Die Isolation in der Pandemie ist laut Polizei ein Grund für die Zunahme von häuslicher Gewalt im vergangenen Jahr.
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Die Isolation in der Pandemie ist laut Polizei ein Grund für die Zunahme von häuslicher Gewalt im vergangenen Jahr.

Straftaten

Polizeistatistik 2020: Mehr häusliche Gewalt in Gießen

  • Kays Al-Khanak
    VonKays Al-Khanak
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Im vergangenen Jahr haben die Fälle häuslicher Gewalt in Gießen deutlich zugenommen. Ein Grund ist laut Polizei die Isolation und die fehlende Unterstützung in der Pandemie.

Seit 2014 steigt die Zahl von Fällen häuslicher Gewalt in Stadt und Landkreis Gießen kontinuierlich an. In der Kriminalstatistik des Polizeipräsidiums Mittelhessen erreicht der Wert für 2020 einen Höchstwert: Waren es in 2016 281 Fälle, lag die Zahl 2019 bei 392 und im vergangenen Jahr bei 475. Experten sind sich einig, dass die Dunkelziffer in diesem Feld weiterhin hoch ist. Als Gründe für den deutlichen Anstieg nennt die Polizei »die häusliche Isolation oder die Sorgen um Gesundheit und Beruf während der Pandemie«. Weitere Belastungsfaktoren könnten außerdem die fehlende Kinderbetreuung und das Ausbleiben von sozialer Unterstützung sein.

Häusliche Gewalt umfasst alle Formen physischer, sexueller und psychischer Gewalt zwischen Personen, die zusammenleben. »Ein Großteil der Betroffenen sind Frauen«, betont Polizeipräsident Bern Paul. »Wir wollen mit einem ausgebauten Beratungs- und Hilfsangebot dazu beitragen, dass die Dunkelziffer verringert wird und sich Opfer schnell helfen lassen können.« Die Polizei kann zum Beispiel in solchen Fällen Täter für bis zu 14 Tagen aus der gemeinsamen Wohnung verweisen und ein Kontaktverbot aussprechen.

Gießen: Deutlich mehr Straftaten in der Stadt als im Kreis

Nimmt man alle Straftaten zusammen, sind die Zahlen weiterhin leicht rückläufig: In Stadt und Landkreis Gießen erfasste die Polizei im vergangenen Jahr 12 968 Verbrechen - ohne ausländerrechtliche Delikte wie illegale Einreise. 2019 waren es noch 13 212. 2020 konnten 65 Prozent der registrierten Straftaten aufgeklärt werden; im Jahr zuvor lag dieser Wert laut Kriminalstatistik bei 63,9 Prozent. Etwa zwei Drittel der Straftaten wurde wie bereits 2019 in der Stadt Gießen begangen. Die Ermittler begründen dies mit der Tatsache, dass Gießen als Studenten- und Einkaufsstadt täglich viele Pendler anzieht. Dies bringe »auch in Corona-Zeiten viele Tatgelegenheiten mit sich«.

Polizeipräsident Paul führt die gestiegene Aufklärungsquote »auch auf die vielen Kontrollen und die Maßnahmen rund um das Konzept Sicheres Gießen« zurück. Beispielsweise habe das »konsequente Durchgreifen gegen die illegale Poser- und Tuner-Szene« gezeigt, »dass wir am richtigen Hebel ansetzen«.

Gießen: Zahl der Gewaltverbrechen laut Kriminalstatistik der Polizei gestiegen

Mit der zurückgegangenen Zahl der angezeigten Straftaten einher geht auch eine geringere Anzahl von Tatverdächtigen: 2020 registrierte die Polizei 22 522 Menschen, denen ein Verbrechen vorgeworfen wurde (2019 23 261). Rechnet man die ausländerrechtlichen Delikte heraus, liegt die Zahl bei 19 876. Rund 6000 Tatverdächtige besaßen keinen deutschen Pass.

Die Kriminalstatistik gibt Auskunft über einzelne Deliktfelder. An dieser Stelle einige Schlaglichter:

Gewaltkriminalität : Die Zahl der Gewaltdelikte in Stadt und Landkreis Gießen ist im Vergleich zum Vorjahr gestiegen: Waren es 2019 noch 551 Fälle, registrierte die Polizei im vergangenen Jahr 593 Taten - alleine 415 davon im Stadtgebiet. Zu diesem Deliktfeld gehören zum Beispiel Mord und Totschlag (2020: zwölf Taten), Vergewaltigung, Raub oder gefährliche Körperverletzung. Die Aufklärungsquote stieg von 83,7 Prozent in 2019 auf 86,2 Prozent im vergangenen Jahr.

Diebstahl : Diebstähle machten 2020 etwa 30 Prozent aller registrierten Straftaten aus. Seit 2016 geht deren Zahl aber kontinuierlich und deutlich zurück: So wurden im vergangenen Jahr 3875 Diebstähle angezeigt, während es 2019 4087 waren. 38,6 Prozent der Fälle konnten aufgeklärt werden (2019: 34,3 Prozent).

Kriminalität in Gießen: Dunkelziffer im Bereich der Drogendelikte

Straßenkriminalität : Darunter versteht man alle Straftaten, die sich im öffentlichen Raum ereignen wie Raubüberfälle auf Geldtransporter, Handtaschenraub, Sachbeschädigungen an Fahrzeugen, Fahrraddiebstähle oder Automatenaufbrüche. In Stadt und Landkreis Gießen stieg die Zahl von 2036 in 2019 auf 2323 im vergangenen Jahr. Grund ist laut Polizei der vermehrte Diebstahl von Fahrzeugen. Die Aufklärungsquote bleibt auf einem recht niedrigen Niveau: 22,8 Prozent (2019: 23,5). Die Polizei setzt in diesem Zusammenhang deshalb auf eine verstärkte Videoüberwachung wie am Marktplatz und weitere Kontrollen.

Rauschgiftdelikte : Sechs Menschen sind 2020 in Stadt und Landkreis Gießen infolge des Drogenmissbrauchs gestorben. Insgesamt registrierte die Polizei im vergangenen Jahr 802 Taten (2019: 883) in diesem Bereich. Das Gros der Strafanzeigen sei Resultat von Kontrollen der Polizei und von Ermittlungsverfahren. Wobei es auch hier - wie bei der häuslichen Gewalt - eine nicht zu unterschätzende Dunkelziffer geben dürfte. Die Aufklärungsquote der registrierten Straftaten aus diesem Bereich in Mittelhessen liegt bei 97,1 Prozent (2019: 94,9).

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