Rainer Abraham in der Thomas-Morus-Kirche. FOTO: JOU
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Rainer Abraham in der Thomas-Morus-Kirche. FOTO: JOU

Orchestrale Schattierungen

  • vonSascha Jouini
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Gießen (jou). Eine Sinfonie am Klavier dargeboten erlebt man nicht alle Tage. Dabei war dies im 19. Jahrhundert, als es noch keine Tonträger gab, eine Selbstverständlichkeit. Wer nicht in den Genuss kam, einem Orchesterkonzert beizuwohnen, für den blieb nur die Klavierbearbeitung. Für den im Landkreis Paderborn lebenden Pianisten Rainer Abraham erinnert die Corona-Pandemie an damalige Verhältnisse, gibt es doch derzeit kaum die Möglichkeit, Orchester in großer Besetzung live zu hören.

Abraham, an der Musikhochschule Hannover ausgebildeter Pianist, hatte weitere gute Gründe, Anton Bruckners 4. Sinfonie am Sonntag in der Thomas-Morus-Kirche auf dem Schiedmayer-Flügel zu spielen: Wie er gegenüber dem Publikum anmerkte, lieferten Bearbeitungen Einblick in den Entstehungsprozess romantischer Musik, bei dem dem Klavier bekanntlich eine wichtige Rolle zukommt. Viele Komponisten konzipierten darauf ihre Orchesterwerke. Überdies könne er - im Unterschied zu Dirigenten - eigene Eingebungen mit einfließen lassen. Dabei mache sich die jeweilige Stimmung bemerkbar; keine Aufführung gleiche der anderen.

Vor allem aber bereite es ihm viel Freude, Sinfonien vorzutragen, und dies war am Sonntag vom ersten Takt an zu spüren. Abraham erzeugte einen atmosphärisch intensiven Klangteppich, über dem sich der viermalige Hornruf erhob.

Fließend steigerte er im Verlauf die Tonstärke. Im Kopfsatz beeindruckte seine feine Ader für Spannungsbögen. Mit wandlungsfähigem Anschlag zauberte er zudem immer neue orchestrale Schattierungen. Auch im weiträumigen Klangpanorama imitierte der Pianist ein Orchester, machte hierzu ausgiebig vom die Dämpfer aufhebenden Pedal Gebrauch.

Abraham unterstrich die spirituelle Ebene der Komposition, in der sich die Gläubigkeit des Katholiken Bruckner spiegelt. Bewusst vermied der Pianist eine ausführliche Einführung, um dem Vorstellungsvermögen der Hörer freien Lauf zu lassen; er vermittelte für den Kopfsatz lediglich das Bild eines "Tagesablaufs in der Natur", vom Sonnenaufgang bis zur Abenddämmerung.

Als "Überwindung der Finsternis durch das Licht" ließ sich die Musik im trauermarschartigen zweiten Satz deuten. Die poetisch tiefgründige Darbietung fesselte stark. In Kontrast zur zaghaften Sphäre des Andantes stand die rhythmisch prägnante Jagdmusik beim Scherzo. Wie fantasievoll Abraham kompositorische Details herausarbeitete und wie anschaulich er den formalen Aufbau zeichnete, begeisterte restlos.

Hervorragende Spieltechnik

Eine solch schwierige Sinfonie darzubieten, setzt neben ausgeprägtem Gestaltungswillen hervorragende Spieltechnik voraus. Dass Abraham diese mitbrachte, bewies er erneut im resümeehaften Finale bei dichten Tremoli oder klanglich brillanten Höhepunkten. Bis zum überirdisch schönen Schluss leuchtete seine durchdachte Interpretation ein. Herzlicher Beifall war der Lohn.

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