Peter Leesemann ist seit über 50 Jahren Taxifahrer. Zu seinen Stammkunden gehören viele Patienten des Klinikums. FOTO: SCHEPP
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Peter Leesemann ist seit über 50 Jahren Taxifahrer. Zu seinen Stammkunden gehören viele Patienten des Klinikums. FOTO: SCHEPP

Taxifahrer

Peter Leesemann (81): Der heimliche Boss am Bahnhof Gießen

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Er ist Gießens, vielleicht sogar Hessens ältester Taxifahrer. Peter Leesemann ist 81 Jahre alt und sitzt immer noch am Steuer. Der Senior ist topfit. Außerdem ist Leesemann so etwas wie der heimliche Boss des Bahnhofsvorplatzes.

Schauen Sie nach dem Mann mit der roten Mütze! Wenn Peter Leesemann Patienten vom Klinikum abholt, geht er normalerweise auf die Station. Er holt seine Kunden ab, weil er weiß, wie nervös gerade ältere Leute sind, wenn es in die Reha oder wieder nach Hause geht. "Haben Sie Ihr Portemonnaie, Ladekabel, Handy und die Tabletten?", oft geht er mit ihnen noch einmal das Wichtigste durch, ruhig, freundlich, geduldig. Das nimmt den Stress. Ärzte und Krankenschwestern wissen, dass die Rekonvaleszenten bei Leesemann in guten Händen sind, sie empfehlen ihn gerne. Da in Corona-Zeiten niemand in die Klinik darf, setzt er die rote Kappe auf und wartet vor der Tür auf "seine" Patienten. Sie ist zu seinem Erkennungsmerkmal geworden.

Der 81-Jährige arbeitet an fünf Tagen in der Woche. Er steht um 5 Uhr auf, ab 6 Uhr ist er einsatzbereit. Um die Mittagszeit macht er Feierabend. "Mir würde zu Hause die Decke auf den Kopf fallen, ich fahre noch immer gerne", sagt er.

Es spricht auch nichts dagegen, denn soeben wurde sein Personenbeförderungsschein verlängert. Sein Reaktionsvermögen, Augen, Ohren - alles top. Sein Arzt hatte nichts zu beanstanden. Nun darf er weitere fünf Jahre fahren. "So lange will ich aber nicht mehr. In ein oder zwei Jahren ist Schluss".

Leesemann hat in über 50 Jahren am Steuer viel erlebt, er hat fette und magere Zeiten durchgestanden. Gerade sind sie wieder ziemlich mager. Corona hat auch den Taxifahrern einen Lockdown beschert. Die Männer und die (wenigen) Frauen, die am Bahnhof auf Kundschaft warten, haben viel Zeit. "Viel zu viel", sagt einer in der Schlange und seufzt. Drei Wagen stehen vorne direkt am Eingang, etwa 15 weitere seitlich des gegenüberliegenden Gebäudes. Dafür hat "der Peter" damals gesorgt, berichtet ein Kollege.

Als der Bahnhofsvorplatz neu gestaltet wurde, gab es Gerangel um die Taxiwartezonen, die Fahrer waren unzufrieden. Leesemann hat damals mit der Stadt verhandelt, er war es auch, der während der großen Baustelle für die Interessen seiner Zunft eintrat. Das rechnen ihm die Kollegen hoch an. "Er kennt sich aus mit allen Gesetzen, er hilft uns", sagt einer. Leesemann sorgt aber auch innerhalb der Szene für Ordnung. Er hat durchgesetzt, dass die Reihenfolge in der Schlange eingehalten wird, dass jeder nur dann aufrückt, wenn er dran ist. "Kundenraub gibt es bei mir nicht", sagt Leesemann.

Alle akzeptieren das, doch das heißt noch lange nicht, dass es allen gefällt. Es gibt durchaus auch Fahrer, die froh wären, wenn "der Alte" endlich weg wäre. Leesemann weiß das. Er weiß aber auch, dass es sofort Ärger gibt, wenn er mal nicht da ist. Er ist die "graue Eminenz" auf dem Bahnhofsvorplatz und wünscht sich, dass er und seine Kollegen mit allen gut auskommen: Mit den Busfahrern, der Kontrollbehörde des Ordnungsamtes, den Geschäftsleuten vor Ort und der Polizei. "Davon haben wir alle etwas". Das sagt er auch den Hitzköpfen unter den Kollegen, die zuweilen eine kurze Zündschnur haben, wenn es um ihre Geschäfte geht.

Leesemann war schon immer einer, der das Zeug zum "Bestimmer" hatte. Vielleicht, so überlegt er, lag das daran, dass er schon als Kind viel auf sich selbst gestellt war. Er wurde 1939 in Bremen geboren, sein Vater fiel im 2. Weltkrieg, er hat keine Erinnerung an ihn. Die Mutter zog mit ihm und dem älteren Bruder in den Vogelsberg. Der Bruder starb kurz nach dem Krieg an einem Lungenleiden, der kleine Peter war bei ihm, niemand konnte damals helfen. "Das habe ich nie vergessen", sagt der 81-Jährige.

Möglicherweise war auch das ein Grund, warum er bei der Bundeswehr nicht lange zögerte, als er eine Ausbildung zum Krankenpfleger machen konnte. Eine Lehre zum Friseur hatte er zuvor eher halbherzig absolviert, das war nicht sein Ding. Also verpflichtete er sich für zwölf Jahre "beim Bund". Die Medizin und die Pflege im Gießener Bundeswehrkrankenhaus lagen ihm, bald wurde dem jungen Mann Verantwortung übertragen, er wurde OP-Pfleger, arbeitete in der Anästhesie, war Stationsleiter und wurde Dozent in der Ausbildung.

Dennoch kehrte er der Bundeswehr schließlich den Rücken. Der Hauptfeldwebel verließ die Truppe und erstand sein erstes Taxi - einen schicken Peugeot - und zudem "Lizenz Nummer 37". In den Folgejahren war er aber nicht nur als Fahrer unterwegs, sondern sah sich auch in anderen Branchen um. Er war eine Weile Pharmavertreter für das Unternehmen Heumann; in dieser Zeit kam er viel herum und verdiente gut. Dagegen funktionierte der kleine Tabakladen, den er später führte, nicht besonders. Er kehrte zum Taxifahren zurück. Durch die vielen GI’s, die in Gießen stationiert waren, konnte man damit viel Geld verdienen. Leesemann kniete sich richtig rein in das Geschäft, er war im Aufsichtsrat der damaligen städtischen Taxiorganisation und engagierte sich in der Ausbildung und Prüfung neuer Kollegen in Frankfurt und Kassel.

In seinem Job lernt man im Laufe der Zeit viel über seine Mitmenschen. Ihm reichen ein paar Augenblicke, um die Kundschaft einzuschätzen. Und natürlich erlebt ein Taxifahrer kuriose Geschichten. Leesemann könnte ein Buch darüber schreiben. Zum Beispiel über die Fahrt an einem Heiligabend, als ein Fahrgast unbedingt nach Siegen wollte und am Ziel kein Geld hatte. Er gab dem Fahrer stattdessen einen Ring. Leesemann legte den angeblichen Familienring ins Handschuhfach und glaubte nicht daran, dass er je ausgelöst werden würde. Doch genau das geschah einige Wochen später. "Für den Mann war das eine Sache der Ehre".

Genau der richtige Mann war Leesemann auch bei einer heiklen Geschichte um eine Bäuerin aus dem Vogelsberg. Die alte Dame sollte nach einem Herzinfarkt aus dem Krankenhaus entlassen werden und fürchtete sich vor der Autofahrt fast zu Tode. Sie hatte noch nie zuvor in einem motorisierten Wagen gesessen (außer bei der Blaulichtfahrt im Krankenwagen, aber davon hat sie nichts mitbekommen). Leesemann, ruhig, freundlich, geduldig, gewann das Vertrauen der Frau und lieferte sie wohlbehalten in ihrem Dorf ab. Das ist lange her. Doch eines hat sich nicht verändert. "Vertrauen ist das A und O", sagt der 81-Jährige. Und deshalb ist der Chauffeur mit der roten Mütze auch heute noch ein gefragter Mann.

Keine Altersdiskriminierung

Nach Auskunft von Hans-Peter Kratz, dem Vorsitzenden der Frankfurter Taxi-Vereinigung, gibt es in Hessen hinsichtlich des Alters keine "Rangliste". Es gibt außer Peter Leesemann noch einen Taxifahrer aus dem Jahrgang 1939, ein weiterer wird in diesem Jahr 80 Jahre alt. Der sogenannte Führerschein zur Fahrgastbeförderung, erläutert er, werde nur einmal beantragt, und nach eingehender ärztlicher Untersuchung sowie dem Nachweis der Zuverlässigkeit erteilt. Dieser Schein ist fünf Jahre gültig, nach dieser Zeit erfolgt eine erneute Untersuchung, zudem wird das Punktekonto in Flensburg und das Führungszeugnis geprüft. Eine Altersgrenze ist in der Fahrerlaubnisverordnung nicht definiert. Kratz: "Für uns spielt das Alter keine Rolle, es gibt alte Junge und junge Alte. Wenn sie fit sind und dies auch geistig, bringen die alten Routiniers natürlich für die Kunden mehr". Es gebe keine Altersdiskriminierung in irgendeiner Form, ganz oben stehe immer die Kundenfreundlichkeit.

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