Philosophin Elif Özmen wird an der JLU ein Seminar zu philosophischen Aspekten der Corona-Krise anbieten. FOTO: PM
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Philosophin Elif Özmen wird an der JLU ein Seminar zu philosophischen Aspekten der Corona-Krise anbieten. FOTO: PM

Corona-Debatte

Gießener Philosophin sieht Pandemie als "Brandbeschleuniger"

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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In der Corona-Debatte kommen Naturwissenschaftler, Ethiker und Mediziner zu Wort. Philosophen scheinen eher außen vor. Und dabei sind sie es doch, die sich mit Fragen nach Moral, Leben und Tod auskennen. Eine von ihnen ist die JLU-Philosophin Prof. Elif Özmen.

Müsste nicht aktuell die Stunde der Philosophen schlagen?

Zunächst musste ja verstanden werden, mit welcher Art von Virus, Übertragungswegen und möglichen Erkrankungen wir es überhaupt zu tun haben. Daher standen die Natur- und Lebenswissenschaften und die Statistik im Mittelpunkt. Aber jetzt, wo die Gefahr eines exponentiellen Anstiegs der Infektionen gebannt scheint, müssen wir Zeit und Ruhe finden für einen kritischen Blick zurück und nach vorne. Der Philosophie kommt hierbei eine wichtige Rolle zu - weil sie Orientierungswissen vermitteln kann. In Zeiten der Unsicherheit, Vieldeutigkeit und gefühlten Machtlosigkeit ist das Bedürfnis nach einer solchen Orientierung groß. Und die Philosophie verfügt über reichhaltige erkenntnisbezogene, moralische, politik-ethische und begriffliche Ressourcen, außerdem über einen Jahrtausende alten Bestand an kulturellem Wissen, um die Ordnung und Lösung der schier überwältigenden Probleme mitzugestalten.

Wolfgang Schäuble bestreitet, dass es richtig sei, die Gesundheitsfrage über alles zu stellen.

Eigentlich hat er auf eine Selbstverständlichkeit hingewiesen. Das Recht auf Leben und auf körperliche Unversehrtheit ist in Artikel 2 unseres Grundgesetzes bestimmt als Abwehrrecht und als Schutzauftrag. Der Staat soll also nicht nur lebens- und gesundheitsgefährdende Maßnahmen unterlassen, sondern er ist zu aktiven Handlungen verpflichtet, um vorhersehbare Gefahren für Leib und Leben der Bürger abzuwehren. Dazu zählen auch die drastischen Maßnahmen, die in der Not der ersten Tage ergriffen wurden. Der Schutz des Lebens wurde für gewisse Zeit über alles gestellt. Und das ist vernünftig gewesen.

Wie sehen Sie das?

Grundrechte gelten nicht absolut, sondern können abgewogen und durch parlamentarische Gesetze begrenzt werden. Und das werden und müssen sie auch, einfach weil die Ausübung meiner Freiheit die Freiheit anderer gefährden kann. Mit dem Prinzip der Verhältnismäßigkeit ist aber eine hohe Hürde gesetzt, so dass ein einzelnes Grundrecht ohnehin nicht dauerhaft verabsolutiert werden darf. Und diese Hürde wurde mit dem Infektionsschutzgesetz und den Corona-Verordnungen keineswegs gerissen. Allerdings ist Schäuble von nicht wenigen missverstanden worden. Denken Sie nur an die Interpretation von Boris Palmer, dass Menschen gerettet würden, die demnächst "sowieso tot wären". Dieses "sowieso" ist nicht nur rechtlich, sondern auch moralisch ein Unding.

Der Wert eines Lebens ist nicht berechenbar. Alle Leben sind gleich. Ist Kants These in der Krise haltbar?

Das ist ja nicht einfach eine philosophische These, sondern beschreibt das moralische Fundament unserer Gesellschaft. Unser Grundgesetz ist Ausdruck einer Werteordnung, die bestimmte Rechte als unverletzlich festschreibt. Und zwar gerade für Krisen- und Notsituationen. Grundrechte sind Jedermann- und Allzeit-Rechte. Das heißt, dass man sich diese Rechte nicht verdienen muss, man kann sie nicht verlieren oder abgesprochen bekommen. Als Menschenrechte bilden sie die Grundlage jeder humanen und gerechten Gesellschaft. Das hat natürlich auch einen historischen Hintergrund. Gegen die Barbarei des Nationalsozialismus, die systematische Entrechtung und Ermordung von Millionen Menschen, steht nunmehr das Bollwerk der unantastbaren Würde jedes Menschen. Das gleiche Recht auf Leben hat in dieser Werteordnung ebenfalls eine herausgehobene Stellung, denn es ist nicht einfach ein Grundrecht unter anderen, sondern eine Voraussetzung für diese. Ohne Leben ist alles nichts. Und das einzelne menschliche Leben ist unersetzbar, deswegen darf es nicht zum bloßen Objekt degradiert werden. Mit Kant gesprochen hat es seinen Wert in sich, aber keinen relativen Wert, z.B. keinen Preis, kein Äquivalent, kein Kalkül.

Aber von Ärzten wird doch schon jetzt verlangt, dass sie im Zweifel Leben gegeneinander abwägen...

Auch im Katastrophenfall, bei dem Triage-, also Einteilungsregeln notwendig erscheinen, werden nicht Leben gegen Leben aufgerechnet. Vielmehr geht es darum, die Erfolgsaussichten einer medizinischen Behandlung für das Überleben der Patienten zu berücksichtigen bei der Frage, wen man zuerst behandeln muss. Triage kommt nur ins Spiel, wenn lebensrettende medizinische Ressourcen zu knapp werden. Dann müssen diese knappen Ressourcen priorisiert werden, damit möglichst viele überleben.

Der Gleichheitsgrundsatz der Individualmedizin wird hier also ausgesetzt?

Das ist die moralische Zumutung solcher Extremsituationen, die nur dadurch gemindert wird, dass bei der Behandlungsreihenfolge gerade keine Lebenswert-Berechnungen angestellt werden. Die Anzahl an statistisch verbleibenden Lebensjahren, Vorerkrankungen, also das "sowieso" von Palmer, aber auch die Lebensführung, ob man Familie, Arbeit, Staatsbürgerschaft, Prominenz hat oder ein einsamer insolventer Schurke ist, darf bei solchen ethischen Extrementscheidungen keine Rolle spielen.

Können Menschen in existentiellen Krisen richtige Entscheidungen treffen?

Krisen sind existentielle Gefährdungslagen, in denen bekannte und bewährte Abwägungs- und Entscheidungsprozesse fraglich oder gar nutzlos scheinen. Es liegt also in der Natur der Krise, dass wir derzeit, sowohl gesamtgesellschaftlich, wie auch persönlich, unsicher sind, an welchen Kriterien für richtige und falsche Entscheidungen wir uns orientieren sollen. Dabei handelt es sich meines Erachtens weniger um eine normative als eine epistemische Krise. Es sind also nicht unsere Werte, die unsicher scheinen, sondern die Wege, auf denen wir zu gerechtfertigten Überzeugungen gelangen. Unwissen, Unsicherheit, Ambivalenz und Risiko sind echte Stolpersteine für begründete Entscheidungen.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang überhaupt "richtig" oder "falsch"?

Welche Entscheidungen zweckdienlich, angemessen oder nützlich sind, wird sich in einigen Fällen erst retrospektiv beurteilen lassen. Aber dass man hinterher schlauer ist, heißt nicht, dass man vorher unklug, unrecht, unmoralisch oder gar untätig sein darf.

Auch und gerade in der Krise müssen wir uns so gut und verlässlich wie möglich informieren über relevante Sachverhalte, legitime Ziele und geeignete Mittel wie auch rechtliche und moralische Grenzen unserer Entscheidungen. Das garantiert zwar nicht ihre Richtigkeit, aber es schützt vor einigen vermeidbaren Fehlentscheidungen.

Zeigt Corona den Zustand unserer Gesellschaft wie im Brennglas?

Im Guten und im Schlechten, ja. So haben sich die Politik und der Staat auf eine Weise bewährt, die man vor dieser Krise wohl nicht für möglich gehalten hätte. Das zeigt sich nicht nur an der niedrigen Übersterblichkeitsrate und dem Ausbleiben einer medizinischen Versorgungskatastrophe. Sondern vor allem an der großen Bereitschaft der Menschen, die Gebote und Empfehlungen aktiv mitzutragen. Eine Zustimmungsrate von 80 Prozent ist eine sehr gute Nachricht für unsere Demokratie!

Was läuft falsch?!

Im Kleinen sehen wir viele Probleme, darunter einige alte Bekannte. Dass es in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen an Personal, Zeit und Geld fehlt, wird niemanden überrascht haben. Auch nicht, dass im Kanzleramt ein Auto-, aber kein Bildungsgipfel stattfindet. Dass aber der einzigartige kulturelle Reichtum, den wir in Deutschland mit 7000 Museen und Galerien, 800 Theatern und 1700 Kinos haben, kommentarlos hinter die Öffnung von Baumärkten, Fitnessräumen, Biergärten und Bundesliga gestellt wird, ist erstaunlich. Beunruhigend hingegen, dass selbst bizarrste fake news und Verschwörungsfantasien weiter auf mediales Echo stoßen. Vollends bestürzend ist die Planlosigkeit bezüglich Schulen und Kitas. Da wird überdeutlich, dass die Ansprüche, die Kinder und Jugendliche, Familien und vor allem arbeitende Mütter haben, keine öffentliche Resonanz entwickeln.

Was macht es mit uns, wenn wir auf Dauer Abstand halten müssen?

Menschen sind soziale Lebewesen. Wir brauchen das Gefühl der Zugehörigkeit und Bindung an andere. Gerade den Menschen, denen wir uns besonders verbunden fühlen, wollen wir auch nahe sein. Hierbei sind sich ansehen und berühren, sich anlachen oder zum Trost umarmen, selbst das anschreien und um sich schlagen unverzichtbare Formen der Kommunikation. Abstand halten steht völlig quer zu diesen sozialen Verhaltensweisen. Gleiches gilt für das Maskentragen, das unseren soziokulturellen Konventionen widerspricht. Daher denke ich, dass uns soziale Distanzierung auf Dauer krank macht.

Und wir beäugen uns als potentielle Virenträger...

Das skeptische Beäugen der Anderen wird bestehende gesellschaftliche Pathologien, wie Ausgrenzung, Diskriminierung, Rassismus, verstärken. Aber im Moment stehen wir vor einer paradoxen zwischenmenschlichen Situation: Abstand halten ist Ausdruck der Sorge und Anteilnahme für Andere. Wir schulden es ihnen, gerade weil wir uns nahe fühlen, uns von ihnen ferner zu halten, als es unseren Bedürfnissen entspricht. Das ist eine tagtägliche Herausforderung, wobei es mir selbst hilft, nicht die anderen zu beäugen, sondern mich selbst als potentiellen Virusüberträger zu betrachten. Das verändert die Perspektive: die Maske ist dann weniger eine Einschränkung als ein Ausdruck meiner Freiheit, nämlich andere vor Schaden zu bewahren.

Wie wird sich die Gesellschaft nach der Pandemie darstellen?

Es sieht derzeit nicht so aus, als wäre dieser pandemische Moment geeignet, das Gute in uns zum Vorschein zu bringen. Global betrachtet erweist sich die Pandemie nicht bloß als Brennglas, sondern als Brandbeschleuniger für bestehende politische, soziale und ökologische Verwerfungen.

Gibt es eine Chance auf moralischen Fortschritt?

Ich vermag mir die post-pandemische Weltordnung nicht recht vorzustellen, aber mit moralischem oder zivilisatorischem Fortschritt sollten wir eher nicht rechnen. Auch wenn Deutschland wohl vergleichsweise besser als andere Länder aus der Pandemie kommen wird, haben wir keinen Anlass zur Beruhigung. So galt für einige Wochen Solidarität als das Gebot der Stunde, aber diese Ressource hat sich schon im Verhältnis zu unseren europäischen Nachbarn aufgerieben. Und sich vollends erschöpft, als es darum ging, systemrelevanten Berufen nicht nur mehr zu applaudieren, sondern mehr zu bezahlen.

Was müssen wir tun?

Die ökonomische Seite der Pandemie dominiert derzeit das öffentliche Bewusstsein, wohingegen die drohende soziale und kulturelle Rezession marginalisiert wird. Es ist doch kaum zu fassen, dass es Versuche gibt, Mindestlohn, Grundrente, Gleichstellungsregeln oder Klimaziele aufzuheben "wegen Corona". Tatsächlich haben wir wegen Corona bestätigt bekommen, dass z.B. wertvolle Arbeit gut bezahlt und organisiert werden muss oder dass Menschen ohne Einkommen nicht ins existentiell Bodenlose fallen dürfen. Was wir nun in aller Schärfe gesehen haben, sollten wir nicht vergessen, denn hier zeigt sich, was wirklich wichtig ist für unsere Gesellschaft.

Zur Person

Elif Özmen ist seit 2016 Professorin für praktische Philosophie an der JLU. Sie hat in Göttingen und Frankfurt Philosophie, Wissenschaftsgeschichte und Deutsche Philologie studiert, an der HU Berlin promoviert und an der LMU München habilitiert. Ab 2013 war sie Professorin für praktische Philosophie an der Universität Regenburg. Sie ist Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Philosophie und des Direktoriums des Zentrums für Medien und Interaktivität Gießen. Ihre Forschungsinteressen liegen im Bereich der theoretischen Ethik, politischen Philosophie und der Wissensphilosophie.

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