Pächter und Penner, Raucher und Richter

Zugegeben: Den Chronisten würde es schon reizen, heute ein paar abschließende Anmerkungen zu den Aktivitäten loszuwerden, die die Gießener in den vergangenen Wochen wahlweise amüsiert, erfreut, gelangweilt, genervt oder abgestoßen haben. Aber die wären nicht völlig neutral ausgefallen. Und da die Zeitung am letzten Tag vor dem großen Tag ohnehin enthaltsam sein will, wird dieses Thema natürlich auch in der heutigen Kolumne nur gaaanz dezent erwähnt.

Zugegeben: Den Chronisten würde es schon reizen, heute ein paar abschließende Anmerkungen zu den Aktivitäten loszuwerden, die die Gießener in den vergangenen Wochen wahlweise amüsiert, erfreut, gelangweilt, genervt oder abgestoßen haben. Aber die wären nicht völlig neutral ausgefallen. Und da die Zeitung am letzten Tag vor dem großen Tag ohnehin enthaltsam sein will, wird dieses Thema natürlich auch in der heutigen Kolumne nur gaaanz dezent erwähnt.

Von den Stimmfängern zu den Fassenachtern, die ihre entscheidenden Tage noch vor sich haben. Die Narren haben es in diesem Jahr besonders schwer, weil sich ihre vielen Veranstaltungen in einer besonders kurzen Kampagne ballen. Die Laune des Kalenders verlangt den vielen Aktiven also einiges ab. Das gilt natürlich speziell für die Regenten und ihren Hofstaat. Wobei die Schlammbeiser sich darüber freuen können, dass zum ersten Mal seit langer Zeit ein echter "Gießener Bub" zum Prinzen gekürt wurde - aufgewachsen in der Weststadt und auch nach dem Aufstieg im Berufsleben seiner Heimatstadt treu geblieben. Außerdem ist er ein echtes Schelmchen, schlagfertig und immer für eine Blödelei zu haben. Da ist es fast schade, dass die allermeisten Gießener das nicht erleben können, weil - den Fassenachtszug einmal ausgeklammert - der organisierte Frohsinn in dieser Stadt nur einen geringen Teil der Einwohnerschaft erreicht.

Ohne sein Zutun ins Gespräch gekommen ist dagegen in den letzten Tagen ein stadtbekannter Gastronom, der bis zum Sommer 2006 ein beliebtes Lokal in der Ludwigstraße betrieben hatte. Denn in Zusammenhang mit einem Bericht über Kneipensterben und Inhaberwechsel in Gießen hatte in dieser Zeitung gestanden, die Hauseigentümerin habe dem Pächter des Lokals kündigen müssen, nachdem dieser zwei Jahre lang seine Pacht nicht entrichtet hatte. Das war zwar korrekt, konnte aber doch einen falschen Eindruck erwecken. Denn der besagte Wirt war nur Unterpächter und hatte seine Miete - außer nach umsatzschwachen Sommermonaten - stets brav an den Hauptpächter gezahlt. Der aber hatte das Geld im Zuge seines geschäftlichen Niedergangs nicht weitergeleitet.

Eine solche Vertragskonstruktion bei der Verpachtung von Lokalen ist zwar branchenüblich, war den ehemaligen Stammgästen und Freunden aber offenkundig unbekannt. Weshalb der 52-Jährige, der inzwischen in der Buchverlagsauslieferung tätig ist, nach dem Erscheinen des AZ-Beitrags wiederholt auf sein vermeintlich unseriöses Geschäftsgebaren angesprochen wurde.

Diesen Schuh aber muss sich ein ganz anderer anziehen.

Mit seinem Zutun ins Gerede gekommen ist diesen Tagen ein anderer bekannter Gießener Wirt. Denn der war beim städtischen Ordnungsamt angezeigt worden, weil in seinem Lokal munter geraucht wird. Bei der Kontrolle wurde außerdem festgestellt, dass in einer weiteren Kneipe des Gastronomen die Trennung zwischen Raucher- und Nichtraucherbereich eher symbolischer Natur ist. Diese Gesetzesverstöße wurden diesmal noch mit einer Ermahnung und einer Fristsetzung für einen Umbau geahndet, doch beim nächsten Mal könnte es teuer werden für den rauchenden Wirt.

Richtig zur Kasse gebeten wird eine 83-jährige Gießenerin, die sich lange erfolgreich dagegen gewehrt hatte, dass ein Baum auf ihrem Grundstück gefällt werden muss. Doch das war letztlich unausweichlich, weil das Wurzelwerk der Douglasie die Drainage des Nachbarhauses stark beschädigt hatte.

Bitter für die von ihrer Verwandtschaft schlecht beratene Seniorin, die Vergleichsangebote der Gegenseite immer wieder ausgeschlagen hatte, ist freilich die Bilanz des von ihr provozierten Rechtsstreits: Im Laufe der Jahre haben sich die Anwalts-, Gerichts- und vor allem die Gutachterkosten, die sie als Unterlegene großenteils übernehmen muss, auf über 30000 Euro summiert. Dazu hat wesentlich beigetragen, dass auf Geheiß des Gerichtes die Bodenplatte aufgestemmt werden musste, wobei sich prompt herausstellte, dass die Entwässerungsrohre beschädigt oder zerstört waren. Zu dieser erschütternden Bilanz hat auch das Verhalten der Gerichtsbarkeit beigetragen: Der Rechtsstreit um eine eher läppische Baumfällung dauerte bis zum entscheidenden Urteil volle zehn Jahre, davon neun Jahre in zweiter Instanz beim Oberlandesgericht Frankfurt - ein Justizskandal ganz besonderer Art.

Ums liebe Geld geht es bekanntlich auch beim Gießener Basketball-Bundesligisten. Vor einer Woche hatte der Kolumnist dazu angesichts der Finanzmisere einige Zeilen formuliert, die ihn zur bedauernden Diagnose "wenig Hoffnung" kommen ließen. Doch dann erreichte ihn am Freitagabend die Nachricht, dass die Trägergesellschaft derzeit erfolgversprechende Verhandlungen mit einem Namenssponsor und weiteren Geldgebern führe. So wurde das "wenig" gestrichen - und tatsächlich erfüllten sich im Laufe dieser Woche die Sehnsüchte der einheimischen Basketballfans. Am Sponsoring wird es jedenfalls nicht liegen, wenn jetzt doch noch eine über 40-jährige Bundesliga-Tradition enden sollte.

Die gute Nachricht der Woche hat den Chronisten also nicht mehr vom Sockel hauen können, dafür aber eine gestern auf der ersten Seite des Kreisteils veröffentlichte Schlagzeile über einen etwaigen Wegzug der Kreisverwaltung von der Gießener Ostanlage. "Endlich!", stöhnte er da. Denn genau dieses Thema steht eigentlich schon seit 15 Jahren auf der Tagesordnung.

In dieser Zeit gab es mehrere Chancen, das Landratsamt auf einen attraktiveren und für die Kreisbürger besser erreichbare Standorte als an der Ostanlage umzusiedeln: Das ehemalige Bundeswehrkrankenhaus, die früheren Rivers Barracks, die aufgelassene Bergkaserne und vielleicht sogar die einstige Steubenkaserne. Doch mit einer Mischung aus Sturheit, Arroganz und mangelnder Weitsicht haben die Kreispolitiker aller Couleur den Kopf in den Sand gesteckt und bereits das Nachdenken über eine grundlegende Behebung der Raumnot verweigert. Aus Sicht der Steuerzahler besonders ärgerlich daran: Wäre die Kreisverwaltung aus dem Gießener Stadtkern verschwunden, hätte die Stadtverwaltung sich in die freiwerdenden Gebäude ausdehnen können. Und niemand wäre auf den Gedanken gekommen, alle städtischen Bediensteten in einem teuren Stadtschloss zu konzentrieren.

Und dann ist da noch die Anwohnerin aus dem Ostviertel, die seit einigen Wochen per Telefon regelmäßig und oft in radebrechendem Deutsch um einen Termin für eine ärztliche Untersuchung gebeten wird. Anfangs legte die Seniorin einfach auf, doch als der Spuk weiterging, erfuhr sie, dass die Anrufer glaubten, sie seien mit einer bestimmten Arztpraxis verbunden. Auf deren Briefkopf ist unter dem Namen zwar auch die Telefonnummer zu finden, doch darüber steht die kassenärztliche Registriernummer der Praxis. Und diese Ziffernreihe ist leider identisch mit der des Telefonanschlusses besagter Dame - die im Übrigen medizinisch ausgesprochen bewandert ist.

In diesem Sinne ein Wochenende, an dem Sie höchstens durch einen Anrufer aufgeschreckt werden, der sich lediglich vertippt hat!

Guido Tamme

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