Ortstermin in der Fußgängerunterführung Ostanlage

Gießen (mö). Sie schwitzt, als habe sie gerade einen Marathonlauf absolviert. Natürlich hat sich die Fußgängerunterführung an der Ostanlage in den vergangenen 50 Jahren keinen Meter von der Stelle bewegt. Wenn das Wetter umschlägt, so wie in diesen Tagen, dann wird aus dem Fußgängertunnel freilich eine Tropfsteinhöhle.

Unter anderem diese Erfahrung machten rund 50 Teilnehmer einer Begehung am frühen Dienstagabend, zu der der Magistrat die Mitglieder des parlamentarischen Bauausschusses, des Behinderten- und Seniorenbeirats, der Agenda-Gruppe "Korridore" und Vertreter der Justizbehörden eingeladen hatte. Hinzu gesellten sich Mitglieder der Bürgerinitiative "Stoppt diese Landesgartenschau".

Dass die Grundstimmung angesichts der seit Monaten laufenden Debatte über das Projekt Fußgängerüberweg etwas gereizt war, überraschte nicht. So quittierte ein Rentner den Hinweis von Peter Ravizza, dem Chef der städtischen Straßenbauer, wonach die Unterführung feucht sei, mit dem Zwischenruf: "Das ist doch nur Kondenswasser. So doof sind wir nicht." Durch die Ritzen des sanierungsbedürftigen Bauwerks sickere aber auch Regen- und Schmelzwasser, entgegnete Ravizza – und erntete Gelächter.

Justiz erneuert Bedenken

Bei dem Ortstermin, der nach einem Kurzvortrag von Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich vom Platz neben dem Gefängnis in die Unterführung verlagert worden war, wurde deutlich, dass es den Kritikern weniger um den neuen Überweg als vielmehr die Absicht der Stadt geht, die Unterführung zu verfüllen. "Momentan haben wir hier eine sichere Querungsmöglichkeit", erneuerte der amtierende Amtsgerichtspräsident Dr. Frank Oehm seine Vorbehalte gegen die Planung. Oehm gehört zu jenen, die aber auch den Überweg kritisch sehen. Mehr Lärm und Schadstoffe durch anfahrende Autos sieht der Jurist auf die Mitarbeiter und Kunden von Amts- und Landgericht zukommen. Wird alles halb so wild, versicherte Ravizza und verwies auf die "Bedarfsampel". Die indes sei unverzichtbar, denn nur ein Zebrastreifen reiche auf der schnell und viel befahrenen Ostanlage nicht aus. Zudem entspreche die Unterführung nicht mehr dem Stand der Technik, laut dem das Gefälle einer Rampe für Rollstuhlfahrer und Radfahrer nicht stärker als sechs Prozent sein dürfe. Tatsächlich wiesen die beiden Rampen, die hinab in die Unterführung führten, ein Gefälle von zwölf Prozent auf.

Den Hinweis Weigel-Greilichs auf eine aktuelle und entsprechend kritische Stellungnahme des Arbeitskreises für Behinderte zur Unterführung mochte der frühere städtische Behindertenbeauftragte Heinrich Hainmüller so nicht stehen lassen: "Es gibt auch Rollstuhlfahrer, die kommen mit der Unterführung gut klar."

Radler als Geisterfahrer

Zum Argument der Kritiker, es gebe doch wenige Meter weiter, nämlich an der Walltorstraße und dem Kennedyplatz, zwei Überwege, sagte Jan Fleischhauer vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC), dass es an dieser Stelle bislang keine vorschriftsmäßige Wegeverbindung über die Ostanlage in die Wieseckaue gebe. "Radfahrer müssen dann entweder auf dem Bürgersteig oder in falscher Richtung auf dem Radfahrstreifen zur Gutfleischstraße fahren", erläuterte der ADFC-Vertreter. Denn die freien Bereiche zwischen den neuen Justizgebäuden, die etliche Radler nutzen, sind keine öffentlichen Verkehrswege, hatte Amtsgerichtschef Oehm zuvor in einem anderen Zusammenhang deutlich gemacht.

Schon älter, aber gleichwohl kaum bekannt ist, was die 2006 erstellte Machbarkeitsstudie zur Bewerbung Gießens um die Landesgartenschau ("Auf zu neuen Ufern") für diesen Abschnitt der Ostanlage vorsah. Laut Weigel-Greilich, die damals noch nicht im Amt war und aus der Studie zitierte, war eine "großzügige verkehrs- und barrierefreie Verbindung zwischen Landgrafen- und Gutfleischstraße" geplant. Hierfür sollte die vierspurige Hauptverkehrsader "tiefergelegt werden", und zwar in einen "offenen Trog".

Bekannt sind dagegen die Bemühungen der Bürgermeisterin, den Bau eines Überwegs an dieser Stelle als Ziel zu beschreiben, das bereits lange vor der Bewerbung Gießens um die Landesgartenschau verfolgt worden sei. Da auch dieses Argument die anwesenden Kritiker nicht so recht überzeugen mochte, machte die Grünen-Politikerin deutlich, dass es letztlich auch um Mehrheitsverhältnisse und mithin politische Machtausübung geht. Die Kommunalwahl 2011 habe in Gießen eben zu einem verkehrspolitischen "Paradigmenwechsel" geführt. Was der kosten werde, wollte der Freie Wähler Heiner Geißler noch einmal genau wissen. Weigel-Greilich blieb dabei: "350 000 Euro." Im Stadtparlament verlangt die Opposition nach solchen Festlegungen des Magistrats für gewöhnlich "wörtliche Protokollierung". In einer Tropfsteinhöhle geht das natürlich nicht.

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