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Peter Eschke (l.) und Pascal Gellert schauen sich potenzielle Gefahrenquellen an.

Ein Pass gegen das Nass

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Gießen hat zuletzt häufiger unter Starkregenereignissen gelitten. Allen voran der Jahrhundertregen im Mai 2018 hat gezeigt, welche Folgen das Wasser mit sich bringen kann. Auch für die eigenen vier Wände. Der Gießener Peter Eschke will dabei helfen, die Gefahren zu minimieren. Mit einem Hochwasserpass.

Das Wasser kam von allen Seiten: Der Ludwigsplatz glich einem See, der Keller von Tom&Sallys in der Bleichstraße war geflutet, die Einfahrt der Musikschule Fortissimo auf der anderen Seite der Ludwigstraße stand unter Wasser und der Pegel der Wieseck näherte sich einer bedrohlichen Marke. Das Hochwasser im Mai 2018 trieb Pascal Gellert Sorgenfalten auf die Stirn. Kein Wunder: Seine Eigentumswohnung in der Ludwigstraße war von allen Seiten vom Wasser bedroht. Und sie lag im Erdgeschoss. "Nachdem ich auf dem Nachhauseweg die vielen Überschwemmungen gesehen hatte und auch unser Hof unter Wasser stand, habe ich mit einem mulmigen Gefühl die Wohnungstür geöffnet", sagt der Gießener bei der Erinnerung an den Jahrhundertregen. Doch offenbar waren die Sorgen unbegründet. Das sagt zumindest Peter Eschke. Der frühere Bauingenieur des städtischen Tiefbauamts ist nun für das Hochwasser-Kompetenz-Zentrum (HKC) tätig. Im Auftrag des Kölner Vereins begutachtet er in der Region Gebäude und stellt Hochwasserpässe aus.

Durch einen Hochwasserpass können Eigentümer von privaten und gewerblichen Immobilien das Gefahrenpotenzial von Hoch- und Regenwasserschäden für ihr Objekt ermitteln. "Es gibt dabei vier potenzielle Gefahrenquellen", sagt Eschke bei seinem Besuch in der Ludwigstraße und zählt auf: Hochwasser durch Flüsse und Seen, Starkregen, Kanalrückstau und der Anstieg des Grundwassers. Zur Ausstellung des Passes gehört auch eine Standortanalyse - und hier kann Eschke Gellert beruhigen. Der Berg in Richtung Uniklinik liege weit genug entfernt, die Bordsteine der Ludwigstraße seien hoch genug und würden somit die Wassermassen abhalten. Vor allem aber liege das Haus mit Gellerts Wohnung in einem Hinterhof, der zudem kein Gefälle aufweise. Hinzu komme, dass zur Straße hin noch ein weiteres Haus stehe und quasi als Barriere diene. "Wenn, dann laufen zuerst dort die Keller voll", sagt Eschke. Schlecht für die Nachbarn, gut für Gellert.

Bisher ist der Service von Eschke in Gießen nur sehr selten nachgefragt worden. Das wundert den Fachmann, schließlich kann unerwünschtes Wasser erhebliche Schäden verursachen. "Das geht schnell in den sechsstelligen Bereich", sagt der Gießener und fügt an, dass Hochwasserereignisse künftig immer häufiger auftreten könnten. Eine Einschätzung, die viele Wissenschaftler teilen.

Der Klimawandel hat die Hochwasserereignisse in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich verschärft. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Technischen Universität Wien, die jetzt im Fachmagazin "Nature" veröffentlicht worden ist. Die Studie, an der 35 Forschungsgruppen beteiligt waren, geht davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzt. Umso wichtiger sei es, das Hochwassermanagement an die neuen Realitäten anzupassen. Auch der private Immobilienbesitzer könne sich durch einfache Maßnahmen schnell schützen, sagt Eschke. Wie genau das aussehen kann, zeigt der Gießener in Gellerts Keller.

Bei Starkregen kommt es vor, dass die Kanalisation die Wassermassen nicht mehr aufnehmen kann. Schlimmstenfalls fließt das Abwasser dann bis in die Häuser zurück und bahnt sich seinen Weg durch die Abflüsse. Am schwächsten Punkt tritt es dann aus. Und genau solch einen Punkt hat Eschke in Gellerts Keller entdeckt. Der Fachmann steht vor einem Handwaschbecken. Eine potenzielle Schwachstelle, die aber relativ einfach beseitigt werden könne. "Man kann nachträglich einen Schieber einbauen, damit kein Rückstau entsteht", rät Eschke. Solche Sicherungsmaßnahmen wie Rücklaufklappen oder Hebeanlagen würden wirkungsvoll und dauerhaft vor Rückstau schützen.

Gellert fühlt sich nach dem Besuch von Eschke ein wenig sicherer. Ein mulmiges Gefühl wird aber bleiben, wenn die Ludwigstraße das nächste Mal unter Wasser steht. Denn, darauf weist auch Eschke hin: Der Hochwasserpass kann Risiken nur minimieren, nicht eliminieren. Eine absolute Sicherheit gibt es nicht.

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