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Ilse Staude freut sich über die Ehrung durch Landrätin Anita Schneider. FOTO: PV

Pionierin des fairen Handels

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Gießen(bf). Ilse Staude war sichtlich überrascht. Während einer Feierstunde im Gemeindesaal der Pankratiusgemeinde ist ihr am Freitag der Ehrenbrief des Landes Hessen überreicht worden. Staude ist in Gießen vor allem durch ihr Engagement für den Weltladen bekannt.

Die durch Ministerpräsident Volker Bouffier verliehene Auszeichnung händigte Landrätin Anita Schneider aus und würdigte dabei das immense ehrenamtliche Engagement der Geehrten. "Frau Staude ist das Gesicht des ›Vereins Solidarische Welt‹ und repräsentiert ihn in ihrer Person. Die Menschen reden von ihr, sobald in einem Gespräch das Wort ›Weltladen‹ erwähnt wird", ging die Landrätin auf das Engagement der in Staufenberg beheimateten und auch dort engagierten ehemaligen Schulpfarrerin ein.

Bis Mitte des vergangenen Jahres stand Staude an der Spitze des 1979 von ihr mitgegründeten Vereins Solidarische Welt, war Motor und Seele des Vereins und des dazugehörigen Weltladens.

Klaus-Dieter Grothe, der den Vorsitz von Staude übernommen hat, hob die "ausgezeichnete Entwicklung" des Weltladens hervor. "Es ist schon etwas Besonderes, dass der Weltladen überhaupt so funktioniert mit 20 Ehrenamtlichen an dieser Stelle in der Stadt mit einem sechsstelligen Umsatz im Jahr. Allen Mitarbeitenden ein großes Dankeschön, denn das ist nur mit einem so großen Stamm zu schaffen."

Auch wenn der Weltladen durch den Umzug in die Innenstadt wie erhofft durch Laufkundschaft mit seinen rund 20 Ehrenamtlern und zwei bezahlten Bildungsreferenten mehr Umsatz mache, so habe Staude in den vergangenen Jahrzehnten mehr in den Laden investiert als dieser abgeworfen habe.

Staude kam 1977 aus Baden-Württemberg mit der Idee eines Weltladens im Gepäck in die Gießener Gegend. Sie wollte nicht nur um Spenden für in Armut lebende Menschen bitten, sondern den Betroffenen ihre heimischen Produkte zu fairen Preisen abkaufen. Staude gingt es dabei auch darum, Fluchtursachen zu bekämpfen. Wer sein Lebensunterhalt verdienen und sein Leben positiv gestalten kann, hat weniger Zwänge, sein Heimatland zu verlassen.

"Die Idee des fairen Handels verankert sich in Ilse Staudes Herz. Ihr reichte es damals nicht, als Pfarrerin nur für Gerechtigkeit zu beten, sondern sie wollte etwas aktiv dafür tun und gründete so 1979 den Weltladen Gießen. Bis zu dem Ladengeschäft in der Bismarckstraße war es dennoch ein langer Weg", sagte die Landrätin.

Begonnen hatte alles in einem Hinterhof der Alicestraße. Allerdings fand kaum ein Kunde den versteckten Laden. Staude und ihr Team zogen also weiter, zunächst in eine umgebaute Garage in der Steinstraße und dann in einen winzigen Laden in der Ebelstraße. 1996 erfuhr der Verein, dass eine Buchhandlung in der Bismarckstraße schließen sollte. Der Verein klopfte an die Tür und wurde "erhört". Bis 2018 war der Weltladen hier untergebracht, dann folgte der Umzug in die Innenstadt.

"Das besondere Engagement von Staude ist das Eintreten - auch politisch - für die Masse der Menschen in den bisher als Dritte Welt bezeichneten Ländern des Südens. Sie wird nie müde, die Gesprächsfäden in steinigen und politischen Umfeldern wieder und wieder aufzunehmen, um für die Menschen einzutreten und für mehr Gerechtigkeit zu sorgen", sagte Scheinder und erinnerte auch an Staudes Wirken in Grünberg. In ihrer Zeit als Schulpfarrerin an der Theo-Koch-Schule habe sich die Geehrte unnachgiebig für den Titel "Schule gegen Rassismus" eingesetzt. Darüber hinaus fungierte sie seit 1993 als Stadtverordnete der Stadt Staufenberg und ist aktuell Fraktionsvorsitzende der grün-alternativen Liste (GAL) und Stellvertreterin des Stadtverordnetenvorstehers. Auf Staudes Initiative wurde Staufenberg 2013 zum 155. Fair Trade Town ernannt. "Sie war Hauptinitiatorin in dieser Sache", betonte Schneider bei der Überreichung des Ehrenbriefs.

"Ich bin völlig überrascht und habe auch keine Rede vorbereitet", begann Staude ihre Dankesworte, während sich in den Kreis der zahlreichen Gratulanten neben Grothe und der Stadträtin Gerda Weigel-Greilich auch Staufenbergs Bürgermeister Peter Gefeller einreihte.

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