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Neunt- und Zwölftklässler kommen beim Projekt "Jugend im Rathaus" ausführlich ins Gespräch mit den ehrenamtlichen Kommunalpolitkern, hier Stadtverordnetenvorsteher Frank Schmidt. Foto: Archiv

"Politik ist nicht langweilig"

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Gießen(kw). "Jetzt kann ich mir viel eher vorstellen, selbst politisch aktiv zu werden", erklärt eine Schülerin. Ein Lehrer stellt fest: "Das war mehr wert als zehn Stunden Politikunterricht." Und ein Stadtverordneter freut sich: "Es wird direkt ins Parlament getragen, was Jugendliche beschäftigt."

Und das ist vielfältig. Es gehe keineswegs nur um Spiel- und Sportplätze. Das betonte Simone Wingen vom Büro für Kinder- und Jugendbeteiligung beim Kinderschutzbund, als sie im Sozialausschuss über das Projekt "Jugend im Rathaus" berichtete. Alle Beteiligten ziehen ein positives Fazit - die FDP ist nicht ganz zufrieden.

An bisher drei Terminen haben Neunt- und Zwölftklässler aus der Brüder-Grimm-Schule, der Gesamtschule Gießen-Ost und der August-Hermann-Francke-Schule vor Ort erkundet, wie Kommunalpolitik und -verwaltung funktioniert. Neben einer virtuellen "Rathaus-Rallye" mit Handy sind ausführliche Gespräche mit den Stadtverordneten der Kern des rund vierstündigen Programms. Sämtliche acht Fraktionen hätten sich beteiligt, hebt Projektleiterin Wingen hervor. Die Jugendlichen sprachen Themen an wie Wohnen, Klimaschutz, Verkehr oder das Gewerbegebiet Lützellinden.

Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich (Grüne) freut sich über ein "Erfolgsprojekt" und unerwartet positive Rückmeldungen. "Schade, dass die Zeit um ist, ich hätte gern noch länger diskutiert", hieß es beispielsweise. "Ich habe gemerkt, dass Politik überhaupt nicht langweilig ist und Politiker auch nur Menschen sind", erklärte ein Jugendlicher. Über das Interesse an ihrer persönlichen Motivation haben sich die ehrenamtlichen Kommunalpolitiker besonders gefreut. Einige Schüler überreichten Schokoriegel mit Dankes-Botschaften, die das Durchhalten erleichtern sollen, "wenn die Sitzungen mal wieder länger dauern".

Die Premiere im April sei "aufregend für uns alle" gewesen, sagte Stadtverordnetenvorsteher Frank Schmidt (SPD) und zitierte Willy Brandt: "Wir haben mehr Demokratie gewagt." Der Dialog sei lehrreich und mache Mut.

Schokoriegel für lange Sitzungen

"Jugend im Rathaus" soll weitergehen, darin waren sich alle einig. Das Konzept werde weiterentwickelt, kündigte Wingen an. Unter anderem soll es Termine am Nachmittag geben, die einigen Schulen besser passen würden. Einigen Parlamentariern wäre ein Samstag am liebsten. Diese Anregung wolle die Stadt aufnehmen, sagte Weigel-Greilich zu, gab allerdings zu bedenken, dass der größte Teil der Verwaltung samstags nicht arbeitet.

Auch der FDP-Fraktionsvorsitzende Klaus Dieter Greilich sieht in dem Projekt einen "Fortschritt". Das Ziel der Liberalen bleibe aber ein festes "Jugendparlament". Dies würde weitergehende Mitbestimmung möglich machen. Frank Schmidt wiegelte ab: Zunächst wolle man den eingeschlagenen Weg weitergehen und "nicht zu hohe Erwartungen wecken".

Zuletzt hatte die FDP vor vier Jahren die Idee einer Dauervertretung der unter 18-Jährigen wiederbelebt und Schützenhilfe unter anderem vom Stadtschülerrat erhalten. Die Mehrheit der Stadtverordneten lehnte den Antrag damals als "nicht zweckmäßig" ab. Es hieß, die bestehenden Beteiligungsmethoden reichten aus. Letztlich führte die Diskussion zum Projekt "Jugend im Rathaus".

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