LAGER AUSCHWITZ

55 Opfer aus Gießen

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Es ist ein Tag tiefer Trauer und einer Befreiung: Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Truppen das Vernichtungslager Auschwitz in Polen. Bei einer Gedenkstunde im jüdischen Gemeindezentrum zeigt sich Vorsitzender Dow Aviv gerührt von der großen Anteilnahme aus der Bevölkerung.

Auch wer die Sprache nicht versteht, weiß, um was es in diesem Gebet geht: um Maidanek, Treblinka, Auschwitz, Bergen-Belsen, Sobibor, Mauthausen. Isaak Kaminer zählt sie auf, die Orte des Schreckens, als er am Montagabend im jüdischen Gemeindezentrum die Shoah-Version des Totengebets Kaddisch vorträgt.

Schätzungsweise 150 Menschen drängen sich im kleinen Saal und Gebetsraum der Synagoge im Burggraben. Er sei "sehr berührt", wie viel Anteil die Gießener Bevölkerung am Holocaust-Gedenktag nehme, sagt Co-Vorsitzender Dr. Dow Aviv (Foto) zu Beginn mit Blick ins völlig überfüllte Gemeindezentrum.

Kein Räuspern, kein Rascheln, nichts hört man während der Schweigeminute, mit der die Veranstaltung zum "Denktag" beginnt. Aviv kommt von der historischen Dimension schnell zur Tagesaktualität. Die Meldungen über antisemitische Übergriffe und erst recht der Angriff auf die Synagoge in Halle im Oktober sorgten auch in der Gießener Gemeinde für Verunsicherung. Der Vorsitzende betont aber: "Bei uns hat niemand die Koffer gepackt, auch gedanklich nicht. Wir lassen uns nicht vergraulen." Gleichzeitig fordert er "Schutz und gesellschaftliche Solidarität" der Mehrheitsgesellschaft mit der jüdischen Minderheit im Land ein. In Gießen, wo sich an der Universität in den letzten Jahren Gruppen wie das Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus formiert haben, scheint dieser Schutz gewährleistet zu sein. Erstmals ist der Allgemeine Studierendenausschuss der Justus-Liebig-Universität Mitveranstalter einer Gedenkveranstaltung der jüdischen Gemeinde, was diese ganz besonders freut, wie Aviv deutlich macht.

Die Liste der Grußwortredner ist hochkarätig: Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich eröffnet den Reigen, nach ihm sprechen Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz, Landrätin Anita Schneider, Cornelius Mann für die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Gießen-Wetzlar und Patricia Ruhland für den AStA der JLU. Sie erinnern an den Zivilisationsbruch des Holocaust, wenden sich gegen Schlussstrichdebatten, mahnen Wachsamkeit gegen den alten und neuen Judenhass an und versichern der jüdischen Community ihre Unterstützung. Landrätin Schneider zitiert aus der Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem: "Wir schützen jüdisches Leben."

Im Anschluss gibt der frühere Stadtarchivar Dr. Ludwig Brake einen Überblick über die Geschichte der Juden in Gießen, die bis ins Mittelalter zurückreiche und "erst in den Anfängen" erforscht sei. Den Juden erging es in Gießen nicht anders als anderswo; zu Stabilität und Sicherheit vor Diskriminierung und Verfolgung sei die Gemeinde erst nach der Revolution von 1848 gelangt. Die Gemeinde sei damals auf 400 Mitglieder angewachsen und habe sich später gespalten. Baulich dokumentiert durch die liberale Synagoge in der Südanlage und die orthodoxe in der Steinstraße. Beide gingen am 10. November 1938 in Flammen auf.

Es gab aber auch regionale Besonderheiten. Weitgehend unbekannt ist die Tatsache, dass es gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Berliner Reichstag eine antisemitische Fraktion gab, die sich fast ausschließlich aus Abgeordneten oberhessischer Wahlkreise zusammensetzte. Religiös und völkisch motivierte Antisemiten wie Adolf Stöcker oder Otte Böckel hetzten rund um Marburg und Gießen gegen die jüdische Bevölkerung. In Gießen reagierte die Gemeinde darauf mit der Bildung eines "Schutzverbands".

Brake erinnert auch an die Blütezeit, als jüdische Unternehmerpersönlichkeiten wie Siegmund Heichelheim das kulturelle und soziale Leben der Stadt Gießen bereicherten. Aber auch der Patriotismus, mit dem viele Juden fürs Kaiserreich in den ersten Weltkrieg zogen, habe die religiöse Minderheit nicht schützen können. Der wachsende Antisemitismus habe bereits in den 1920er Jahren zu einer ersten Auswanderungswelle geführt. Von der Machtübernahme der Nazis 1933 habe es keine zehn Jahre mehr gedauert, "bis in Gießen kein Jude mehr gelebt hat", sagt Brake. und fügt hinzu: "Auschwitz werden wir nicht mehr los."

1978 sei es dann, in Verbindung mit der Gründung der Städtepartnerschaft Gießen-Netanya, zur Wiedergründung einer Gemeinde mit 60 Mitgliedern gekommen. Heute sind es fast wieder 400.

Georgi Kaladjiew, Detmar Hönle, Wolfgang Wels und Marco Konrad glänzen zum Abschluss des "Denktags" mit einem Klezmer-Stück.

Heute Vortrag: Über die Situation in Israel berichtet der israelische Journalist Igal Avidan aus Berlin heute um 19.30 Uhr im Saal der jüdischen Gemeinde. Der Eintritt ist frei.

Nach Recherchen von Lokalhistorikern fielen dem Rassenwahn der Nazis 250 Mitglieder der 1933 noch 850 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinschaft Gießen zum Opfer. Viele Schicksale blieben ungeklärt. Allein in Auschwitz kamen 55 Juden aus Gießen und Umgebung ums Leben.

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