Arne Behrensen
+
Arne Behrensen

Das Post-Prinzip

  • vonChristian Schneebeck
    schließen

Gießen(csk). Das Lastenfahrrad hat es geschafft. Neuerdings existiert ein eigenes Symbol in der Straßenverkehrsordnung. "Sinnbild" heißen diese Zeichen bürokratisch korrekt. Und als solches Sinnbild für die Mobilität von morgen taugen vielleicht auch die Cargobikes selbst. "Lastenräder sind etwas für die ganze Bevölkerung", wusste zumindest Arne Behrensen am Freitagabend in der Alten Universitätsbibliothek zu berichten.

In der Stadt wie auf dem Land eigneten sie sich bestens für tägliche Transporte aller Art - jedenfalls bei Strecken unter sieben Kilometern mit maximal 200 Kilogramm Gepäck. Den Titel seines Vortrags in der Reihe "Verkehrswende in und um Gießen" hatte der Blogger folgerichtig als Aufforderung formuliert: "Lasten auf die Räder! Wie Cargobikes die Verkehrswende vorantreiben". Behrensen, der dem Publikum als "Deutschlands einziger freiberuflicher Lastenradlobbyist" vorgestellt wurde, unterstrich das seiner Ansicht nach völlig unterschätzte Potenzial der Räder.

Medialer Boom, geringer Verkauf

Diese erlebten gerade einen "Boom" und "medialen Hype", während die Verkaufszahlen noch "relativ gering" ausfielen. Gleichwohl könnten sich laut repräsentativen Studien zehn Prozent der Befragten vorstellen, ein Cargobike zu nutzen. Ohne sie explizit zu stellen, warf Behrensen so eine Frage auf: Warum ist der Gütertransport auf Fahrrädern heute mehr verheißungsvolle Theorie als gelebte Praxis? Ein zentraler Punkt sei die mangelhafte Infrastruktur, erklärte der Mitgründer des Radlogistik Verbands Deutschland. Ob zu schmale Fahrstreifen oder zu wenig Parkraum: "Es geht um Prioritäten."

So proklamiere der Bundesverkehrsminister zwar das Ziel, ein Fünftel des urbanen Lieferverkehrs auf Lastenräder zu verlagern - allerdings ohne festen Termin. Und ein Vorstand von Volkswagen preise öffentlich das Lastenfahrrad - aber jeder Beobachter frage sich sofort: Ist das sein Ernst oder bloß ein Werbegag?

Radfahren im Beruf keine Degradierung

Unter den konkreten Ansätzen, um Lastenräder wirksamer zu fördern, nannte Behrensen beispielsweise die "Regulierung von Zufahrten". Wenn bestimmte Teile einer Innenstadt mit Lieferwagen nicht erreichbar seien, steige die Attraktivität der Alternativen. Testangebote, Kaufprämien sowie Cargobike-Sharing seien ebenfalls Stellschrauben. Die öffentliche Hand könne bei alldem vorangehen und ihre Transportaufträge entweder an den Gebrauch von Rädern knüpfen oder gleich selbst einen Fuhrpark aufbauen.

Logistikfirmen suchten dagegen vor allem günstig gelegene "Mikro-Depotflächen". Dort würden Waren nach dem allseits bekannten "Post-Prinzip" von großen auf kleinere Fahrzeuge umgeschlagen, ehe sie die letzte Strecke zurücklegten. Gleichsam als Utopie skizzierte Behrensen einen "ÖPNV für die Logistik": Statt dass Tag für Tag fünf Firmen durch dieselbe Straße führen, müsse perspektivisch eine Kooperation die Lösung sein. Dafür seien jedoch zunächst "Wettbewerbsregulierungen" notwendig.

Am Ende nahm der Redner also Politik, Wirtschaft und Konsumenten in die Pflicht. "Logistik muss Gegenstand von politischer Moderation und planerischer Gestaltung werden", betonte er an die gewählten Entscheider gerichtet. Ein "kulturelles Thema" sei indes, "wann Radfahren im Beruf nicht mehr als Degradierung empfunden wird".

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare