Stadttheater

Premiere von Händels "La Resurrezione"

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In Georg Friedrich Händels Frühwerk "La Resurrezione" gibt sich das Stadttheater religiös.

Da liegt er nackt unterm Leichentuch, der tote Jesus, hinabgefahren in des Teufels Reich, dessen hohe Waschbetonmauern signalisieren: Hier kommt keiner mehr raus, was an diesem Ort ohnehin kaum möglich erscheint. Doch ein lichter Engel mit Glitter im Haar biegt um die Ecke und prophezeit des Toten Auferstehung. Die lässt nach der Pause nicht lange auf sich warten, wenn in Georg Friedrich Händels Frühwerk "La Resurrezione – die Auferstehung" eruiert wird, was dereinst von Karfreitag bis Ostern geschah.

Es geht um Trauer und Tod, um Verlust und Trost, um Wut und einen Leichenschmaus, aber auch um Zwischenmenschliches und um Perspektiven in Form des Lichts am Ende des Tunnels. Im zweiten Teil des Abends hat der Himmelsbote dem Satan Ketten angelegt als Symbol für dessen Niederlage.

Händel war 23 Jahre jung, als er 1708 "La Resurrezione" in Rom als Oratorium schrieb, um religiöse und philosophische Fragen musikalisch aufzuarbeiten. Der Abstieg Jesu in die Welt der Toten ist sein Thema. Ebenso kommt Maria Magdalena zu Wort. Und der Jünger Johannes. Regisseur Balázs Kovalik hat Händels Arien und Ensembles um einen Subtext ergänzt, um das Oratorium als Oper szenisch umzusetzen. Der Coup ist geglückt, das Große Haus spendet am Premierensamstag langen rhythmischen Applaus mit Standing Ovations.

Den Kampf zwischen Engel und Teufel um das christliche Auferstehungswunder transformiert die Inszenierung ins Hier und Jetzt. Auf zwei Handlungsebenen illustriert Kovalik die Höllenfahrt Jesu und die irdische Wirkung des Ereignisses. Zum einen ringen Angelo und Lucifero um den Verstorbenen, zum andern trauern auf der Erde die Gottesmutter, Maddalena mit ihrem Sohn und Cleofe. Der Messias wird von Maddalena und Cleofe fürs Krematorium vorbereitet. Johannes verschließt den Sarg mit einem Akkuschrauber. Dann öffnet sich wie im James-Bond-Film "Diamantenfieber" hinter einem Schacht das alles verschlingende Feuer und der Sarg fährt hinein.

Kovalik will mit seinem Stück zeigen, wie die Hinterbliebenen reagieren, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Wie stark ist dabei der Faktor Glaube? Als bekennender Agnostiker versetzt der Regisseur dem religiösen Sujet einige Seitenhiebe, wenn etwa die junge Cleofe im zweiten Teil plötzlich schwanger ist, offenbar von eben jenem Verstorbenen. Oder wenn Johannes sexuell anmutende Albträume plagen, die per Videosequenz (Martin Przybilla) aufs Zimmermauerwerk geworfen werden.

Als eine Reise aus der Dunkelheit ins Licht hat Ausstatter Sebastian Ellrich sein kühles, irrgartenähnliches Waschbetonbühnenbild gestaltet. Bei den Kostümen liegt sein Augenmerk auf Schwarz (Teufel) und Weiß (Engel). Er zeichnet aber auch Grautöne als Stimmungsbarometer, die Stola des Johannes in unterschiedlichen Farbtönen sowie Details in Form der rot gewandeten spanischen Geißler mit ihren spitzen Hüten.

Mit der kritischen Befragung der biblischen Botschaft setzen Kovalik und Generalmusikdirektor Michael Hofstetter ihre künstlerische Zusammenarbeit nach "Ein Herbstmanöver", "Agrippina" und "Der misslungene Brautwechsel" am Stadttheater fort. Hofstetter zelebriert im Graben, der auf halber Höhe justiert ist, mit seinem Philharmonischen Orchester Gießen den barocken Klang. Auch wenn sich Händels Musik zum Teil dahinschleppt, überrascht die Partitur immer wieder mit ausgefeilten Wendungen. Der Dirigent arbeitet die Strukturen minutiös heraus. Der Cherub steht in Dur, der Höllenfürst in Moll, die Spannungsbögen sitzen. Die Streicher agieren spielfreudig, die Bläser ergänzen wohlfeil.

In der Rolle des Angelo debütiert der erst 24-jährige Sopranist Samuel Mariño, den die Konzertbesucher bereits vom Mozart-Abend des vergangenen Oktobers kennen. Sein taufrischer Männer-Sopran, ein sehr hoher Countertenor, sägt sich in die Ohren. Was Mariño bereits zu Beginn an Koloraturen zum Besten gibt, wenn er mit der Oboe pfeilschnell um die Wette phrasiert, lässt die übrigen Solisten verblassen.

Francesca Lombardi Mazzulli demonstriert als Maddalena, wie ausgewogen ihr Sopran klingt. Hausbariton Grga Pero? gibt einen impulsiven Lucifero. Ihm ist die finstere Bass-Figur auf den Leib geschrieben. Mezzosopranistin Marie Seidler bleibt als Cleofe in der Alt-Partie ungewohnt verhalten. Der lyrische Tenor Aco Bi?cevic als Giovanni (Johannes) wirkt zu Beginn, als ob er sich gerade einsingt, schwingt sich dann aber zu einer Spitzenleistung empor. Kyung Jae Moon darf als Corista nur im Schlussbild ein paar Takte mitintonieren. Warum das Stück nicht an Ostern, sondern davor und danach aufgeführt wird, bleibt das Geheimnis der Verantwortlichen.

Weitere Aufführungen

Wenn die Erde bebt

Der Teufel frohlockt, als er vom Tod Jesu erfährt. Doch ein Engel verspricht die Auferstehung. Da erzittert die Erde und kündet von einem Wunder. Händels Oratorium "La Resurrezione" wird im Stadttheater von Regisseur Balázs Kovalik als Oper zu neuem Leben erweckt. Die nächsten Aufführungen im Großen Haus sind am 24. März, 12. April, 12. und 30. Mai, jeweils um 19.30 Uhr.

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