Organisatorisch und ideologisch eng vernetzt

  • vonChristian Schneebeck
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Gießen (csk). Hinter der Kongresshalle herrscht am Dienstagabend reger Betrieb. Unter anderem sind zahlreiche "Omas gegen rechts" gekommen, Polizisten sorgen für Sicherheit. Wer hier nicht willkommen ist, stellt ein Plakat an der Eingangstür unmissverständlich klar: "Rechtsextreme oder solche, die mit Rechtsextremen sympathisieren". Bei Störungen werde "vom Hausrecht Gebrauch" gemacht. Die offenbar befürchteten Zwischenfälle bleiben zwar aus. Rechte sind im rappelvollen Kerkradezimmer aber sehr wohl anwesend - wenn auch nur als Thema. Organisatorisch und ideologisch seien sie eng vernetzt mit jenen, die zu sogenannten Mahnwachen gegen Schwangerschaftsabbrüche aufrufen, heißt es bei der Veranstaltung "Rechtsextreme und ›Lebensschützer‹ - Hintergründe und Vernetzungen der Pro-Life-Bewegung", einer Diskussion vom Dekanatsfrauenausschuss, Pro Choice und der Stadt Gießen.

Der Journalist Danijel Majic legt den Schwerpunkt seines Vortrags auf den Verein "40 Tage für das Leben". Seit 2016 stünden die Mitglieder hierzulande zweimal im Jahr an 40 aufeinanderfolgenden Tagen vor Arztpraxen und Beratungsstellen, etwa in München und Frankfurt. "Und in Gießen!", ruft ein Zuhörer hinein. "Eben nicht", antwortet der Referent.

Die Gruppen, die Mahnwachen vor der Praxis von Kristina Hänel abhielten, seien wahrscheinlich nicht Teil der "40 Tage". Majic warnt folglich davor, "die Lebensschützer als monolithischen Block zu betrachten". Vielmehr existierten diverse Organisationen - mit ähnlichen Aktionsformen und Zielen.

Seine Wurzeln habe "40 Tage" in Texas, sagt der Journalist. Über Kroatien und kroatisch-katholische Gemeinden habe der Verein seit 2016 in Deutschland Fuß gefasst. Auf personeller Ebene zeigt Majic gleich mehrere Verbindungen ins rechtsextreme Milieu auf. So sei ein Gründer des deutschen Ablegers bekannt als ehemaliger Hooligan und Ex-Mitglied der radikalen kroatischen Partei HCSP. Brücken der "Lebensschützer" zur deutschen Rechten illustriert der Reporter vor allem anhand eines Frankfurter Rechtsanwalts. Dieser pflege Kontakte zu "ultrakonservativen Netzwerken" wie der "klandestinen" Gruppe "Agenda Europe" - und er organisiere immer wieder Mahnwachen gegen Abtreibung.

Dass "Lebensschützer" und ihre Aktionen von konservativen sowie rechtsextremen Politikern unterstützt würden, betont auch Dr. Gisela Notz, die zweite Referentin des Abends. Teile der Union und der AfD hätten beispielsweise wiederholt ihre Sympathie bekundet für den "Marsch für das Leben", eine Demonstration von Abtreibungsgegnern. Gerade die AfD fungiere als "Sprachrohr" in den Parlamenten, so die Historikerin. Nach einem Blick auf die Geschichte der "Lebensschützer" widmet sie sich Wortwahl und Denkfiguren der Bewegung.

Diese beziehe sich zum einen gern auf Bibelstellen, während sie zum anderen oft eine "aufhetzende Rhetorik" verwende. Medizinische Einrichtungen würden zu "Tötungszentren" erklärt, Beratungsnachweise zu "Tötungslizenzen".

Eine andere Strategie sei es, bei ungeborenem Leben stets von "Kindern" zu sprechen - und nicht von "Embryos" oder "Föten". Ähnlich wie Notz, die von 2004 bis 2010 Bundesvorsitzende von Pro Familia war, sieht auch Elisabeth Faber in den Abtreibungsgegnern eine Gefahr für sicher geglaubte Errungenschaften. "Alles, was wir in den 70er-, 80er- und 90er-Jahren erkämpft haben", stellten sie infrage, fürchtet die ehemalige Frauenbeauftragte des Landkreises Gießen.

Aus dem Publikum kommt neben viel Zustimmung auch hier und da Kritik. Eine Zuhörerin sagt zum Beispiel, sie habe den Abend als "ungemein einseitig" erlebt. Ihre Sitznachbarin erzählt, vor 44 Jahren selbst abgetrieben zu haben. "In den Mittfünfzigern kam das wie ein Bumerang zurück", betonte sie. Niemand wolle eine Abtreibung als leichte Entscheidung darstellen, antwortete Moderatorin Faber. "Aber wir sind aufgefordert, jeder Frau zu helfen, die vor dieser Entscheidung steht." Dann fügte sie noch hinzu: "Und wenn sie entschieden hat, egal wie, sind wir bei ihr." (Fotos: csk)

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