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Referentin Laura Digoh-Ersoy vor der umgekehrt aufgehängten Weltkarte. FOTO: DKL

Postkoloniale Verhältnisse

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Gießen(dkl). Das war eine ungewöhnliche Vortragskooperation, die am Donnerstagabend im Netanya-Saal des Alten Schlosses zu erleben war. Manuela Rocholl, die Kuratorin der aktuellen Sonderausstellung "Wieso? Weshalb? Warum? Fragen an die Ethnografische Sammlung" des Oberhessischen Museums, hatte für das Rahmenprogramm den Weltladen in Gießen gewonnen. Dieser organisiert eine Vortragsreihe, wie Angelika Körner sagte, deren Auftakt der Vortrag von Laura Digoh-Ersoy war. Die dritte Kooperationspartnerin war die Fachstelle für Demokratie und Toleranz des Landkreis Gießen, vertreten durch Nadja Homsi.

Referentin Laura Digoh-Ersoy ist Politologin und Diplompädagogin aus Frankfurt. Mit zwei Kolleginnen hat sie sich zur Gruppe Karfi (= Stärke) zusammengeschlossen, zur Sensibilisierung der weißen Mehrheitsgesellschaft für postkoloniale Zusammenhänge und zur Stärkung von Schwarzen sowie Personen of Color, das Menschen unterschiedlicher Herkunft meint und keinesfalls mit "Farbige" zu übersetzen ist. "Das ist ein rassistischer Begriff", erklärte Digoh-Ersoy. So waren also zu Beginn des Vortrags einige Begriffe in einem komplexen Gefüge zu klären. Womit bereits die übliche Perspektive der Weißen irritiert, wenn nicht sogar Widerspruch herausfordert wird.

Grundlegend sei es, in Deutschland überhaupt ein Wissen zum Kolonialismus zu schaffen. Häufig werde mit dem Hinweis auf die (im Vergleich) kurze Phase der deutschen Beteiligung deren Bedeutung negiert, doch hätten die Heroisierung einzelner Personen (etwa mit Straßennamen) und nostalgische Betrachtungen eine lange Nachwirkung. Bis heute. Da brauche man nur in entsprechende Reiseprospekte zu schauen, in denen auf die deutschen Spuren etwa in Namibia (kolonial: Deutsch Südwest) hingewiesen wird: sei es auf dort gebrautes Bier nach deutschem Reinheitsgebot oder gemütliche Cafés nach Großmutter-Art.

Mehr Sensibilität

Soll man nun gar nicht mehr reisen? Wie ist das mit dem Entwicklungsdienst? Wie geht man im Alltag damit um? Die Frage einer Mutter traf den Nerv: "Mein Kind ist stolz bei den Sternsingern mitzumachen. Aber da geht’s auch darum, dass die reichen Kinder den Armen helfen. Wie soll ich damit umgehen?" Denn die übliche Hierarchie wird schon darüber zementiert.

Für alle Fragen hatte auch die Referentin nicht die passende Lösung. Sie will Anstöße geben und die Sensibilisierung fördern, im Hinblick auf eine Zukunft, in der es zumindest weniger Machtgefälle gibt. Als Hilfestellung hatte sie eine Fülle von Büchern mitgebracht, und sie kommt gern für Vorträge und Seminare.

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