Seit Jahrzehnten ein gewohntes Bild: Der voll besetzte Parkplatz des Philosophikums I. FOTO: SCHEPP
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Seit Jahrzehnten ein gewohntes Bild: Der voll besetzte Parkplatz des Philosophikums I. FOTO: SCHEPP

Pro Parkplatz ein Kinderzimmer

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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Gießen(mö). Endspurt im Wintersemester 2019/2020: Der Campus der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften oder der am Philosophikum I der Justus-Liebig-Universität sind von Autos umstellt. Pkw, meistens besetzt mit einer Person, rollen die Reihen entlang auf der Suche nach einer Lücke. Von einem "autofreien" oder auch nur autoärmeren Campus sind viele Einrichtungen der Justus-Liebig-Universität und der Technischen Hochschule Mittelhessen meilenweit entfernt.

Das wird auch am Donnerstagabend bei der Veranstaltung des Uni-AStA in der Reihe "Verkehrswende in und um Gießen" in der Alten UB deutlich. "Autofreier Campus. Konzepte für eine andere Mobilität an Hochschulen" lautet das Thema, das weit über 100 Zuhörer in die Bismarckstraße gelockt hat. Der AStA hat Prof. Volker Blees von der Hochschule RheinMain eingeladen, der sich dort mit Mobilitätsmanagement und Verkehresplanung beschäftigt.

Die Fachhochschule in Wiesbaden gilt in Hessen als Vorreiterin, was die Einbindung des Themas Verkehr in die Standortplanung von Hochschulen betrifft. Aber auch Blees sagt, dass die Bedeutung der Mobilität von Studierenden und Beschäftigten den Unileitungen und Stadtpolitikern erst in den letzten Jahren bewusst geworden sei. Für Blees ist Verkehr vor allem "die Frage von Raumstrukturen". Für einen mittelgroßen Pkw, der meistens nur von einer Person bewegt werde, werde eine Abstellfläche von 12,5 Quadratmetern benötigt. "Das entspricht einem Kinderzimmer". Blees ist kein radikaler Verkehrswendeaktivist, "autofrei" sei ein "Kampfbegriff". Er will das Auto nicht verbannen, plädiert aber für einen "vernünftigen Umgang" damit. Das Auto nehme mittlerweile "in den Köpfen und auf den Straßen mehr Raum ein, als es gut für uns ist", sagt Blees.

So spricht er sich klar für eine Bewirtschaftung des Parkraums auch an den Hochschulen aus. Blees: "Die Parkraumbewirtschaftung ist ein zentraler Punkt. Verzichtet man darauf, kann man alles andere vergessen." Sein Kalkül: Wer für einen Parkplatz zahlen muss, überlegt es sich vielleicht doch, das Semester- oder Landesticket in Anspruch zu nehmen. Das bereits vor Jahrzehnten eingeführte Semesterticket sei bis heute "das wirksamste Mittel zur Verlagerung der Verkehrsmittelwahl".

Aber stehen diese alternativen Verkehrsmittel wie Bus und Bahn überhaupt ausreichend zur Verfügung? Guido Eisfeller vom Planungsstab der JLU und THM-Vizepräsident Dirk Metzger zeigen auf, wo nicht nur in Gießen der Hase im Pfeffer liegt. Ein Drittel der 11 000 Gießener THM-Studierenden wohne in der Stadt, zwei Drittel kommen von außen - jeden Tag. "Das Problem sind die Einpendler", sagt Metzger. Nehme man ihnen Parkraum weg oder bewirtschafte man ihn, müssen man Alternativen anbieten, "die das rechtfertigen".

Nur zehn Prozent der in der Gießener Innenstadt wohnenden Studierenden der JLU nutzten das Auto, der große Rest, Fahrrad, Bus oder die eigenen zwei Beine, ergänzt Guido Eisfeller. Für ihn liegt der Schlüssel zur Reduzierung des Pendlerverkehrs auch in der Schaffung von "Schnittstellen", an denen sich die städtischen und regionalen Nahverkehrssysteme treffen.

Die überragende Bedeutung der beiden Hochschulen für das Gießener Verkehrsgeschehen zeigt allein die Zahl von 40 0000 Studierenden, hinzukommen noch die Beschäftigten. So gilt Gießen als eine der Städte in Deutschland mit der höchsten Dichte an Fahrradfahrern. Die Diskutanten sehen mit Blick auf die Radinfrastruktur, zu der JLU und THM mit der Einführung des Leihsystems einen wichtigen Beitrag geleistet hatten, großen Nachholbedarf. "Da werden wir alle gleich schlecht bedient", urteilt THM-Vize-Metzger über die Gesamtsituation des Radverkehrs in Gießen.

Der Faktor Politik

Juliane Wegner, die an der JLU an der Planung der Campusentwicklung beteiligt ist, verweist auf die "politischen Verhältnisse" als Faktor. Für die Radwegevernetzung der neun Unibereiche sei die Hochschule nicht zuständig. Am Übergang eines Campus ins Stadtgefüge greife die Planungshoheit der Stadt. In städtische Planungen wie für den "Grünen Anlagenring" war Wegner zuletzt eingebunden.

Es sind dicke Bretter, die gebohrt werden müssen. "Seit 20 Jahren weigert sich das Uniklinikum, dass der Stadtbus am Zentraleingang halten kann", kritisiert der frühere Stadtmitarbeiter Reinhard Bayer aus dem Publikum. Nicht unsere Baustelle, zuckt Eisfeller mit den Schultern. Tatsächlich ist etwas Bewegung in die Sache gekommen. Im Zuge der Änderung des Bebauungsplanentwurfs "Seltersberg II" hat das Stadtparlament Ende 2019 gefordert, dass Stadtbusse im Klinikumsgelände halten sollen - irgendwann.

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