Mit Fingerspitzengefühl und Sachverstand untersuchen die Beamten das getunte Auto.
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Mit Fingerspitzengefühl und Sachverstand untersuchen die Beamten das getunte Auto.

Tuner im Blick

Auto-Poser in Gießen: Keine typische Szene in Stadt und Kreis?

Vor über zwei Jahren hat die Polizei in Gießen eine Arbeitsgruppe gegründet, um die Tuner- und Poserszene auszubremsen. Wir haben mit den Ermittlern gesprochen.

Gießen – Seit Mai 2019 ist die »Arbeitsgemeinschaft Tuner & Poser«, kurz AG Tuner & Poser, unterwegs. Die Szene soll so genauer unter die Lupe genommen werden. Die Polizeidirektion Gießen unter Federführung des Polizeipräsidiums Mittelhessen hatte sich damals das Thema als Leitziel der AG, die beim Konzept Sicheres Gießen angesiedelt ist, auf die Fahne geschrieben. Polizeihauptkommissar Carsten Zimmer leitet die siebenköpfige Gruppe, bestehend aus Kollegen der Polizeidienststellen Gießen Nord, Gießen Süd und Grünberg.

Polizei in Gießen: Unterschiede bei Poser-Szene zwischen Stadt und Land

»Wir arbeiten alle im Schichtdienst und sind in verschiedenen Dienstgruppen aktiv. Einen geeigneten Termin zur Kontrolle zu finden, bedarf Jonglierarbeit«, sagt Zimmer. Von einer typischen Szene in der Region rund um Gießen könne nach Einschätzung des Beamten keine Rede sein. »Die Hotspots finden sich eher in Wetzlar an der Bachweide und generell mehr im Raum Lahn-Dill, weniger im Raum Gießen.« Signifikant sei zudem der Unterschied zwischen Stadt und Land, was die Szene betreffe. »Auf dem Land haben wir noch den typischen Schrauber und seine Hinterhofwerkstatt. In der Stadt sind es hochwertige motorisierte Fahrzeuge«, sagt Zimmer.

Gerade im Abgasbereich gehe es dann um Feinarbeit, zum Beispiel bei der Messung von Abgaswerten, die auf modifizierte Fahrzeuge Hinweise geben können. Die Aussage, dass die Polizei Fahrzeuge stilllegen würde, weist der Beamte zurück. »Wir stellen sie sicher.« Nur wenn eine Gefährdung für Straßenverkehr oder Umwelt bestehe, mache das Team von dieser Methodik Gebrauch. Die Gutachter, die in den folgenden Tagen den Zustand der Fahrzeuge näher untersuchten, hätten bisher die Bedenken der Beamten geteilt und weitere Mängel entdeckt.

Pandemiebedingt habe es in den vergangenen eineinhalb Jahren zwar weniger Kontrollen gegeben als zuvor. Dennoch wurden rund 20 Fahrzeuge sichergestellt und dem TÜV übergeben. »Bei allen Fahrzeugen wurden unsere Mängel bestätigt«, sagt Zimmer. Nicht zu unterschätzen sei zudem die Lärmbelästigung, die von den teils hochmotorisierten Fahrzeugen ausgeht. »Wir haben Autos mit Klappensteuerung, und die stören die Bürger dann extrem, weil es unwahrscheinlich schallt«, sagt Zimmer. Pressesprecherin Sabine Richter ergänzt: »Gerade in den Abendstunden im Sommer ist es bei offenem Fenster störend für die schlafende Bevölkerung, wenn jemand den Motor aufheulen lässt.«

Polizei in Gießen: Fokus auf Prävention für Poser-Szene

Laut Bußgeldkatalog werden für unnötiges Hin- und Herfahren zehn Euro fällig, in der neuen Novelle der Straßenverkehrsordnung, die gekippt wurde, war von 90 Euro und einem Punkt die Rede. »Wenn es ans Geld geht, dann tut es den Leuten weh«, sagt Zimmer. Bürger können Verstöße an die AG Tuner melden, die dann das Kennzeichen im Fahrzeugsystem überprüfen und gegebenenfalls Hausbesuche vornehmen.

Gegenmaßnahmen gegen die Szene sieht die Polizei Mittelhessen vor allem im Bereich der Prävention vonnöten. »Tunen ja, aber korrekt. Prävention spielt hier eine große Rolle und wir planen weitere angepasste Präventionsprogramme«, sagt Zimmer. Richter ergänzt in diesem Zusammenhang, dass Faktoren wie Aufklärung und Einsicht Wirkung zeigten. »Der ein oder andere kam wieder in eine Kontrolle, wies dann aber ein Fahrzeug in einem Topzustand und alle nötigen Papiere auf«. Die Akzeptanz für die Arbeit der AG sei generell sehr hoch, viele Tuner wissen über ihre Vergehen auch selbst Bescheid. »Rund 85 Prozent sehen den Verstoß ein und erkennen unser technisches Know-how an«, sagt Zimmer. Selten komme es vor, dass sich jemand querstelle. »Wir wissen, wovon wir reden, wenn wir kontrollieren«, sagt der Polizeihauptkommissar.

Polizeisprecher Jörg Reinemer bestätigt, dass es sich bei der AG um ein spezialisiertes Gebiet für die sieben Beamten handele. Zimmer will künftig weitere Kollegen für das Projekt werben und die AG weiter ausbauen. »Es geht vor allem um die Sicherheit im Straßenverkehr, und die muss gegeben sein«, sagt Richter. (Felix Leyendecker)

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