Von der ersten Ausgabe (links) im November 1977 bis zu einer der letzten Ausgaben im Dezember 1987 (rechts): Das Magazin "Elephantenklo" verstand sich als Zeitung für die Gegenöffentlichkeit. Gießens ungeliebtes Wahrzeichen "Elefantenklo" war Namenspate der Statt-Zeitung. FOTOS: EP/BF
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Von der ersten Ausgabe (links) im November 1977 bis zu einer der letzten Ausgaben im Dezember 1987 (rechts): Das Magazin "Elephantenklo" verstand sich als Zeitung für die Gegenöffentlichkeit. Gießens ungeliebtes Wahrzeichen "Elefantenklo" war Namenspate der Statt-Zeitung. FOTOS: EP/BF

Mit "ph" gegen das Establishment

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In der coronabedingt leider nicht im Alten Schloss zu besichtigenden Ausstellung "Feuer und Flamme für die Stadt" werden Gießens bewegte 80er Jahre dokumentiert. Dabei darf auch ein Blick auf die damalige Statt-Zeitung "Elephantenklo" nicht fehlen. Wir stellen Themen und Aktionen der Zeit vor.

Die 80er Jahre waren auch geprägt vom Thema Gegenöffentlichkeit in Form einer eigenen Zeitung. Das galt für Fachschaften, politische Gruppen, die Frauen- und die Öko-Bewegung. Um 1980 herum entstanden in vielen Städten Gruppen überspannende "Statt-Zeitungen". Die bekannteste in Hessen war der "Pflasterstrand" in Frankfurt. Auch in Gießen gab es zehn Jahre lang eine Zeitung für Gegenöffentlichkeit, die sich den gießenkompatiblen Titel "Elephantenklo" gegeben hatte. Aufgemerkt: Mit "ph" geschrieben!

Die erste Nummer erschien November 1977 auf 30 Seiten in DIN-A4-Größe und trist-grauer Färbung. Das ambitionierte Projekt endete nach vielen Versuchen der optischen und inhaltlichen Umgestaltung im April 1988. Die 14-tägige Herausgabe war eine zeitaufwendige Arbeit, die von den Verantwortlichen neben dem Job kaum noch zu bewältigen war. Vor allem war das Lesepublikum deutlich geschrumpft und mehr an Kleinanzeigen als an politischen Inhalten interessiert, was zumindest öfter beklagt wurde. Die Anfangsidee, dass die Beiträge von den Betroffenen selbst kommen, hatte sich ohnehin als irrig erwiesen. Die sechs bis zehn Redakteurinnen und Redakteure mussten weitgehend selbst schreiben.

Layout mit Schere und Klebestift

Zur Erinnerung: Es gab noch keine Computer im Alltag, kein Internet als schnelle Informationsquelle oder Social Media zum gegenseitigen Austausch. Alles lief über das gedruckte Wort, geschrieben wurde mit Schreibmaschine und das Layout mit der Hand ausgeschnitten und geklebt. Den Druck übernahmen Fachleute, ohne Bezahlung. Dazukamen Redaktionssitzungen und Seminare, die in dieser diskussionsfreudigen Zeit höchst zeitaufwendig waren.

Die beiden Gießener Tageszeitungen galten als bürgerlich, konservativ und an studentischen Themen nicht interessiert. Sie wurden aber auch nicht informiert oder eingeladen, die Fronten waren noch verhärtet. Daher tauchten die Berufsjournalisten in der Regel dann auf, wenn etwa bei Hausbesetzungen die Polizei aufmarschierte. Wohnraumnot, Leerstand und Hausbesetzungen waren überall in Universitätsstädten ein wichtiges Thema.

Auch in Gießen gab es einigen Leerstand. Zum einen war dieser durch gigantische Straßenplanungen verursacht, die irgendwann im Sand verliefen, aber auch durch den Trend, alles Alte wegzuräumen und moderne funktionale Gebäude zu errichten (Stichwort City-Center). Ein Grundstückspekulant begann in diesen Jahren mit dem Aufkaufen von Gebäuden. Den aus dem Ruder gelaufenen Abriss am Flutgraben durch ein Möbelhaus nutzte er, um fix selbst Tabula rasa zu machen auf dem Gelände von Samen Hahn. 1981 war ein Jahr mit heftigen Demonstrationen und ein Höhepunkt für die Berichterstattung im "Elephantenklo".

Obwohl die Statt-Zeitung aus der studentischen Szene kam und von dieser auch am meisten gelesen wurde, kamen Uni-bezogene Themen so gut wie nicht vor. Diese staunenswerte Entdeckung machte Gunter Klug, als er sich Ende der 90er Jahre an die Durchsicht machte für seinen Beitrag im Buch "Seiltänze - Beiträge zur Idee, Geschichte, Praxis der Alternativen Bewegung am Beispiel Gießens (herausgegeben von Rainer Kah, Psychosozial-Verlag, Gießen 2000). Eine überaus lesenswerte Lektüre.

Jugendzentrum am Kanzleiberg

Es ist spannend (wieder) zu entdecken, was in diesem Jahrzehnt noch alles in Gießen und Umgebung existierte, vom Buchladen Kleine Freiheit, der Kulturstation Lahnlust, der Alternativ-Kneipen-AG bis zu den Gründungen des Öko-Ladens Klatschmohn und des Kinos Traumstern.

NATO-Doppelbeschluss und Aufrüstung, das waren prägende Themen am Militärstandort Gießen. Internationale Themen wie die politische Situation in Iran, Türkei, Südafrika, Nicaragua und Polen wurden dank aktiver Ortsgruppen immer wieder behandelt. Der Kampf ums Jugendzentrum am Kanzleiberg war ein brennendes Lokalthema, und obwohl Kultur als bürgerliches, damit als No-go-Thema galt, wurde im Büchner-Jahr 1987 ausführlich informiert. Plattenbesprechungen gab es irgendwann regelmäßig. Heute kaum noch nachvollziehbar, dass Verkabelung und Volkszählung die Gemüter derart erregten.

Das Ende der Statt-Zeitung "Elephantenklo" begann, als im Frühjahr 1985 der Marburger "Express" nach Gießen expandierte. Doch auch der anzeigenfinanzierte "Express" blieb ein Intermezzo, im Dezember 2016 erschien die letzte Gießen-Ausgabe.

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