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Die Kirche ist offen für ein stilles Gebet. FOTO: CHH

Privataudienz mit Orgelkonzert

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Gießen(chh). "Kirche ist offen..." steht auf dem Plakat. Es hängt direkt vorm Eingang der Johanneskirche. Auch in Zeiten von Corona sollen die Bürger die Möglichkeit haben, ein stilles Gebet in ihrem Gotteshaus sprechen zu können. Allerdings auch hier nicht ohne Sicherheitsvorkehrungen. Die Johanneskirche ist derzeit nur zu bestimmten Zeiten zugänglich. Zudem werden die Besucher auf die Abstandsregelungen hingewiesen. Den Gläubigen muss die derzeitige Isolation besonders schwerfallen. Schließlich heißt es beim Evangelisten Matthäus in Kapitel 18, Vers 20: "Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen."

Ich gestehe, diesen Bibelspruch gegoogelt zu haben. Ich bin kein gläubiger Mensch, und in der Kirche war ich auch schon lange nicht mehr. Bis zu diesem Nachmittag. Ich gehe durch den Eingang, öffne die Tür mit meinem Ellenbogen - und befinde mich mutterseelenalleine im Kirchenschiff.

Schon immer war die Kirche ein Ort, den die Menschen in schweren Zeiten gesucht haben. Auch in der heutigen Welt, in der es für Hungersnöte, Plagen und eben Pandemien ganz weltliche Erklärungen gibt, finden die Menschen Halt und Trost in ihrer Religion.

Ich setze mich in die hinterste Reihe. Die Kirche wirkt, als ob hier jeden Moment eine Andacht beginne. Auf dem Altar liegt eine aufgeschlagene Bibel, das Mikrofon scheint nur darauf zu warten, dass der Pfarrer ein Gebet vorträgt.

Stattdessen: Stille. Und die erzielt ihre Wirkung. Ich denke an aktuelle und vergangene Probleme, an schöne und glückliche Momente. Die Stille lässt zur Ruhe kommen, die Pandemie vor der Türe scheint für einen Moment ganz weit weg zu sein.

Während ich gedankenverloren auf der Kirchenbank sitze, höre ich ein Pfeifen. Es kommt aus dem oberen Stockwerk. Irgendjemand flötet eine fröhliche Melodie. Gerade, als ich mich auf dem Weg nach Hause machen will, dröhnt ein lautes Rumpeln durch die Kirche. Ist das vielleicht der Küster? Nein, wohl eher der Kantor. Denn einen Moment später erfüllt ein schweres Orgelspiel das Gotteshaus.

Es ist ein surreales Erlebnis. Zum ersten Mal seit Jahren sitze ich in einer Kirche. Ganz allein, mit einem melancholischen Privatkonzert. Bevor ich zu gefühlsduselig werde, steuere ich den Ausgang an.

An der Tür steht eine ältere Dame. Sie scheint gewartet zu haben. Ich weiß nicht, ob es aus Angst vor einer Ansteckung war, oder ob sie mir einfach ein paar Minuten Privatsphäre geben wollte. Ich hoffe, sie wird ihr Privatkonzert genauso zu schätzen wissen wie ich meines.

Auf dem Weg zum Auto fällt mir ein, wann ich das letzte Mal in einer Kirche gewesen bin. Es war die Hochzeit eines guten Freundes. Es ist Zeit, ihn mal wieder anzurufen.

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