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Seidenschwänze lieben Mistelbeeren. Fünf der Vögel finden derzeit reichlich dieser Früchte in einem Baum nahe der Ringallee. 

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Ornithologen begeistert: Seltener Seidenschwanz in Gießen

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Vogelfreunde aus ganz Hessen und darüber hinaus kommen in den Stadtpark Wieseckaue, um die Vögel zu bestaunen.

Gießen (kw). Zwei Männer stehen an der Ringallee. Fast einen halben Meter lang sind die Objektive der Kameras, die sie auf einen Baum voller Misteln richten. Und schon naht der nächste Hobby-Ornithologe: "Sind hier die Seidenschwänze?" Auch er darf eine neue Art in seiner Liste ankreuzen. Fünf gefiederte Gäste wirken seit etwa zwei Wochen wie Magneten: Vogelfreunde aus ganz Hessen und darüber hinaus kommen in den Stadtpark Wieseckaue, um die Tiere mit der aparten Federhaube zu beobachten.

Seidenschwanz in Gießen: 2000-mal Klick

Dass der knapp starengroße Vogel exotisch gefärbt ist - schwarze Zorro-Maske, dottergelbe Schwanzbinde, rotglänzende "Tröpfchen" am Flügel -, ist ohne Fernglas kaum zu erkennen. Auch sein "Sirrr" klingt unauffällig. Passanten bemerken die Seidenschwänze daher in der Regel vor allem wegen ihrer Bewunderer. Manchmal versammeln sich ganze Gruppen zwischen dem Sträßchen Hinter der Ostanlage und dem Neuen Teich.

Sie sind eigens aus Groß-Gerau angereist, erzählen die beiden Hobbyfotografen. Für Frank Helmer (56) ist es der dritte Seidenschwanz-Alarm. Zweimal bekam er die Tiere nicht zu Gesicht. Diesmal hat sich die 100-Kilometer-Fahrt gelohnt. Seine Kamera mit 600-Millimeter-Objektiv klickt unablässig, während sein Modell in der Luft rüttelnd eine Mistelbeere pflückt.

Rund 2000 Fotos werde er heute Abend sichten, schätzt sein Vater Alfons Helmer. "Ein bisschen verrückt muss man sein", sagt der 79-Jährige über das Hobby Vogelfotografie, zu dem er 2009 bei einer Norwegen-Kreuzfahrt kam.

Seidenschwänze ziehen im Winter sporadisch in so genannten Invasionen nach Mitteleuropa, wenn sie in ihrer kalten Heimat zwischen Sibirien und Skandinavien kein Futter finden. Im Nordosten Deutschlands ist die Art "Bombycilla garrulus" fast jedes Jahr irgendwo zu sehen, in Hessen deutlich seltener. Früher betrachteten manche Menschen ihr geheimnisvolles Erscheinen als böses Vorzeichen. Daher rühren Volksmund-Namen wie Pestvogel oder Sterbevögeli. Heutzutage verbreiten die Fachleute ihre Sichtungen über die Ornithologen-App "NaturaList", aber auch altmodisch per Telefon, erzählt Alfons Helmer. Als vor einigen Jahren in Nidderau ein Sichler auftauchte, "sind Leute aus Hamburg und Lübeck angereist" - ohne zu wissen, ob sie den Schreitvogel überhaupt zu Gesicht bekommen würden.

Seidenschwanz in Gießen: Spektakuläre Sichtungen

Doch keineswegs erschöpft sich ihre Begeisterung in der Kamera-Jagd nach Raritäten, betonen die Helmers. Sie freuen sich jetzt schon auf die Balzzeit der "ganz normalen" heimischen Arten.

Auch Udo Seum aus Reichelsheim in der Wetterau ist fasziniert nicht nur von spektakulären Sichtungen, sondern etwa vom Vogelzug. Jedes Jahr im Frühjahr und Herbst fliege er in Gedanken mit nach Norden und Süden, erzählt der 64-Jährige mit leuchtenden Augen. "Man bekommt Fernweh."

Der gelernte Schreiner kam über seinen Chef, der unter anderem Nistkästen baute, zum Hobby Vogelkunde. Zunächst auf eigene Faust, dann bei einem Experten erweiterte er seine Kenntnisse. Mittlerweile ist Seum Betreuer des Bingenheimer Rieds. Genau dort erlebten die Helmers ihr "Highlight" des letzten Jahres, einen Mornellregenpfeifer. Heute indes liegt der Mittelpunkt der Orni-Welt für alle drei in Gießen.

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