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Das rote "S" mit dem Punkt begleitet Peter Wolf schon sein ganzes Leben.

Mensch, Gießen

Peter Wolf ist der Gießener Sparkassen-Leitwolf

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Er verkörpert die Sparkasse Gießen wie kaum ein Zweiter. Sein ganzes berufliches Leben hat Vorstandschef Peter Wolf für die Bank mit dem roten "S" gearbeitet. Ein Porträt.

Peter Wolf sitzt in seinem Büro in der Vorstandsetage. An der Wand hängt ein imposantes Gemälde, hinter der Fensterfront ist das Stadttheater zu sehen. Der Direktor der Sparkasse Gießen hat gerade über die Vorzüge der Marktwirtschaft gesprochen, als er zu Stift und Papier greift. "Ich zeichne Ihnen das mal auf." Einen Augenblick später blickt Wolf auf ein Wirrwarr aus Linien, Punkten und Buchstaben. Es geht um Preis und Menge, Angebot und Nachfrage. Die DNA der freien Marktwirtschaft. "Wenn der Staat eingreift und Höchstpreise verhängt, werden Schwarzmärkte entstehen." Auch an Mindestpreisen lässt er kein gutes Haar. "Denken Sie nur an die Butterberge und Milchseen der 70er und 80er Jahre", sagt Wolf und erinnert an die Subventionierung der Landwirtschaft, die dazu führte, dass die Bauern ihre Molkereiprodukte wegkippen mussten. Kein Zweifel, Wolf ist ein Anhänger der freien Marktwirtschaft. Manche mögen seine Einstellung kritisieren. Aber Wolf muss so denken. Schließlich vertrauen ihm 130 000 Kunden ihr Geld an, damit er es vermehrt.

Im Finanzsektor wimmelt es von Tiermetaphern. Da wäre der Finanzhai, der den kleinen Fischen das mühsam Ersparte wegfrisst. Oder Investment-Heuschrecken, die kaufen, plündern und dann zum nächsten vielversprechenden Renditeprojekt weiterziehen. Und es gibt natürlich die bösen Wölfe von der Wallstreet. Peter Wolf hingegen will nicht zu den Bösen gehören. Im Gegenteil: "Wir sind die Guten. Die Volksbank auch. Für den Rest legen wir aber keine Hand mehr ins Feuer." Der 56-Jährige weiß: Die Exzesse, die 2007 zur Wirtschaftskrise führten, haben den Ruf der Banker ruiniert. "Die Sparkasse hatte damit nichts am Hut, sie wurde aber in Sippenhaft genommen", beklagt Wolf und erzählt, dass auch er ab und an als "Gauner" bezeichnet werde. "Das ist zwar meist im Scherz gemeint, tut aber dennoch weh." Früher, sagt Wolf, seien den Menschen solche Begriffe nur selten über die Lippen gekommen.

Wolf ist in Gießen geboren und aufgewachsen. Nach der Kriegsgefangenschaft haben seine Großväter im US-Depot gearbeitet. "Dann sind sie hier sesshaft geworden", sagt Wolf und erzählt, wie seine Eltern zusammen mit den Großeltern ein Haus am Rande des Philosophenwalds gebaut haben. "Eine schönes Zweifamilienhaus mit großen Grundstück. Meine Eltern wohnen noch immer dort." Nach dem Abitur an der Liebigschule wollte Wolf etwas Solides lernen. "Ein Studium war zu ungewiss, auch wegen der finanziellen Situation meiner Eltern. Außerdem wollte ich auf eigenen Füßen stehen." Da ihn das Finanzwesen schon immer interessiert habe - und der Beruf des Bankers damals noch sehr angesehen war - bewarb er sich bei der Hausbank der Familie. Das war 1983. Bis heute ist er der Sparkasse treu geblieben.

Steter Aufstieg

Wer einen Blick auf Wolfs Lebenslauf wirft, sieht einen steten Aufstieg. Ausbildung, Kreditabteilung, Studium an der Sparkassenakademie, stellvertretender Abteilungsleiter, dann Abteilungsleiter, Mitglied des Vorstands und seit 2013 Vorsitzender des Gremiums. Schritt für Schritt nahm er die nächste Sprosse der Karriereleiter. "Ich hatte großes Glück, aber auch sehr viel Unterstützung", sagt der Banker. Er meint damit nicht nur seine Vorgesetzten, sondern auch seine Frau, die er einst beim Ausgehen kennengelernt hat und die noch immer als Krankenschwester arbeitet. Sie habe ihm auch geholfen, mit Niederlagen umzugehen. Zum Beispiel, als er beim ersten Anlauf auf den Posten des Vorstandsvorsitzenden gescheitert war. "Meine Frau ist mein emotionaler Halt. Dank ihr gelingt es mir, nach Rückschlägen wieder aufzustehen."

Der erfolgreiche Weg bei der Sparkasse hat auch dazu beigetragen, dass Wolf sein Glück nicht in der Ferne suchte. Etwa in Frankfurt, dem Mekka aller Banker. "Die Welt dort ist sehr künstlich, es gibt viele Versuchungen. In Frankfurt arbeiten zwar auch viele anständige Leute. Exzesse sieht man dort aber auch."

Stattdessen blieb Wolf in seiner Heimatstadt - von einem Intermezzo bei der Stadtsparkasse Schwalmstadt abgesehen - und machte hier Karriere. Auch gesellschaftlich engagiert er sich. Die Liste seiner Ehrenämter ist lang, beim Lions Club und den Fünfzigern ist er ebenfalls vertreten. Natürlich ist das auch ein Stück weit seiner Position geschuldet, für einen Sparkassendirektor gehört es zum guten Ton, sich zu engagieren. Für jemanden, der in Gießen geboren und aufgewachsen ist, ist es aber auch eine Herzensangelegenheit, der Gesellschaft etwas zurückzugeben.

Wenig Freizeit

Wolf hat sich vom einfachen Azubi bis zum Chef hochgearbeitet. Er sitzt in einem schicken Büro, fährt einen Firmenwagen, er hat Macht, Einfluss und ein gutes Gehalt. "Das ist alles prima", sagt Wolf, "aber ich habe auch einen Terminkalender, der von morgens früh bis abends spät gefüllt ist." Frühaufsteher können Wolf morgens in der Wieseckaue beim Walken beobachten, am Wochenende ist er zudem gerne Gast bei den Basketballern der 46ers oder den heimischen Fußballteams. Viel mehr Freizeit hat der 56-Jährige aber nicht. Und selbst bei diesen spärlichen Momenten bleibt Wolf meist in seiner Rolle. "Man wird erkannt. Das schmeichelt einem natürlich auch. Es hat aber auch zur Folge, dass es den Privatmenschen Wolf im Grunde gar nicht gibt." Zumindest nicht in Gießen. Denn Wolfs Leidenschaft gilt dem Skifahren und dem Reisen. Gerne auch weit weg. Und in Asien, Afrika oder Südamerika sei er dann tatsächlich mal nicht der Sparkassendirektor, sondern ein einfacher Tourist. Das Reisen habe aber noch einen weiteren Vorteil, sagt der Gießener. "Nach der Rückkehr blickt man mit anderen Augen auf seine Heimat. Was uns hier stört, kann mit den Unzulänglichkeiten an anderen Orten nicht mithalten. Uns geht es in Deutschland sehr gut."

Wolf ist überzeugt, dass dieser Wohlstand untrennbar mit der freien Marktwirtschaft verbunden ist. Es gibt aber auch Menschen, die anderer Meinung sind. Marx und Engels sahen im Kapitalismus schon Mitte des 19. Jahrhunderts den Nährboden für Elend und Ausbeutung. Die 68er-Bewegung nahm den Gedanken auf, und auch heute, 170 Jahre nach dem Kommunistischen Manifest, hat die Jugend dem Kapitalismus den Kampf angesagt. Bei den Fridays-for-Future-Demos sind häufig Transparente mit Sprüchen wie "burn capitalism, not coal" zu lesen.

Wolf will nicht falsch verstanden werden, er begrüße es, dass sich die Jugend engagiert. Und eine gewisse Rebellion gehöre zum Erwachsenwerden dazu. Er teilt nur nicht die Ansichten der Kapitalismuskritiker. "Wer die freie Marktwirtschaft kritisiert, ist weltfremd. So funktioniert die Welt nun mal."

Wolf wird noch einige Jahre versuchen, das Geld der Sparkassen-Kunden zu vermehren und sich für die Region zu engagieren. Der Ruhestand liegt in weiter Ferne. Trotzdem hat sich der Gießener mit diesem Thema beschäftigt. Er weiß, dass gerade Menschen mit Macht nach der Rente in ein Loch fallen können. "Fast alle, die ich kenne, hatten Probleme damit." Er selbst will den Ruhestand für Reisen nutzen und sich seinen Ehrenämtern widmen. Außerdem könne er sich vorstellen, die im Keller der Johannesstraße gelagerten Akten zu durchforsten. "Vielleicht wird ja eine Festschrift zum 200. Geburtstag im Jahr 2034 daraus." Zum Abschied von der Spitze in den Keller: Der Sparkassendirektor lächelt bei dem Gedanken.

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