Wie hier bei der Nachttanzdemo wünschen sich die Kulturschaffenden mehr Veranstaltungsmöglichkeiten unter freiem Himmel durch Freilichtbühnen.	ARCHIVFOTO: CSK
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Wie hier bei der Nachttanzdemo wünschen sich die Kulturschaffenden mehr Veranstaltungsmöglichkeiten unter freiem Himmel durch Freilichtbühnen. ARCHIVFOTO: CSK

Probenräume statt Parkplätze

  • vonSebastian Schmidt
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Gießen (seg). Die Kultur soll in der Stadtpolitik nicht länger die letzte Geige spielen. Deswegen haben sich Künstler, Musiker und Schauspieler zur »Freien Kulturszene Gießen« zusammengeschlossen und für die Kommunalwahl 2021 ein 36 Punkte umfassendes Positionspapier vorgestellt. Die Kulturschaffenden fordern von den Parteien mehr Räume, mehr Geld, weniger Bürokratie und vor allem: Unterstützung in der Corona-Pandemie.

Freilichtbühnen wegen Corona

»Kulturschaffende haben 2020 auf viele Auftritte verzichtet. Das wollen wir 2021 nicht noch einmal machen«, sagt Wolf Schreiber. Er ist selbst Musiker und Mitarbeiter der »raumstation3539« und erklärt, was sich die Künstler wegen Corona nächstes Jahr von der Stadtpolitik erhoffen. Das sind vor allem Orte, an denen Kunst mit den Hygieneregeln überhaupt stattfinden kann. Ihre Vorschlag lautet: Freilichtbühnen. Mehrere Bühnen in der Innenstadt verteilt, überdacht, mit Stromanschlüssen und Toiletten. Dort könnten mit Abstandsgebot und an der frischen Luft Lesungen, Konzerte und Theatervorstellungen stattfinden. »Eben alles was eine Bühne braucht.«

Befürchtungen von Anwohnern, dass es zu laut werden könnte, entgegnet Schreiber: »Kultur ist nicht immer laut.« Es gehe auch nicht darum Nachtvorstellungen zu machen, sagt Anna Bühne vom Zentrum für interkulturelle Bildung und Begegnung. Für die Kulturschaffenden der Stadt seien diese Bühnen aber vielleicht die einzige Hoffnung, dass nächste Jahr wieder mehr Kulturveranstaltungen stattfinden können. »Wir gehen davon aus, dass uns Corona noch bis weit in den Herbst 2021 beschäftigen wird«, sagt Schreiber.

Neben Corona sind auch neue Räume für die Kulturschaffenden ein wichtiges Thema im Positionspapier. Positiv sehen die Künstler, dass die Stadt sich zum neuen Kulturgewerbehof in der Steinstraße bekennt. Jan Buck von der Raumstation sagt: »Aber das kann nur ein Anfang und darf kein Ende sein.« Denn der Bedarf an Räumen sei groß. Als Beispiel nennt Buck Probenräume für Bands. In den 90er Jahren seien Probenräume in der Kulturinitiative Gießen entstanden. »Seit dem ist Gießen um 15 000 Einwohner gewachsen. Mehr Probenräume gibt es aber nicht.« Die Kulturräume der Stadt sollen aus Sicht der »Freien Kulturszene« mit der Stadt mitwachsen. Um das sicherzustellen, fordern sie eine Kulturflächenverordnung: In neuen Bebauungsplänen soll feststehen, dass ab einer Geschossfläche über 700 Quadratmeter mindestens 3 Prozent für eine Kulturnutzung vorgesehen sein muss. Als Ausgleich dazu soll die Fläche für Parkplätze reduziert werden. Das Thema Parkplätze ist auch ein wunder Punkt beim Kulturgewerbehof. Die Stadt würde immer noch untersuchen, ob man auf dem Gelände der Berufsfeuerwehr neben dem Kulturgewerbehof und der Freiwilligen Feuerwehr, nicht auch noch ein Parkhaus errichten kann, sagt Buck.

Umweltschutz ist Kulturschutz

Bühne erklärt dazu: »Wir wollen nachhaltig sein.« Da passe ein Parkhaus direkt neben einer Bahnstation nicht ins Bild. Der Umweltschutz ist den Kulturschaffenden so wichtig, dass sie die Klimaneutralität 2035 bereits an zweiter Stelle in ihrem Positionspapier anführen. Buck erklärt: »Wir haben ja gesehen, dass im Katastrophenfall die Kultur als erstes geopfert wird.«

Damit jüngere Menschen mit ihren Kultur-Bedürfnissen, die zum Beispiel Clubs und das Nachtleben betreffen, stärkeren Einfluss in der Stadtpolitik bekommen, fordert die Freie Kulturszene unter anderem eine Selbstverpflichtung der Parteien: 33 Prozent der Listenplätze sollen zukünftig mit Menschen besetzt werden, die jünger als 33 Jahre sind.

Das Positionspapier steht auf der Webseite der »raumstation3539« zum Download bereit: raumstation3539.net.

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