Präzise und einfühlsam

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Außerordentlich informativ erschien die vom Literarischen Zentrum und dem Kulturamt veranstaltete Lesung der in Berlin lebenden Schriftstellerin Ursula Krechel: Sie präsentierte im Hermann-Levi-Saal nicht allein zwei verschiedene Passagen ihres neuesten Romans "Geisterbahn", lieferte im Gespräch mit Moderatorin Heidrun Helwig überdies Einblicke in den Entstehungshintergrund und Schaffensprozess. In dem Roman – dritter Teil einer Trilogie zur deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts – wollte sie sich mit ihrer Heimatstadt Trier beschäftigen, an der sie neben der Grenzlage unter anderem das katholizistische Milieu interessierte.

Außerordentlich informativ erschien die vom Literarischen Zentrum und dem Kulturamt veranstaltete Lesung der in Berlin lebenden Schriftstellerin Ursula Krechel: Sie präsentierte im Hermann-Levi-Saal nicht allein zwei verschiedene Passagen ihres neuesten Romans "Geisterbahn", lieferte im Gespräch mit Moderatorin Heidrun Helwig überdies Einblicke in den Entstehungshintergrund und Schaffensprozess. In dem Roman – dritter Teil einer Trilogie zur deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts – wollte sie sich mit ihrer Heimatstadt Trier beschäftigen, an der sie neben der Grenzlage unter anderem das katholizistische Milieu interessierte.

Bei der zu Beginn gelesenen Passage rückten zwei Mitglieder der Schaustellerfamilie Dorn, in Trier lebende Sinti, in den Fokus. Alfons und sein Schwager Laurenz fahren nach Berlin, wollen dort auf einer Ausstellung Autoscooter erwerben. Ein Verkäufer ignoriert sie indes wegen ihrer ethnischen Wurzeln. Aus heiterem Himmel sind sie wenig später gemeinsam mit 600 weiteren Sinti dem Terror des NS-Regimes ausgesetzt, werden zusammengepfercht und aus der Stadt gebracht, schließlich in einem Lager streng bewacht.

Nicht zuletzt in Krechels feiner Stimme spiegelte sich die Sensibilität der Autorin wider. Wie sie gegenüber dem Publikum anmerkte, übernehme sie Verantwortung für ihre Figuren, müsse sie schützen. Beim Schreiben werde ihr klar, wie "unlebbar" das Leben der ins Abseits gedrängten Protagonisten sei.

Fünf der sieben Kinder der Familie Dorn sterben im Konzentrationslager. Der doppeldeutige Titel "Geisterbahn" beleuchte zum einen, so Krechel, "das Hell und Dunkel der deutschen Geschichte". Zum anderen spiele er auf die Schaustellertätigkeit der Familie an. Die "schöne Reise" von Alfons und Laurenz nach Berlin sei "die Folie, auf der sich später die schreckliche Reise abspielt".

In die 1950er Jahre führte die zweite Passage. Präzise vergegenwärtigt die Autorin hier die Sphäre sich am Bahndamm vergnügender Kinder und beschreibt einfühlsam, wie sich Cäcilia in ein anderes Mädchen verliebt. Kinder von Opfern und Tätern "gehen alle in eine Klasse, unterscheiden nach oben und unten", definierte die Moderatorin das soziale Gefüge. Krechel faszinierte gerade die unklare Lage der Nachkriegsgesellschaft, von der man noch nicht gewusst hätte, wohin sie sich entwickele; zudem widmete sie sich Kindern ihres Jahrgangs 1947.

Besonders spannend schien, wie gezielt die Autorin diverse Quellen mit einfließen lässt: Sie gehe, erläuterte sie, mit bestimmten Fragen in Archive, exzerpiere so viel wie nötig und treffe aus dem Material eine genaue Auswahl. Das "Klima des Erzählens" in bestimmten Textteilen stehe vorher fest; es reize sie der Kontrast verschiedener Sprachstile, so sollen die Zitate deutlich erkennbar sein. Die Lesung zeigte eindrucksvoll die akribische Arbeitsweise und weckte Neugier über den Fortgang der Geschichte. (Foto: jou)

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