.« Eine Studie aus den USA zeige, dass Gehirnscans von 50-Jährigen, die meditieren, im Schnitt 7,5 Jahre jünger eingeschätzt werden.

Achtsamkeitsforscher aus Gießen: Vorsicht im Angebotsdschungel

Die Krankenkassen interessiere an dem Thema, dass Stress ein Auslöser für viele Krankheiten wie Bluthochdruck oder Magengeschwüre ist. Kein Wunder also, dass der Markt mit Achtsamkeits-Angeboten groß ist: Bücher, Videos, ganze Kurse, Smartphone-Apps.

»In dem Angebotsdschungel muss man die Spreu vom Weizen trennen.« Ott rät die eigene Krankenkasse nach seriösen Angeboten zu fragen, die meisten hätten mittlerweile auch Informationsseiten zur Achtsamkeit im Internet. Und eine gute Nachricht laut Ott: »Es ist nie zu spät, um mit dem Meditieren anzufangen.« (seg)

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