Stadttheater

Premiere: Sex auf pupsenden Barhockern

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Eine Prise "Trainspotting", etwas "Bridget Jones" und viel Liebe. Das Theaterstück "Eine Sommernacht" ist eine bezaubernde Komödie mit Tiefgang. Und die Zuschauer sind hautnah dabei.

Endlich! Nachdem in der eigentlich variantenreich zu bespielenden taT-Studiobühne in der letzten Zeit Guckkastenperspektive bei Inszenierungen die Regel war, nutzen Regisseur Klaus Hemmerle und Bühnenbildner Ralph Zeger nun mal wieder die Chancen des Raums. Bei "Eine Sommernacht" sitzt das Publikum an einem riesigen umlaufenden Tresen und schaut den Schauspielern bei einer Dose Bier oder einem Glas Wein zu. Unmittelbar ist man dabei, wenn sich Anne-Elise Minetti und Lukas Goldbach als ungleiches Paar Helena und Bob in einer Bar kennenlernen, nach jeder Menge Alkohol Sex haben, sich verlieben und die Nacht ihres Lebens erleben.

Zuschauer sitzen am Tresen

Das Zweipersonenstück des schottischen Dramatikers David Greig von 2008 spielt in Edingburgh und die Straßen und Typen der als "Athen des Nordens" gerühmten Stadt sind im Kopfkino der Zuschauer präsent. Schläger Tiny Tam, der geistig behinderte Neffe Brandon und sogar ein sprechender Penis tauchen auf, wenn Minetti und Goldbach immer mal wieder aus ihren Hauptrollen in kleine Nebenrollen springen. Auch ihr permanenter Wechsel zwischen Erzählerperspektive und direkter Rede sowie die zuweilen deftigen Sprüche machen den Neunzigminüter abwechslungsreich. Eine Fülle von folkigen Popsongs (von Gordon McIntire) sorgt für schottische Pub-Atmosphäre, auch wenn der Innenbereich des roten Tresens wegen der Mikrofonständer, Verstärker und Instrumente doch eher an einen Probenraum erinnert.

"Eine Sommernacht" erzählt vom Beginn der ungewöhnlichen Liebe zwischen Helena und Bob. Ungleicher könnte ein Paar kaum sein: sie desillusionierte, von ihrem Liebhaber versetzte Scheidungsanwältin, er mäßig erfolgreicher Kleinkrimineller, der lieber Straßenmusiker wäre. Doch was die Mittdreißiger eint ist ihre Midlife-Crisis. Nach reichlich Alkohol und wildem Sex wollen sie wieder getrennte Wege gehen – und schaffen es doch nicht. Mit einem vollgekotzten Brautjungfernkleid und 15000 Pfund in einer Plastiktüte lassen sie es in einer verregneten Mittsommernacht krachen: chaotisch, hemmungslos und im Taumel der Gefühle. Ob es ein Happy End gibt? Das soll hier nicht verraten werden. Schließlich ist in einer verzauberten "Sommernacht" alles denkbar, nicht nur an einem Kartenautomaten im Parkhaus gilt: "Change is possible!".

Reichlich Alkohol und wilder Sex

Minetti und Goldbach sind als Stadtneurotiker und Losertypen Helena und Bob die Idealbesetzung für diese romantisch-skurrile Sex-Komödie. Die Pointen sitzen, das Tempo stimmt und auch die wechselnden Spielrichtungen im Tresen-Viereck haben sie gut im Griff. Minetti nimmt man die scheinbar taffe, aber tief im Inneren verunsicherte Singlefrau jederzeit ab, Goldbach den vom Glück verlassenen Loser mit leicht abgerissenem Kleinganovencharme. Mit Akkordeon und Gitarren begleiten sie sich beim Singen der fast zu zahlreichen Balladen und Folksongs, die am Ende sicher noch so manches Zuschauerohr "gewurmt" haben dürften (musikalische Einstudierung: Christian Keul). Und wenn die beiden auf pupsenden Barhockern einen hemmungslosen One-Night-Stand simulieren, können "Harry und Sally" mit ihrer Orgasmus-Szene einpacken. Selbst einem missglückten Bondage-Spiel im Fetisch-Club entlocken Minetti und Goldbach poetische Momente. Diese "Sommernacht" ist wie für die beiden gemacht.

Wer auch einmal am Tresen sitzen möchte und sich auch von derberer Wortwahl nicht abschrecken lässt, kann dies am 17. November, 2., 14. und 31. Dezember tun.

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