1. Gießener Allgemeine
  2. Gießen

Pandemie, Polizei und Parkprobleme

Erstellt:

Von: Christoph Hoffmann

Kommentare

sudeten_091222_4c
Hier darf künftig nicht mehr geparkt werden. © Burkhard Moeller

Gießen (chh). Im Flussstraßenviertel leben überdurchschnittlich viele Menschen, die arbeitslos sind, einen Migrationshintergrund haben und/oder nicht die beste Schulausbildung genossen haben. Das hat 2019 ein Sozialraum-Monitoring ergeben. Wie erging es diesen Menschen während der Pandemie, wie war ihr Zugang zu medizinischer Versorgung? Das soll ein Forschungsprojekt mit Beteiligung der Justus-Liebig-Universität untersuchen, und zwar für die gesamte Nordstadt.

Details dazu stellten Prof. Michael Knipper und Theresa Martens am Mittwoch den Mitgliedern des runden Tisches vor.

»Es hat sich gezeigt, dass in der Corona-Pandemie bestimmte Bevölkerungsgruppen weniger gut als andere von der Regierung betreut wurden«, sagte Knipper von der Professur für globale Gesundheit, und fügte an, dass gerade finanziell schlechter gestellte Menschen diesbezüglich größere Schwierigkeiten gehabt hätten. In dem Forschungsprojekt soll nun eruiert werden, wie die betroffenen Menschen die Pandemie erlebt haben.

Dafür untersuchen Arbeitsgruppen aus Kanada, Brasilien, Peru und Deutschland die Wechselwirkungen von Zivilgesellschaft und dezentraler Regierungsführung während der Pandemie. Ziel sei es, so Prof. Knipper, daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen.

In Deutschland ist neben der Bochumer Großwohnsiedlung Hustadt auch die Gießener Nordstadt Ort der Untersuchung. Die Berliner Stadtgeografin Martens berichtete den Teilnehmern des runden Tisches, dass dafür im kommenden Jahr Stadtteilforscher ausgebildet werden sollen, um in Gesprächen die Erfahrungen der Bewohner zu sammeln. Bei den Stadtteilforschern soll es sich um Männer und Frauen aus dem Viertel handeln, die für ihren Einsatz auch vergütet werden. »Wir wollen lokal die Geschichten von Menschen auswerten, die nicht den besten Zugang zum Gesundheitssystem haben«, sagte Martens. Corona hätte diesbezüglich Lücken aufgezeigt.

Um Lücken anderer Art ging es in den Ausführungen von Holger Hedrich, dem Leiter der städtischen Straßenverkehrsbehörde. Er berichtete über die Parkplatzsituation im Viertel. »Ich möchte die Situation im Parallelweg zur Sudetenlandstraße ansprechen«, sagte Hedrich mit Blick auf das Gässchen, das zwischen Werrastraße und Fuldastraße direkt neben der Sudetenlandstraße verläuft. Bei einer Ortsbegehung mit der Berufsfeuerwehr sei deutlich geworden, dass ein Feuerwehrauto mit Drehleiter nicht nah genug an die Häuser kommen könnte. »Daher sind wir leider zu dem Schluss gekommen, dass in dem Parallelweg künftig keine Fahrzeuge mehr abgestellt werden können.« Kritik von den Mitgliedern des runden Tischs gab es diesbezüglich nicht, Sicherheit gehe vor.

Das sind aber nicht die einzigen Stellplätze, die im Viertel in absehbarer Zeit verschwinden werden. So sollen Fuldastraße und Ederstraße zu Einbahnstraßen werden. Hintergrund: Da derzeit die Autos auf den Gehwegen parken, sei kaum noch Platz für Fußgänger. Wenn der Begegnungsverkehr wegfalle, könnten die Autos künftig auf der Straße abgestellt werden, sagte Hedrich. »Das bedeutet aber auch, dass dort weniger Autos geparkt werden können.«

Auch das Bewohnerparken im Viertel soll ausgeweitet werden, hier stünden aber andere Zonen des Stadtgebiets auf der Prioritätenliste weiter oben. Hedrich riet den Bewohnern zudem, künftig verstärkt auf Carsharing zu setzen. Die Stadt führe mit dem Anbieter Scouter Gespräche, dieses Angebot in der Nordstadt auszuweiten. Dies könne für Menschen, die ihr Auto selten nutzen, eine günstige und praktische Alternative sein.

Ordnungsamt rät zu Carsharing

Eine in den Augen des runden Tisches gute Alternative ist auch der neue Schutzmann Dennis Mauer. Der Polizeivollzugsbeamte löst Hanno Kern ab, der jüngst zum Bürgermeister von Ebsdorfergrund gewählt wurde. Sein Nachfolger stellte sich nun den Bewohnern des Viertels vor, einige kannten ihn aber bereits. »Die Nordstadt liegt mir am Herzen, ich bin hier groß geworden«, sagte der 42-Jährige und erzählte von seinem Aufwachsen in der Troppauer Straße. Womit sich Mauer künftig unter anderem beschäftigen muss, wurde am Mittwoch schnell deutlich. Einige Bewohner kritisierten die Ruhestörungen und den Drogenkonsum auf den Straßen.

Lukas Morawietz von der Koordinierungsstelle »Soziale Stadterneuerung« war ebenfalls zum runden Tisch gekommen. Er erinnerte daran, dass das Förderprogramm »Soziale Stadt« zum Ende des Jahres nach zehn Jahren wie geplant auslaufe. Gleichzeitig betonte er, dass auch in der dann folgenden Phase der Verstetigung die in den vergangenen Jahren geschaffenen Strukturen nicht plötzlich wegfallen werden. Im Laufe des kommenden Jahres soll es mit den beteiligten Akteuren aus der Nordstadt einen Workshop geben um zu erarbeiten, was aus der Förderungsphase übernommen werden soll.

Das Auslaufen, stellte Morawietz klar, bedeute demnach nicht etwa die Streichung bzw. Reduzierung der Stelle von Quartiermanagerin Frauke Kühn. »Es ist geplant, das Quartiersmanagement auch weiterhin zu finanzieren«, betonte er. Für mindestens 2023 und 2024 stehen demnach noch ausreichend Bundesmittel zur Verfügung, erst danach würden die Beträge sukzessive sinken. »Danach wird man sehen«, sagte Morawietz, »welche Maßnahmen konserviert werden sollen«.

Auch interessant

Kommentare