+
Anton Humpe veröffentlicht jeden Tag ein neues Gedicht auf quarantaenengedichte.wordpress.com. FOTO: PRIVAT/Heppes

Poesie in Zeiten der Isolation

  • schließen

Gießen(gl). Anton Humpe führt seit über zwei Wochen einen Blog mit Quarantänengedichten. Denn auch den 27-Jährigen beschäftigt die aktuelle Corona-Ausnahmesituation mit Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen inklusive Zäsur im kreativen und universitären Leben der Stadt. Seine Arbeit als Regieassistent der Stadttheaterproduktion "Snakedriver" ist beendet, sein für den Sommer geplanter Masterabschluss im Studiengang Angewandte Theaterwissenschaften unter den aktuellen Umständen erschwert. Corona hat nicht nur im Leben von Anton Humpe, sondern von uns allen zu Einschnitten geführt.

"Was macht das mit mir und der Gesellschaft", habe er sich gefragt, erzählt er. Und weil er seit seinem 15. Lebensjahr immer wieder Gedichte schreibe und schon kleine Gedichtbände veröffentlicht habe, habe ihn ein Kommilitone auf die Idee gebracht, Gedichte zur Quarantäne zu schreiben. Doch die, wie vom Freund vorgeschlagen, bei YouTube vorzulesen, habe bei ihm eine "merkwürdige Form von Scham" ausgelöst.

Humpe hat, unterstützt von seiner Freundin Sandra Marie Heppes, einen anderen Weg gewählt. Seit dem 16. März veröffentlicht er, bislang unter seinem Pseudonym nachmitternacht auf quarantaenen- gedichte.wordpress.com jeden Tag ein kurzes Gedicht. Mal sind es nur drei Zeilen im Stil eines dreizeiligen japanischen Haikus, mal fühlt man sich vom Sprachduktus an Janis Choplins Song "Mercedes Benz" erinnert, mal reihen sich Schlagworte aneinander, fügen sich zu einem poetischen Ausdruck von Gefühlen und Beobachtungen. Humpe beschreibt etwa in "distance hugging" das beklemmende Gefühl, dass Corona die Menschen auf Abstand hält. Er fasst seine Eindrücke von Einschnitten in unser aller Freiheitsempfinden in Poesie, mokiert sich über Klopapier-Hamsterkäufe oder dichtet über einen Spaziergang an der Lahn, "die weiter fließt, als wäre nichts".

Künstler selbst trägt Gedichte auch vor

Wer mag, kann mittels eines Buttons unter jedem Gedicht, sich dieses auch von Humpe selbst vortragen lassen - "von einer jungen Stimme aus dem Nichts", wie er sagt.

Solange, "bis wir das überwunden haben", wolle er weiter jeden Tag ein Gedicht veröffentlichen, sagt der 27-Jährige und liefert selbst die beste Beschreibung für die Kraft seiner Gedichte: "Poetischer Mut und Motivation verwoben mit etwas Zweifel und Zynismus im Stillstand".

Humpe, der im Sommer 2019 unter anderem mit einer "Sokratischen Künstlerbeschimpfung" beim Performance-Festival der Kunsthalle für Aufsehen gesorgt hatte wurde 1992 in Hamburg geboren. Er absolvierte unter anderem ein Poetry-Intensivstudium in der Summers Writers Colony in New York, studierte in Bamberg Germanistik, Amerikanistik, Kunstgeschichte und Philosophie und seit 2016 in Gießen Angewandte Theaterwissenschaften. Im Sommer will er darin seinen Masterabschluss machen - wenn das Virus nicht einen Strich durch die Rechnung macht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare