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Karnevalistin durch und durch: Anja Helmchen wird die Gießener Fassenachts-Vereinigung als neue Präsidentin in die kommende Kampagne führen.

Per Kopfsprung in die Kampagne

  • VonKatrin Hanitsch
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Am Donnerstag geht es los: Um 11.11 Uhr startet die Gießener Fassenachts-Vereinigung (GFV) in die fünfte Jahreszeit. Die Aktiven sehnen dieses Datum nach der Fastnachtsflaute im vergangenen Jahr herbei. Allen voran: Anja Helmchen, die neue Präsidentin der GFV.

Im Juli erst wurde Anja Helmchen als erste Frau zur Präsidentin der Gießener Fassenachts-Vereinigung gewählt. Ihr blieb nur kurz Zeit, sich einzugewöhnen, bevor in ein paar Tagen die Kampagne mit der Vorstellung des Prinzenpaares beginnt. Hinzu kommt: Es ist eine ganz besondere Kampagne, die durch die Pandemie große Herausforderungen bereithält. Doch im Interview zeigt sich Helmchen optimistisch, dass sich die Arbeit der vergangenen Monate auszahlen wird.

Sie sind seit einigen Monaten Präsidentin der GFV. Was bedeutet es Ihnen, die erste Frau in diesem Amt zu sein?

Ehrlich gesagt habe ich darüber im Voraus gar nicht nachgedacht. Es ist mir eigentlich erst bewusst geworden, als ich danach darauf angesprochen wurde. Es ist für mich natürlich eine doppelte Ehre. Es ist ohnehin ein sehr ehrenvolles, auch gesellschaftspolitisch bedeutendes Amt. Aber dass ich nun die erste Frau in diesem Amt bin, macht es noch einmal ein Stück bedeutender für mich. Ich glaube nicht, dass das in der Öffentlichkeit unbedingt so wahrgenommen wird. Aber die Verantwortung, die man damit übernimmt, wird einem noch ein Stück mehr deutlich.

Und wie sind die Reaktionen auf Ihre Wahl?

Unmittelbare Reaktionen habe ich eigentlich nur aus dem Podium, von den Teilnehmern an der Wahl erfahren. Das war eine sehr große Unterstützung. Die genauen Abstimmungszahlen weiß ich gar nicht mehr, aber es war ein sehr großes positives Votum. Im Nachgang haben mir schon viele Leute gratuliert. Aber coronabedingt hat man ja nicht viele unmittelbare Kontakte haben können.

Welche Aufgaben haben Sie als Präsidentin überhaupt?

Alles. (lacht)

Das heißt?

Ich leite, führe, organisiere diesen Verein, der aus ungefähr 500 Mitgliedern besteht, der sehr viele aktive Gruppen hat, die alle in irgendeiner Form koordiniert und abgestimmt werden müssen. Es gibt eine Kampagne zu organisieren und zu planen. Und dann gibt es natürlich das ganze Jahr über die normalen Verwaltungsdinge, um die sich jeder kümmern muss, der in irgendeiner Form ein Unternehmen leitet. Der Vorstand besteht aus einem Team von zwölf Personen, aber ehrlicherweise muss man sagen: Es läuft alles über meinen Schreibtisch. Vieles mache ich selbst, gerade jetzt im ersten Jahr, um die Dinge auch kennenzulernen.

Inwieweit haben Sie sich schon eingearbeitet?

Erfahrene Präsidenten haben mir gesagt, die Einarbeitungsphase wird sich über mehrere Jahre hinziehen. (lacht) Insofern bin ich natürlich in der Einarbeitungsphase, aber wir sind auch mittendrin. Dadurch, dass die Jahreshauptversammlung so spät war, musste es dann gleich losgehen mit den Planungen für die Kampagne. Und das bedeutet einfach: Kopfsprung mitten rein, und los geht’s.

Das Präsidium ist fast zur Hälfte mit Frauen besetzt. Der Elferrat ist Männerdomäne - ist das ein Thema im Verein? Inwieweit arbeiten Sie als Präsidentin mit dem Elferrat zusammen?

Ich arbeite mit dem Elferrat genauso zusammen wie mit allen anderen aktiven Gruppen. Wir tauschen uns alle sehr eng aus, es wird alles untereinander abgestimmt. Der Elferrat ist in der Fassenacht eine klassisch männerbesetzte Domäne, insofern ist das für uns auch kein Thema.

Im »richtigen« Leben sind Sie Anwältin und Politikerin - zwei Tätigkeiten, die man mit Seriosität verbindet. Wie passt das mit dem Posten als GFV-Präsidentin zusammen?

Man muss ganz ehrlich sagen: Es gibt kaum etwas ernsteres als die Fassenacht. Wenn es so betrachtet wird, als wären wir ein Haufen feierwütiger Menschen, die sich darauf freuen, eine Woche lang rund um die heiße Phase zwischen Weiberfasching und Aschermittwoch auf die Straße zu gehen und zu feiern, ist das ein völlig falsches Bild. Bei uns steht die Brauchtumspflege und das Kulturgut Fastnacht ganz an oberster Stelle. Wir leisten mit dem Verein eine Arbeit, die von den Kleinen, von unseren Kadettchen, bis ins hohe Alter die Leute heranführt an dieses Brauchtum und an diese Kulturpflege. Das Feiern ist ein Nebeneffekt, hat aber eigentlich mit der Arbeit, die wir leisten, gerade im Jugend- und Kinderbereich, gar nichts zu tun. Die Fastnachter an sich haben auch relativ wenig Gelegenheit zu feiern. In der Regel trinkt man mal ein Glas Wein, wenn die Veranstaltung vorüber ist oder wenn der Aschermittwoch kommt, weil man dann eine saubere Kampagne abgeliefert hat. Aber die Menschen, die sich da engagieren, die haben in der heißen Phase überhaupt keine Zeit zum Feiern. Insofern finde ich auch, dass sich das überhaupt nicht beißt mit meiner beruflichen oder politischen Tätigkeit. Ich sehe das als eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe und Position in der Gießener Gesellschaft. Das ist eine sehr seriöse Tätigkeit.

Wie sehen Ihre Pläne für die kommende Kampagne aus - mit den Unsicherheiten durch die Pandemie?

Wir haben von Anfang an gesagt: Unser Ziel ist es, eine vollständige Kampagne abzuliefern. Und inzwischen sieht es auch so aus, als ob uns das gelingt. Wir werden alle Veranstaltungen, die wir üblicherweise anbieten, durchführen können, mit Ausnahme des Kinderfaschings. Der Kinderfasching ist unter pandemischen Bedingungen einfach nicht darstellbar, das geht nicht mit 500 Kindern in der Kongresshalle. Alle anderen Veranstaltungen werden stattfinden können, entweder in 2G oder in 3G, wobei wir schon sehr kritisch auf die Inzidenzen schauen. Wenn wir kurzfristig absagen müssten, wäre das sehr bedauerlich. Aber wir wären auf jeden Fall in der Lage, ein komplettes Programm anzubieten.

Gibt es einen Plan B, für den Fall, dass Veranstaltungen wieder abgesagt werden müssen?

Das wird dann halt nicht so schön ausgestaltet und so ein großes Angebot sein wie die Sitzungen in Präsenz, aber wir haben einen virtuellen Plan B. Wir hatten im letzten Jahr ein kleines Angebot für die Mitglieder. Sollten die Sitzungen dieses Mal ausfallen, geht unsere Planung dahin, eine virtuelle Sitzung auf die Beine zu stellen, so wie es andere Vereine im letzten Jahr auch schon angeboten haben.

Denken Sie, dass die vielen Vereine wieder dort anknüpfen können, wo sie kurz vor der Pandemie standen, oder hat Corona ihnen stark zugesetzt in Hinblick auf Mitgliederzahl, Aktive und Zuschauer?

Ich kann das nur für unseren Verein sagen: Unter Mitgliederschwund haben wir nicht zu leiden. Aber es ist natürlich so, dass, je länger die Ausnahmesituation andauert, es unglaublich schwierig ist, gerade die Aktiven bei der Stange zu halten. Wir haben in Gießen das Glück, dass unsere Tanzgruppen seit kurz vor den Sommerferien wieder trainieren können. Das ist bei vielen anderen Vereinen im Umland nicht der Fall, weil die Gemeinden die Hallen nicht freigeben. Wir waren sehr erleichtert, dass es bei uns anders ist. Einfach, um eine Perspektive zu geben, und auf das Ziel, auf unsere Kampagne hinzuarbeiten. Aber die Zeit, in der nicht trainiert werden konnte, war schon sehr, sehr schwer. Was die Zuschauer angeht: Das werden wir jetzt sehen. Ich gehe davon aus, dass es Menschen gibt, die sagen, sie möchten sich lieber nicht in eine Halle setzen und an einer Veranstaltung teilnehmen. Dafür habe ich auch Verständnis. Ich gehe aber auch davon aus, dass es viele Leute geben wird, die unbedingt wieder an Veranstaltungen teilnehmen wollen, die einfach ausgehen wollen, die etwas erleben wollen. Insofern müssen wir abwarten, wie das Publikum das Angebot annimmt.

Wie sehr freuen Sie selbst sich, dass es wieder losgeht?

Ganz unwahrscheinlich! Ich brenne für die Fastnacht und ich brenne für diesen Verein. Wir sind im Vorstand sehr, sehr stolz, dass es gelingt, uns all diesen Hürden und Auflagen zu stellen und das zu organisieren. Das ist wirklich sehr viel Arbeit, aber wir freuen uns alle riesig darauf, dass es jetzt am Donnerstag losgeht.

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