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Peter Gömmer in seinem grünen Paradies. Der 83-Jährige hat viele Interessen - das Gärtnern gehört auch dazu.

Mensch, Gießen

Peter Gömmer, der gesellige Idealist

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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Peter Gömmer ist ein bekanntes Gießener Gesicht. Das liegt in erster Linie daran, dass er lange Jahre Vorsitzender der Gesamtfünfziger war.

Die Tomaten sind bald reif, die Trauben brauchen noch eine Weile. In Peter Gömmers Garten grünt und blüht es üppig. Er schenkt naturtrüben Apfelsaft aus, er ist von eigenen Früchten. Der 83-Jährige besitzt am Stadtrand eine Streuobstwiese. Obst- und Gemüseanbau haben dem Hobbygärtner schon immer Freude gemacht, aber er hat als Kind auch erlebt, dass Selbstversorgung existenziell sein kann. Vielleicht haben auch diese frühen Erfahrungen dazu beigetragen, dass er nie aus den Augen verloren hat, wie wichtig es ist, auch nach anderen zu schauen. Soziale Verantwortung nennt man das wohl. Ein Leitmotiv für den Sozialdemokraten. Doch der Reihe nach.

Peter Gömmer stammt aus einer Försterfamilie, er ist in Einbeck bei Göttingen geboren, dort hatte der Vater ein Revier. Nachdem dieser kurz vor Kriegsende an der Ostfront gefallen war, ging die Mutter mit den vier Kindern zurück nach Büdingen, wo die Familie ursprünglich herstammte. Gemeinsam mit der Mutter und den Geschwistern, der Tante und ihren Kindern sowie dem Großvater durchlebte Peter Gömmer die schweren Nachkriegsjahre. Sie bauten Kartoffeln und Gemüse an, sie hielten Hühner und Ziegen. Es war eine schöne Zeit inmitten der Natur, doch die Kinder mussten immer kräftig mitanpacken, das war selbstverständlich. Gömmer: »Das war die Not dieser Zeit, auch wir Kinder wurden gefordert«. Nach der mittleren Reife ging er nach Gießen und machte eine Lehre als Werkzeugmacher. Doch schon zu Beginn der Ausbildung hatte er vor, anschließend ein Studium zu beginnen.

Gömmer wohnte im Friedrich-Naumann-Haus, wo Lehrlinge wie er unterkamen. Dort herrschte ein strenges Regiment, die »jungen Kerle« mussten sich an die Hausregeln halten und hatten wenig Freiheiten.

Dennoch hat Gömmer sich in Gießen sofort wohl gefühlt. Durch Ernst Klotz, den Leiter des Naumann-Hauses und den Vorsitzenden des CVJM, bekam Gömmer nach zwei Jahren eine Art Hausmeisterposten, zudem begann er, Sportgruppen zu betreuen. In erster Linie bestanden die aus Spätaussiedlern, die ohne Familie in den Westen gekommen und im Friedrich-Naumann-Haus ihre erste Bleibe gefunden hatten. Nach der Trennung vom CVJM ist daraus später der USC Gießen hervorgegangen, erinnert Gömmer.

Ja, und dann war da noch der Freitagskreis des CVJM. Eine gesellige Runde junger Menschen mit viel Idealismus und vielen Plänen. Hier lernte Peter seine spätere Frau Ingeborg kennen, er war damals 22, sie zarte 17 Jahre alt. Das Paar heiratete Anfang der 60er Jahre, 1966 kam Sohn Michael auf die Welt 1968 Stefan. Ingeborg Lich-Gömmer war die Tochter von Karl Lich, der in der Neustadt ein Haushaltswarengeschäft betrieb, das zur Unterscheidung des gleichnamigen Geschäftes in der Nachbarschaft Hufeisen-Lich hieß. Der pferdebegeisterte Schwiegervater hatte sich mit seiner Firma auf landwirtschaftliche Geräte spezialisiert. Gömmer war nach seinem Maschinenbaustudium dort eine Zeitlang tätig, bevor sich der Ingenieur mit einer Firma für Zentralheizungs- und Lüftungssystemen selbstständig machte. Die letzte Station seines Berufslebens war die des Technischen Betriebsberaters in der Landesinnung für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik Hessen. Auch hier machte es ihm Freude, neue Wege zu gehen.

Sehnen nach Versöhnung

Um die Motive für sein späteres Engagement zu verstehen, braucht es aber noch einmal einen Blick zurück. Gömmer war 1961 als Austauschstudent in Polen, hier gab es für ihn die erste Annäherung an das Volk, das durch die Deutschen so viel durchlitten hatte. »Wir sehnten uns damals nach Versöhnung, wir wollten dazu beitragen, dass die Menschen in Frieden leben können«, erzählt er. Als im August 1961 in Berlin die Mauer gebaut wurde, war Gömmer auf der Rückreise in den Westen, er wurde aus dem Zug geholt und gefilzt, seine Fotos wurden beschlagnahmt, ansonsten blieb er aber unbehelligt. Er war schockiert von dieser Entwicklung, gleichzeitig ahnte er noch nicht, was dieser Bau für das Land und seine Bevölkerung für Konsequenzen haben würde.

1970 verfolgte er am Bildschirm den Kniefall Willi Brandts am Warschauer Ghetto. Nach dieser Geste des damaligen Bundeskanzlers, die als Bitte um Vergebung für die Verbrechen im 2. Weltkrieg verstanden wurde, hatte Gömmer endgültig seine politische Heimat gefunden. Er gehört dem SPD-Ortsverein Gießen-Ost an und war lange Jahre dessen Vorsitzender. Auch seine 2011 verstorbene Ehefrau Ingeborg Lich-Gömmer war dort Mitglied und in vielen sozialen Bereichen der Stadt tätig, sie galt als Pionierin. Sie war nicht nur eine erfolgreiche Unternehmerin, sondern auch eine der Initiatorinnen von »Eltern helfen Eltern« und der »Stiftung Anstoß«.

Auch für Peter Gömmer ist soziale Gerechtigkeit ein Lebensthema. Als 2015 die Flüchtlingswelle rollte, war er einer von denen, die halfen. Er unterstützte junge Geflüchtete dabei, die deutsche Sprache zu lernen. »Ich bin ja kein Lehrer, aber es hat trotzdem ganz gut geklappt«, sagt er mit dem für ihn typischen verschmitzten Lächeln. Viele der Geflüchteten hätten den großen Wunsch verspürt, hier in Deutschland anzukommen und sich etwas aufzubauen. »Dabei ist die Sprache unerlässlich, deshalb wollte ich helfen«, sagt er.

Gömmer kennt Gießen und seine Geschichte in- und auswendig. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie eng verwoben ist mit der Geschichte der Fünfziger-Vereinigung. Zugang zu dieser Gießener Besonderheit hat er seinerzeit durch seinen Schwiegervater Karl Lich bekommen. Gömmer selbst war von 2006 bis 2014 Vorsitzender der Gesamtfünfziger. Bei seinem Abschied gab es stehende Ovationen. Sie galten dem Mann, der unzählige Stunden damit verbracht hat, der Satzung zeitgemäße Strukturen zu verleihen.

Er war ein eher moderierender Vorsitzender, an Machtspielen hatte er kein Interesse. »Es war damals Zeit zu gehen, es mussten Leute mit neuen Impulsen ans Ruder«, sagt er in der Rückschau. Den Fünfziger-Gedanken der Gemeinsamkeit und Geselligkeit findet er immer noch großartig; wann immer er gefragt wird, steht er seinen Nachfolgern mit Rat und Tat zur Seite, und seinem 38er Jahrgang ist er selbstverständlich treu geblieben. Aktuell bietet er eine Führung zu einigen der Fünfziger-Steine an. Dieser unterhaltsame Spaziergang ist eine ideale Kombination aus Geschichts- und Anekdotenstunde.

Wer ihn ein bisschen kennt, weiß, dass dem 83-Jährigen nicht so schnell langweilig wird. Er verbringt gerne Zeit mit seiner Lebensgefährtin, er engagiert sich bei den »grünen Engeln« des Vereins Ehrenamt und ist »Sauberkeitspate«, er singt im städtischen Seniorenchor, geht zum Prellball und zum Boulespielen (der Platz im Stadtpark entstand u.a. auf seine Initiative hin) und pflegt seinen Garten. Und samstags geht er auf den Wochenmarkt, das ist für ihn wie für viele andere Gießener ein Ritual. Schon morgens um 7 Uhr könne man hier Schwätzchen mit netten Menschen halten, erzählt er. Sein Leben erfülle ihn mit Dankbarkeit. Gömmer: »Die Stadt und viele einzelne Menschen, die hier leben, haben es reicher gemacht«.

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