Pfarrer Hans-Joachim Wahl und Dekanatsreferentin Alexandra Haustein führen durch den Gottesdienst.
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Pfarrer Hans-Joachim Wahl und Dekanatsreferentin Alexandra Haustein führen durch den Gottesdienst.

Feiertag

Wie der Pfingsgottesdienst im Autokino abläuft

  • vonChristian Schneebeck
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Katholischer Glaube trifft auf moderne Technik: So lief der Pfingsgottesdienst des Katholischen Dekanats im Autokino in Gießen.

Eben schallte noch Popmusik von Fifth Harmony aus den Boxen, jetzt läuten im Radio die Kirchenglocken. Sekunden später betritt Pfarrer Hans-Joachim Wahl die Bühne. "Von hier oben ist das wirklich ein sehr schönes Bild", sagt er zur Begrüßung. "Wir sehen Sie zwar nicht, aber wir wissen ja, dass Sie da sind." Hier und dort recken sich winkende Hände aus den ziemlich genau 100 Autos, die am Montagmittag den Parkplatz an den Hessenhallen bevölkern.

Diese Art von Pfingstgottesdienst hat das Katholische Dekanat Gießen auch noch nicht erlebt. Eine Stunde lang ist das Autokino fest in der Hand der Gläubigen. Am Ende zieht Pfarrer Wahl ein rundum positives Fazit: "Es war eine tolle Art, in dieser Zeit gemeinsam Gottesdienst zu feiern."

Besucher kommen aus ganz Hessen

Etwas gewöhnungsbedürftig wirkt die Szenerie anfangs aber schon. In fünf Hauptreihen stehen die Pkw vor der Bühne. Wer keinen freien Blick hat oder einfach zu weit weg ist, kann die Messe auf einer 25 Quadratmeter großen LED-Leinwand verfolgen. Den Ton dazu gibt’s auf 89,7. Das ist die Frequenz, über die man ihn im Autoradio empfangen kann.

Um live mit dabei zu sein, seien manche der etwa 250 registrierten Besucher sogar aus Darmstadt, Offenbach oder Mainz angereist, berichtet Dekanatsreferentin Alexandra Haustein. "Gerufen, ein Segen zu sein", heißt der Leitspruch des Tages - und die Gäste von außerhalb haben diesen Ruf offenbar weit über Gießen hinaus gehört.

Über das Gelände der Hessenhallen hinaus hört man von dem Gottesdienst am Montag fast nichts. Nur ganz vereinzelt halten sich Teilnehmer nicht an das Hup-Verbot. Am Ende spenden die Gläubigen außerdem lautstark Beifall für das fünfköpfige Organisationsteam um Christoph Weber-Maikler sowie für 25 weitere ehrenamtlich Beteiligte, darunter das Gesangs-Trio Marlene Runde, Michael Gilles und Shawn Mlynek. In den 60 Minuten zwischen Begrüßung und Segensspruch kurbeln die meisten Besucher ihre Scheiben herunter. Das sorgt für Sauerstoff und nebenbei dafür, dass auch Teilnehmer ohne Auto, aber mit Plastikstuhl die Ereignisse bestens verfolgen können.

Die wiederum sind nicht nur ein Beispiel dafür, "dass sich die Kirche in dieser Zeit nicht verkriecht", wie Wahl betont. Pfingsten im Autokino beseelt den katholischen Ritus auch mit moderner Technik. So kommen die Fürbitten per SMS: Jeder und jede ist aufgerufen, eine entsprechende Kurznachricht zu schicken. Aus den Einsendungen machen die Organisatoren in Windeseile einen Teil des Gottesdienstes. Die Kollekte geben viele Gläubige hingegen lieber analog, bei der Ausfahrt vom Gelände. Sie kommt dem Hilfswerk GAIN und speziell der Flüchtlingshilfe aus Lesbos zugute.

Viel Lob für Experiment

Kurz vor Schluss, als die verteilten roten Luftballons gen Himmel fliegen, hält es vor allem manche Kinder nicht mehr im Auto. Und wo man schließlich auch fragt, überall ist nur Lob für ein gelungenes Experiment zu vernehmen. "Wir haben es geschafft, eine Glaubensgemeinschaft zu bilden", bilanziert Haustein fast ein wenig überrascht. Als diese Gemeinschaft aufbricht, soll sie noch ein Lied im Kanon singen. Unterdessen bestätigt selbst die Abfahrt vom Parkplatz am Ende die Worte der Bibel: Die Letzten werden die Ersten sein.

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