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Christa Ludwig 1997 im Gießener Stadttheater.

Operndiva ohne Allüren

  • VonDagmar Klein
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Am Wochenende ist die Opernsängerin Christa Ludwig im Alter von 93 Jahren gestorben. In überregionalen Nachrufen tauchen viele Orte und Namen auf, mit denen sie in Verbindung steht. Dass auch Gießen dazu gehört, kommt oft nicht vor. Am hiesigen Stadttheater sammelte sie ab 1945 mit einem Eleven-Vertrag erste Bühnenerfahrung.

Das Theater-Gen muss Christa Ludwig geerbt haben. Ihre Mutter, Eugenie Besalla-Ludwig, war selbst Opernsängerin, ihre einzige Gesangslehrerin und Begleiterin über viele Jahre. Vater Anton Ludwig war Regisseur und Operndirektor, zunächst in Aachen, dann in Hanau und 1943 schließlich in Gießen. So kam die in Berlin geborene Christa Ludwig als 15-Jährige nach Gießen, besuchte die Oberschule für Mädchen.

In ihren 1994 publizierten Erinnerungen schreibt Christa Ludwig über ihre erste Zeit in Gießen: »Es gab schon täglich Fliegeralarm, wir wussten, meistens fing er so gegen 11 Uhr vormittags an, sodass wir schon für einige Schulfächer nicht mehr lernten.« .

Mit Ausrufung des »totalen Krieges« wurden 1944 alle Schulen und Theater geschlossen, die Menschen zum Kriegseinsatz herangezogen. »Mein Vater ›spielte‹ Straßenbahnführer, das war jedenfalls besser, als in einer Waffenfabrik zu arbeiten. Er sah sehr schick aus in seiner Uniform. Es war ihm mehr eine Rolle wie im Theater«, so die Sängerin.

Den Luftangriff auf Gießen am Nikolaustag 1944 erlebten die Ludwigs in ihrem Haus in der Marburger Straße. Es wurde komplett zerstört. Da der Vater sich geweigert hatte, wichtige Dinge vorher in Sicherheit zu bringen, ging alles verloren bis auf einen Koffer mit Theaterutensilien. Das habe sie ihm ihr Leben lang nicht verziehen, schrieb sie. Die Ludwigs flüchteten zu Fuß nach Oppenrod zum Ehepaar Antonie und Heinrich Bitsch, der zuvor Dramaturg am Gießener Theater gewesen war.

Die Eltern kehrten nach Kriegsende so bald wie möglich nach Gießen zurück. mussten neue Ausweispapiere beantragen. »Und dabei geschah das Merkwürdige, dass mein Vater als geborener Wiener einen deutschen Ausweis erhielt und meine Mutter und ich als gebürtige Berliner einen österreichischen Ausweis.«

Die Mutter sorgte mit Gesangsstunden für den Unterhalt der Familie. Wegen seiner Parteizugehörigkeit hatte der Vater bis zu seiner »Entnazifizierung« Berufsverbot, erst zur Spielzeit 1949/50 konnte er erneut ans Stadttheater und die Intendanz übernehmen (bis 1954). Der Tauschhandel blühte, musikalische Unterhaltung war gefragt. So wurde auch Christa Ludwig gebeten, in den Offizierskasinos Lieder von Gershwin oder andere gängige amerikanische Songs zu singen.

Gleich bei den ersten Auftritten im Stadttheater schwärmten Kritiker von ihrer Stimme. Ihr Vater organisierte »Bunte Abende« in den Nachbarorten. Mit einer kleinen Gesangsgruppe trat sie auf »in Wirtschaften, wo man die Tische ausräumte, auf kleinen Bühnen und in Fabriksälen.« Ihre Mutter hielt dieses Herumtingeln für unwürdig. Also bewarb sich Christa Ludwig an anderen Bühnen.

Über Zwischenstationen schaffte sie es von Frankfurt an die Oper in Wien (1955), ihre Weltkarriere begann. Sie sang in New York und Chicago, in Tokio und Berlin, bei den Salzburger und den Bayreuther Festspielen. Sie arbeitete mit den Dirigenten Karl Böhm, Herbert von Karajan und Leonard Bernstein, gab Liederabende, sang auf der Bühne mit Hermann Prey und Gwyneth Jones; nahm Platten auf mit Maria Callas und Dietrich Fischer-Dieskau.

1993 begann die Mezzosopranistin sich weltweit mit Liederabenden von ihrem Publikum zu verabschieden. Ihre Erinnerungen »und ich wär’ so gern Primadonna geworden« publizierte sie schon ein Jahr später. Darin schildert sie nicht nur die glanzvollen Seiten ihres Berufs, ihre weltweiten Erfolge und die berühmten Menschen, die sie kennenlernte. Sie benennt auch die negativen Seiten, was es bedeutet ständig im Licht der Öffentlichkeit zu stehen. »Wie ich dieses ›Himmelsgeschenk‹ (ihre Stimme) manchmal gern weggeworfen hätte, um ein normales Leben zu führen... In Wahrheit ist dieser Beruf eine elendige Sklaverei! Nur nach außen erscheint alles so leicht und begehrenswert.« Die erste Ehe mit Opernsänger Walter Berry scheiterte an diesen Bedingungen.

1997 zu Gast im Stadttheater

Am 22. November 1997 gab es in Gießen ein großes Wiedersehen auf der Bühne des Stadttheaters. Anlässlich des 90-jährigen Bestehens hatte Intendant Guy Montavon prominente Gäste eingeladen: den Schauspieler Will Quadflieg, der 1934 sein erstes Engagement in Gießen hatte, Reinald Heissler-Remy, der hier von 1978 bis 1988 Intendant war, und Gian Carlo Menotti, der in der Ära Heissler-Remy einige seiner Opern in Gießen inszeniert hatte. Zu dem Gespräch war auch Christa Ludwig aus Süd-Frankreich angereist, wo sie damals mit ihrem zweiten Ehemann Paul-Emile Deiber wohnte.

Lebhaft wurden Erinnerungen ausgetauscht und Anekdoten zum Besten gegeben, sehr zur Freude des Publikums. Christa Ludwig konnte Jahrzehnte zurück liegende Bekanntschaften auffrischen. Unter vielen anderen Begegnungen übergab sie Lokalgeschichtsforscherin Dagmar Klein die telefonisch vereinbarten Kopien von persönlichen Dokumenten und Zeitungsberichten aus ihren beruflichen Anfangsjahren. Und das Foto der Gießener »Tingeltruppe« von 1945, das diesen Nachruf ziert. Klein: »Es war eine dieser Begegnungen im Leben, die einen persönlich reicher machen und die man nie vergisst.«

Dieses Foto ihrer Tingelgruppe von 1945/46 überließ Christa Ludwig der Verfasserin dieses Nachrufs. Es zeigt (jeweils von links) Christa Ludwig, Hildegard Scheu, Inge Falken sowie Anton Ludwig, Adolf Richter und Heinz Roux. REPRO/FOTO: DKL

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