Tobias Kempff und Jens Fischer vor der Intensivstation, auf der auch Corona-Patienten liegen.
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Tobias Kempff und Jens Fischer vor der Intensivstation, auf der auch Corona-Patienten liegen.

Uniklinikum Gießen

Sie pflegen die Gießener Corona-Patienten auf der Intensivstation

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Krankenpfleger Tobias Kempff leitet die Pneumologische Intensivstation des UKGM. Hier gibt es 30 Betten für Patienten mit schweren Lungenerkrankungen. 22 davon werden derzeit für Corona-Patienten vorgehalten. Näher dran geht nicht.

In Bauchlage wird der Gasaustausch in der Lunge erheblich verbessert. Deshalb liegen Covid-19-Patienten, die beatmet werden müssen, mindestens 16 Stunden auf dem Bauch. Um sie zu drehen, sind vier Mitarbeiter nötig, der Vorgang dauert etwa eine Stunde. Der Kranke muss vorsichtig gehalten werden, damit er nicht kollabiert, sorgfältig wird darauf geachtet, dass Infusionen, Überwachungskabel und EEG-Ableitungen nicht versehentlich entfernt werden. Alleine diese Maßnahme in der Akutphase der Erkrankung lässt ahnen, wie aufwendig die Versorgung der Covid-19-Patienten ist: Präzisionsarbeit.

Die Ärzte und Pfleger, die in diesem hochinfektiösen Bereich arbeiten, tragen Schutzkleidung. Diese richtig an- und vor allen Dingen "unfallfrei" wieder abzulegen, fordert Konzentration und Zeit. Auch dies: Präzisionsarbeit. Mal eben schnell ins Zimmer huschen, weil man etwas vergessen hat, geht nicht. Auch die Bedienung der Beatmungsgeräte will gelernt sein. "Es ist sehr anstrengend, aber wir knien uns alle voll rein", sagt Tobias Kempff. Der Krankenpfleger ist Leiter der Intensivstation 2.5 von Prof. Werner Seeger; das gesamte Team bringe derzeit nicht nur 100, sondern 200 Prozent Leistung. Das Kernteam der Station bekommt in diesen Wochen Unterstützung von Kollegen anderer Stationen, von ehemaligen Kollegen, von Medizinstudenten und Auszubildenden im dritten Lehrjahr, Teilzeitkräfte stocken ihre Stunden auf, Urlaube werden verschoben. Ein ausgeklügelter Dienstplan sorge dafür, dass zu jeder Tages- und Nachtzeit eine optimale Versorgung gewährleistet sei, beschreibt Kempff.

Für diese logistische Herausforderung ist derzeit Jens Fischer zuständig, der stellvertretende Leiter der Station. Ausreichend Personal und ein verlässlicher Dienstplan sind kein Luxus, sondern Notwendigkeit, verdeutlicht Kempff. Denn nur so sei gewährleistet, dass keine Fehler passierten. Schaue man nach Italien, so sehe man, dass eine Ursache für die verheerenden Infektions- und Todeszahlen die Überlastung der Mitarbeiter gewesen sei. "Wer acht Stunden und länger eine FFP3-Maske trägt, ist irgendwann fertig, dann passieren Nachlässigkeiten bei der Hygiene", sagt er. "Das ist ein Albtraum, so etwas wollen wir unbedingt vermeiden, deshalb darf hier keiner über seine Grenzen gehen."

Die Station ist in unterschiedliche, räumlich strikt getrennte Zonen aufgeteilt: Die schwarze Zone ist der hochinfektiöse Bereich, in den nur Mitarbeiter mit voller Schutzmontur kommen, in der grauen und weißen Zone gibt es jeweils Abstufungen, was Hygiene- und Schutzstandards angeht. "Jeder Kollege kann abends nach Hause gehen, ohne jemanden aus seiner Familie zu gefährden", sagt Kempff.

Apropos nach Hause gehen. Der 46-Jährige geht derzeit nur zum Essen heim zu seiner Familie. Die vier Kinder im Alter zwischen drei und 13 Jahren haben momentan nicht viel von ihrem Papa. Kempff schläft sogar in der Klinik. Das ist keine "Anordnung von oben", sondern er fühlt sich besser damit. "Ich bin schnell hier und kann aushelfen, es ist mir einfach lieber so". Der Pflegedienstleiter Alexander Pielka handhabt das ebenfalls so. Die kleine Männer-WG klappt - und das wichtigste: "Ich schlafe hervorragend, die Regeneration funktioniert", sagt Kempff und lacht.

Bisher läuft alles gut auf der Station. Jedes Rädchen greift ins andere. Von den Reinigungskräften und Versorgungsassistenten über die Pfleger und Pflegerinnen bis hin zu Gerätemanagern, Technikern, Physiotherapeuten und Ärzten zögen alle an einem Strang. Dennoch sind Kempff und seine Kollegen nervös, auch für sie ist das Szenario einmalig. "Natürlich habe ich Sorge, dass sich ein Mitarbeiter ansteckt, hier gibt es keine Garantien". Und er befürchtet, dass die Menschen draußen zu unvorsichtig würden. "Der Verlauf der Krankheit kann sehr schlimm sein, auch für Jüngere". Bisher seien die Patientenzahlen überschaubar, doch niemand könne derzeit wissen, ob das auch so bleibe.

Je nach Stadium der Krankheit nehmen die Patienten unterschiedlich wahr, was um sie herum geschieht. Die Pfleger können sie ansprechen, doch der Anblick der vermummten Gestalten sei eher unheimlich - insbesondere dann, wenn die Patienten in einem verwirrten Zustand sind.

Kempff ist seit 1994 im UKGM, seit acht Jahren leitet er die Station mit Sachverstand und Leidenschaft. Schon in "normalen" Zeiten sei die Intensivstation ein Ort für Teamplayer, das gefällt ihm. In der Pandemie gelte das erst recht. "Hier gibt es keine Alleingänge", sagt er. An seinem Namensschild hängt ein Sticker. "Wir schaffen das", steht darauf. Eine Kollegin hat ihm den angeheftet. An bitteren Tagen schadet es nicht, wenn man sich selbst Mut zuspricht. Und an guten ist es eine schöne Gewissheit, dass alle jeden Tag ihr Bestes geben. 

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