Wort zum Sonntag

Platz lassen für das Unverfügbare

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Nach dem Wahlsonntag folgt morgen der kirchliche Erntedanksonntag. Nach der politischen Stimmenernte schauen wir auf die Ernte im unmittelbaren Bezug, auf Kartoffeln, Karotten, Äpfel und Brot am geschmückten Altar.

Säen und Ernten sind urmenschliche Tätigkeiten und zugleich im übertragenen Sinne Bild für alles, was nach Anstrengung zu einem Abschluss kommt. Das weiß auch die Bibel. Im Lukasevangelium erzählt Jesus deshalb ein Gleichnis vom Säen auf verschiedenen Böden: Saatgut fällt auf den Gehweg, auf felsigen Boden, zwischen die Disteln, leider ohne Ausbeute. Und schließlich fällt es auf guten Boden, auf dem die Körner hundertfachen Ertrag bringen.

Die Frage, ob etwas auf fruchtbaren Boden fällt, ist nicht nur im Glauben wichtig.

Alle Menschen, die Gedanken und Ideen haben für die Zukunft dieser Welt und sich politisch engagieren, warten auf Resonanz. Alle, die zur Schule gehen, eine Ausbildung begonnen haben oder in diesen Tagen in das neue Wintersemester starten, hoffen auf Lernerfolge und später auf einen guten Abschluss. Im Privaten »säen« wir beispielsweise bei unseren Kindern, in unseren Partnerschaften, in Freundschaften und nicht zuletzt oft auch ganz konkret in unserem privaten Garten, dort, wo es nur um uns geht. In all diesen Bereichen erfahren wir auch, wie oft etwas zwischen Disteln erstickt oder auf dem Weg zertreten wird. Manchmal ist es zum Verzweifeln. Wenn wir schlau sind, werfen wir weiter Samen aus und hoffen, dass er auf guten Boden fällt, aufgeht und Wurzeln hat, ganz unverdient und überraschend und unverfügbar. Wir erleben, wie es ist, wenn sich Knoten lösen, Verfahrenes vorankommt, Unvorstellbares doch möglich wird und Segen uns erreicht. Wir verstehen: eine gute Ernte einzubringen, das kommt aus unserem eigenen Tun und aus etwas Unverfügbarem. Die Bibel nennt dieses Unverfügbare Gottes gute Gabe. Dafür danken wir morgen.

Jutta Becher

Ev. Studierendengemeinde Gießen

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