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Wählen mit Maske, Spuckschutzwand, Einmalstiften und Schnelltests für die Wahlhelfer: Die Begleitumstände der Kommunalwahl am 14. März bleiben hoffentlich einmalig. Die Bundestagswahl und die OB-Wahl Ende September werden zeigen, ob der Wunsch in Erfüllung geht.

Rückblick

Pandemie und kein Ende: Die Corona-Chronik für den März 2021 in Gießen

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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Was im März 2020 mit dem ersten Lockdown begann, ist im März 2021 noch lange nicht vorbei. Die Nachrichten aus der dritten Welle klingen vertraut: Teil 13 der Gießener Corona-Chronik.

Montag, 1. März: Und täglich grüßt das Murmeltier. Die Frühjahrsmesse war neben der Neuwagenmesse GINA mit die erste Veranstaltung, die 2020 abgesagt wurde, jetzt kommt die erneute Absage. Die Inzidenz in Stadt und Kreis liegt noch unter 50.

Donnerstag, 4. März: Letzte Sitzung des Stadtparlaments in dieser Wahlperiode. Erstmals, seit das Virus umgeht, tagen die Fraktionen fast in voller Stärke. Sogar Risikopatienten unter den Kommunalpolitikern kommen in die Kongresshalle, um ihre Stimme für oder gegen den Verkehrsversuch am Anlagenring abzugeben. Gegen Ende des Monats ist der »Aufreger« schon fast wieder vergessen.

Freitag, 5. März: Noch ein Jahrestag: Vor einem Jahr wurde am Uniklinikum der erst Covid-19-Patient eingeliefert. Seitdem wurden 1100 Corona-Fälle am UKGM festgestellt, fast 750 Menschen wurden stationär behandelt, fast 100 starben. Auch 300 Mitarbeiter des UKGM erkrankten - trotz aller Schutzmaßnahmen. Von einer »gewaltigen Belastung« spricht der Ärztliche GeschäftsführerProf. Werner Seeger.

Samstag, 6. März: Im ersten Lockdown sorgte Möbelhändler Frank Sommerlad mit seiner erfolgreichen Klage auf Wiederöffnung seines Geschäfts überregional für Schlagzeilen, jetzt scheitert er vor Gericht - trotz Schnelltest-Service für Kunden. Der Rechtsstreit wird durch Klick and meet geheilt.

Noch ein Problem, das nach zwölf Monaten Pandemie noch immer nicht gelöst ist. »Die Bussituation in Gießen ist eine Katastrophe sagt Junis Poos, Schülersprecher der Gesamtschule Ost, im Fahrgastbeirat. Was nützten die ganzen Hygienekonzepte in der Schule, wenn die Schüler/innen auf dem Weg dorthin in den Bussen zusammengepfercht seien, moniert Poos.

Gießener Corona-Chronik März 2021: Wahlen unter besonderen Vorzeichen

Donnerstag, 11. März: Klick and meet, offene Fitnessstudios und Friseursalons sowie Museen: Der »Hauch von Normalität«, der auf sinkenden Infektionszahlen gründet, wird bis Ostern von den mutierten Viren hinweggefegt werden.

Freitag, 12. März: »Mehr Leichtigkeit in schweren Zeiten!«, verspricht ein Workshop des Technologie- und Gründerzentrums mit einer Diplom-Psychologin. Sie vermittelt »Methoden, wie man seinen Corona-Alltag wieder entspannter meistern kann, den Körper aus dem Alarm-Modus herausbekommt und man seine Fantasie neu beleben kann.« Die Teilnahme erfolgt selbstredend online oder telefonisch.

Samstag, 13. März: Vergessen hat man sie zwar nicht, aber für rund 57 000 pflegebedürftige Hessen, davon 2000 im Kreis Gießen, für die der Weg ins Impfzentrum zu beschwerlich ist, fühlt es sich so an. Ihre Impfung ist noch lange nicht in Sicht. Alle erhalten vertröstende Schreiben der Landesregierung, knapp 200 im Kreis Gießen doch ihr erste Impfung durch mobile Teams.

Bleibt zu Hause! Der Appell aus dem ersten Lockdown verdirbt Haus- und Wohnungseinbrechern das Geschäft. Die Polizei verzeichnet bei diesem Delikt die wenigsten Taten seit 13 Jahren. Einbrecher machen sich so rar wie der Schnupfen. Auch das ist Corona.

Sonntag, 14. März: Wahltag mit Spuckschutz, Masken und Schnelltests für die rund 700 Wahlhelfer. Die Kommunalwahl geht auch mit Corona weitgehend störungsfrei über die Bühne. Die Demokratie-Logistik funktioniert besser als die Pandemie-Logistik.

Montag, 15. März: Zuverlässig wie ein Uhrwerk funktionieren sie seit einem Jahr, die Einkaufshelfer, die für die betagten Bewohner des Caritas-Pflegeheims Maria Frieden jeden Dienstag mit den Einkaufstaschen losziehen. Auch einige Fußballer des MTV 1846 sind darunter. Eine Bewohnerin: »Wenn die jungen Leute kommen, ist der Tag gerettet.«

Mittwoch, 17. März: Das Ergebnis der Corona-Kommunal(brief)wahl steht fest: Große Gewinner sind die Grünen, große Verlierer SPD und AfD. Trotz oder wegen Corona: Die Wahlbeteiligung von über 48 Prozent ist die beste, seit kumuliert und panaschiert wird.

Donnerstag, 18. März: Vor einem Jahr wurde das Land ins künstliche Koma versetzt. Für Tim Alexander Klotz, der bei Karstadt als Verkäufer arbeitet, gab es seitdem nur wenige »normale Monate«. Vor allem der zweite Lockdown setzt zu: »Ich will nicht von Depression sprechen, aber der zweite Lockdown hat die Stimmung stark nach unten gezogen.«

Am Jahrestag des ersten Lockdowns bewegt sich die Inzidenz im Landkreis Gießen bei stabil über 100. Zum Vergleich: Als das Leben vor einem Jahr stillstand, lag der Wert bei 14,5.

Gießener Corona-Chronik März 2021: Laubach wird unfreiwillig zum „Modell Tübingen“

Freitag, 19. März: Vizekanzler Olaf Scholz ist Online-Stargast bei einer Veranstaltung des Gießener SPD-Bundestagsabgeordneten Felix Dörung. Dabei verspricht der Bundesfinanzminister: »Im Juni oder Juli werden jede Woche zehn Millionen Dosen verimpft.« Hoffentlich kann diese Aussage im Archiv bleiben.

Dienstag, 23. März : Bis zu 1785 Menschen sollen pro Tag im Heuchelheimer Impfzentrum ihre Schutzspritze gegen Corona erhalten, nicht einmal die Hälfte sind es gegenwärtig. Hauptgrund: Der Zirkus um den Impfstoff AstraZeneca. Zu Lieferengpässen gesellt sich das Misstrauen der »Impflinge«. Ablehnen kann man das Vakzin nur aus medizinischen Gründen. »Das ist kein Wunschkonzert«, stellt Mario Bunsch, Leiter des Zentrums, fest. Anfang April sollen die Hausärzte die Impfkampagne unterstützen. 23 von 116 Praxen in Stadt und Kreis wollen mitmachen.

Mittwoch, 24. März: In den gedruckten Zeitungen wird noch gerätselt, wie die »Osterruhe« ab Gründonnerstag umgesetzt werden soll, da rudert Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits zurück und fängt den nächtlichen Beschluss der »MPK« wieder an. Nach und nach sickert durch, dass der umstrittene Vorschlag vom Gießener Kanzleramtschef Helge Braun kam.

Freitag, 26. März: Laubach wird unfreiwillig zum »Modell Tübingen«. Nachdem die Inzidenz in der Folge einer größeren Familienfeier in der Kleinstadt bis auf über 400 steigt, können Läden und Friseursalins nur mit negativem Test betreten werden. Ein Friseur macht die Erfahrung: »Nur um Blümchen zu kaufen oder die Haare schneiden zu lassen, lässt sich keiner in der Nase bohren.«

Samstag, 27. März: Kritik an der Testpraxis im Corona-Testcenter an der Licher Straße. Menschen mit Erkältungssymptomen, die einen PCR-Test machen wollen, mischen sich mit Personen, die einen positiven Schnelltestbefund haben und solchen, die sich nur vorbeugend einem Schnelltest unterziehen. Der Landkreis zeigt auf den Ärztlichen Bereitschaftsdienst, der das Center betreibt, der zeigt zurück. Immerhin wird nachgesteuert und nachgelegt: An insgesamt 13 Teststellen in Stadt und Kreis können ab Montag kostenlose Schnelltests gemacht werden.

Gießener Corona-Chronik März 2021: Déjà-vu? Wieder Absagenflut

Sonntag, 28. März: Nach wenigen Wochen ist schon wieder Schluss: Das Oberhessische Museum hat vorerst zum letzten Mal geöffnet. Immerhin bekommt die aufwenige Sonderausstellung »Feuer und Flamme für diese Stadt« die verdiente Besucherresonanz. Dass die Museumshäuser am 18. April wieder öffnen, glaubt wohl niemand.

Montag, 29. März: Im Vormonat wurden die Amateurvereine noch auf den Restart vorbereitet, aber nun steht fest: Im hessischen Amateur-Fußball muss die zweite Saison in Folge abgebrochen werden. Nur noch auf einem Platz rollt offiziell der Ball: Beim professionellen Regionalligisten FC Gießen im Waldstadion - natürlich ohne Zuschauer. Derweil wird bei frühsommerlichen Temperaturen in größeren Gruppen im Stadtpark Wieseckaue nach Herzenslust gekickt - vor Zuschauern.

Dienstag, 30. März : Was wie ein lockeres Auslaufen zum Schuljahresende aussieht, ist bitterer Corona-Ernst. An der Gesamtschule Gießen-Ost werden die Abschlussklassen unter freiem Himmel unterrichtet. »Wir wollen alle gesund in die Osterferien bringen«, sagt Schulleiter Frank Reuber. Frühsommerliches Wetter erleichtert die Umsetzung der Notlösung.

Während die dritte Welle rollt, warnt die Gießener Lungenforscherin Prof. Susanne Herold bereits vor einer vierten, falls bis zum Herbst durch die Impfungen keine Herdenimmunität hergestellt ist. Herold: »Wenn wir eine vierte Winterwelle kriegen, wird es katastrophal.«

Mittwoch, 31. März: Die gleichen Veranstaltungen, die gleichen Pressemitteilungen: Nach dem Pohlheimer Wiesnfest und Fluss mit Flair wird auch Sport in der City in Gießen, das Ende April geplant war, abgesagt. Vertröstet wird auf spätere Zeitpunkte oder das nächste Jahr. Den Lindener Marienmarkt gibt’s online. Und noch etwas wird wieder ausfallen: April-Scherze.

Die blieben einem angesichts der letzten Corona-Zahlen des Monats wohl auch im Halse stecken: Die durch Virusmutationen und die vielen Schnelltests beeinflusste Inzidenz stieg im gesamten Kreis ist auf über 260 gestiegen, in Gießen liegt sie bei über 280. Die evangelischen Gemeinden verzichten auf leibhaftige Ostergottesdienste. Ab Karfreitag gilt wieder eine nächtliche Ausgangssperre. Es ist die zweite. Der falsche Film aus dem März 2020 geht weiter.

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