Piano bringt Livemusik piano zurück

Die Livemusik kehrt mit kleinen Formaten auf die Bühnen der Stadt zurück. Auf dem Kirchenplatz gab es sie gleich drei Tage lang - mit 88 Tasten und mehr.

Wenn ein Musikfestival sich nach dem vorläufigen Abklingen einer Pandemie »piano piano« nennt, bekommt der Titel zwei Bedeutungen: Sicher geht es primär um das Instrument mit den 88 Tasten, aber wohl auch allgemein um die sanfte, vorsichtige Rückkehr des musikalischen Lebens auf die mittelhessischen Bühnen.

Begonnen hatte das Festival mit Konzerten in Marburg, Lich und Wetzlar, bevor es für drei Abende auf den Gießener Kirchenplatz kam. Die Gießener Agentur »o-tone music« veranstaltet die Reihe mit dem Förderkreis Kultur in Mittelhessen und dem Gießener Kulturamt.

»Piano«, also leise, waren indes nicht alle Auftritte am ersten Gießener Abend - weder auf der schräg auf dem Kirchenplatz aufgebauten Bühne noch drumherum. Insbesondere in die Eröffnung durch den finnischen Pianisten Aki Rissanen mischten sich einige Störgeräusche aus der Umgebung des Zuschauerbereichs. Andererseits war es schön, dass viele Zaungäste auf den Sitzplätzen des benachbarten Cafés in den Musikgenuss kamen. Der Eintritt war ohnehin frei, nachdem die coronabedingte Schutzgebühr fallengelassen worden war.

Veranstalter Uwe Hager freute sich, dass wieder Livemusik stattfinden kann, und deutete mit der Bezeichnung des Festivals als »erste Edition« die Möglichkeit einer Fortsetzung an.

Aki Rissanen (*1980) ist mit seinem Trio im zwischen Jazz, Klassik, Minimalmusik und Elektronik unterwegs, in Gießen konzentrierte er sich solo am Flügel auf die Präsentation seines aktuellen Albums »Divided Horizon«. Mit dem verträumten »Vallons« (Täler), den lebhafteren Titeln »Stream Lines« und »Bonfire Ballet« (mit Mumin-Bezug) oder »Cold Code« mit perlendem Piano und Akkordwucht à la K. Jarrett wusste er zu gefallen, während seine Bezüge zu J.S. Bach etwas unklar blieben. Der sympathisch moderierte Auftritt endete mit Tributen an Chick Corea, die russische Poetin Anna Achmatova und Hanns Eisler.

Auch zum Schluss gab es Solopiano, jedoch mit elektronischer Unterstützung, Der Rüsselsheimer (Halb-Gießener) Matthias Vogt (*1970), der auch in der heimischen DJ-Szene verankert ist, bot ein reizvolles Spektrum zwischen reiner, zarter Klaviermusik, u.a. »Wrapped Around Your Finger« (Police), Ausflügen nach Norwegen und Ambient-Musik mit Rhythmen und Sounds aus Samplern und Keyboards. Anfangs schien der Kirchenplatz von elektronischen Mörderbässen förmlich zu erzittern, doch dann wurde der Mix besser. Reizvoll in diesem »Hybrid«-Konzert (Vogt) war die »abgespeckte« Klavierversion eines Technotitels.

Jubel um Sosa und Kraus

Umjubeltes Highlight des Abends war aber der seit anderthalb Jahren erste Auftritt des kubanischen Pianisten Omar Sosa (*1965) und des Ulmer Trompeters Joo Kraus (*1966). Von der ersten Sekunde mit Kraus‹ elektronisch verfremdetem verhalltem Trompetensound ist klar, dass die nächste Stunde zu einem mitreißenden machenden Parforceritt durch das wunderbare Reich der Musik werden wird. Tatsächlich ist der Auftritt kaum etikettierbar. Beide Musiker spielen nicht nur ihr jeweiliges Hauptinstrument: Sosa bedient ein weiteres Keyboard, hat Percussion an den Fußgelenken und singt ab und zu Backing Vocals. Joo Kraus managt nebenbei und hoch virtuos reichlich Elektronik, die nicht nur den Klang, sondern auch den Rhythmus bereichert. Hin und wieder nutzt er sein Trompetenmikro, um mit der Stimme Bässe zu erzeugen oder Sprechgesang in die Verfremdungsschlaufe zu jagen. Spontaneität scheint Trumpf zu sein. Einmal kündigt Kraus »irgendwas in e-Moll« von Sosa an, aber man spürt jederzeit, dass die beiden seit Jahren miteinander musizieren. Neben Kraus‹ europäisch geprägter Tonsprache kommt auch das karibische Element nicht zu kurz. Zweimal kommt der vom Livespiel wie berauscht wirkende Sosa Salsa tanzend nach vorne, um die von der ungeheuren Spielfreude infizierten Zuhörer noch ein wenig mehr anzustacheln. Dazu spielt Kraus auf seiner Trompete ein minimalistisches Stakkatomotiv. Mal hört man auch ein E-Gitarren-Sample, oder ein Sting-Motiv (»Fields of Gold«) mogelt sich in die Gehörgänge. Nach 60 Minuten entlassen die mitgerissenen Zuhörer die Musiker nur ungern in die Pause.

Es folgten zwei weitere Abende auf dem Kirchenplatz, u.a. mit dem »Triosence« und Aki Takase.

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Rubriklistenbild: © Lisa Axmann

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