Der Bergwerkswald ist das bevorzugte Einsatzgebiet von Oliver Tschirschnitz. FOTO: SCHEPP
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Der Bergwerkswald ist das bevorzugte Einsatzgebiet von Oliver Tschirschnitz. FOTO: SCHEPP

Mensch, Gießen

Oliver Tschirschnitz: Schlammspringer und Naturschützer aus Gießen

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Schon seit er denken kann, fühlt sich Oliver Tschirschnitz der Natur verbunden. Sein Engagement für den Umweltschutz nimmt aber nicht nur einen Großteil seiner Freizeit in Anspruch. Auch beruflich widmet er sich der Flora und Fauna.

In Gummistiefeln stapft Oliver Tschirschnitz über die Pfade des Bergwerkswalds. Der 55-Jährige kennt das Naturschutzgebiet wie kaum ein anderer. Seit 25 Jahren schon sorgt er zusammen mit seinen Mitstreitern dafür, dass die hiesige Flora und Fauna gedeihen kann. Auch wenn das bedeutet, den ein oder anderen Spaziergänger mit freilaufendem Hund auf die Regeln hinzuweisen. Als offizieller Betreuer des Gebiets mit dementsprechenden Ausweis der Naturschutzbehörde ist das seine Aufgabe.

"Naturschutz ist mir eben sehr wichtig. Das ist schon seit Kindesbeinen so", sagt Tschirschnitz. Eine Einstellung, die er vor allem seinen Eltern zu verdanken hat.

Tschirschnitz ist in der Schweiz geboren. Keine zwei Jahre später zog die Familie jedoch nach Deutschland. "Mein Vater, der als Fischzuchtmeister Teiche bewirtschaftet hat, hatte in der Oberpfalz eine neue Stelle gefunden." Die Familie blieb einige Jahre, bis ein erneuter Arbeitgeberwechsel für einen Umzug nach Hessen sorgte. Tschirschnitz Vater sollte sich fortan um die Teiche im Vogelsberg kümmern.

Für einen Neunjährigen ist es nicht leicht, sein gesamtes Umfeld zu verlassen und so weit wegzuziehen, dass auch die besten Freundschaften nicht überstehen können. "Das stimmt", sagt Tschirschnitz. "Ich habe aber schnell Anschluss gefunden und neue Freunde kennengelernt. Von daher war es nicht so schlimm."

Das ländlich geprägte Leben in Oberhessen sollte sich nicht nur für den Sohn, sondern für die gesamte Familie als Glücksgriff erweisen. "Ich habe jede freie Minute in der Natur verbracht. An den Wochenenden ging ich mit meinen Eltern im Wald spazieren, unter der Woche spielte ich hier Cowboy und Indianer", sagt der 55-Jährige und fügt lächelnd hinzu: "Damals gab es eben noch keine Handys, Internet oder Computer."

Womöglich muss Tschirschnitz deshalb schmunzeln, weil das World Wide Web in seinem späteren Leben eine wegweisende Rolle einnahm. Seine Lebensgefährtin hat er vor zwölf Jahren im Internet kennengelernt. Seit drei Jahren leben sie zusammen in einem Haus in Lollar. Trotzdem ist Tschirschnitz der Stadt Gießen weiterhin eng verbunden.

Nach dem Abitur absolvierte Tschirschnitz für ein Jahr lang Praktika auf zwei hessischen Bauernhöfen. Er wusste, dass er beruflich etwas mit Natur zu tun haben wollte. "Ich habe mich dann für ein Studium der Agrarwissenschaften entschieden", sagt er. Sein neuer Wohnort: Gießen.

Im Herbst 1986 saß Tschirschnitz erstmals in der Vorlesung. Eine Unterkunft hatte er im Studentenwohnheim im Eichendorfring gefunden. Sein Engagement für den Gießener Naturschutz sollte aber in einer anderen WG seinen Ursprung nehmen.

Die Schlammspringer sind eine Untergruppe des NABU Gießen. Gegründet wurde sie als studentische Initiative im Jahre 1985 in einem Studentenwohnheim in der Grünberger Straße. "Ich bin 1988 dazugestoßen. Ein Kommilitone hatte mich mit in die Grünberger Straße genommen." Tschirschnitz betont, von der Idee gleich begeistert gewesen zu sein. Und die Begeisterung hält bis heute an.

Anfangs kümmerten sich die Schlammspringer vor allem um die Biotope im Stadtwald sowie die mit Wasser gefüllten Bombentrichter. "Wir haben Laub, Äste, Müll und Autoreifen aus dem Wasser geholt." Der Einsatz war von Erfolg gekrönt: Schon bald besiedelten Amphibien und andere Tiere die Gewässer.

Der Schutz von Molchen, Kröten, Fröschen und Co. sollte auch in den folgenden Jahren das Steckenpferd von Tschirschnitz bleiben. "Seit 1990 koordiniere ich zum Beispiel die Amphibienzäune an den Straßen rund um die Stadt Gießen", sagt der 55-Jährige, der inzwischen auch in diversen Funktionen beim Stadt- sowie Kreisverband des NABU aktiv ist. Auch bei seinem Engagement rund um den Bergwerkswald spielen die wechselwarmen Wirbeltiere eine bedeutende Rolle.

1996 haben die Schlammspringer die ehrenamtliche Betreuung des Bergwerkswald übernommen. Besonders im Winterhalbjahr pflegen die Mitglieder das Naturschutzgebiet in Absprache mit dem zuständigen Forstamt Wettenberg. "Wir befreien zum Beispiel die Felsköpfe von Gehölzen, damit der Lebensraum von Amphibien erhalten bleibt. Außerdem kümmern wir uns um die Magerrasen", sagt Tschirschnitz. Wegen Corona ruhen diese Arbeiten derzeit jedoch weitestgehend, die Verordnungen zu Menschenansammlungen betreffen schließlich auch Naturschützer. Seine Rundgänge, die Tschirschnitz auch in das Naturschutzgebiet Oberhof führen, kann er aber auch während der Pandemie absolvieren. Auch wenn die Dienste nicht immer angenehm sind.

"Die Leute werden auch schon mal aggressiv, wenn ich ihnen sage, dass sie nicht abseits der Wege gehen und ihre Hunde an der Leine lassen sollen. Vielen ist offenbar nicht bewusst, dass sie sich in einem Naturschutzgebiet befinden."

Tschirschnitz ist die Umwelt wichtig, daran gibt es keinen Zweifel. Kein Wunder, dass er seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat. 1992, nach seinem Diplom an der Justus-Liebig-Universität, ergatterte er eine Stelle beim Gießener Regierungspräsidium. Als Mitarbeiter der Oberen Naturschutzbehörde kümmert er sich ebenfalls um Belange, die den Naturschutz betreffen.

Für ihn ist diese Konstellation perfekt: Beruflich kümmert er sich auf bürokratischem Wege um den Naturschutz. In seiner Freizeit hingegen kraxelt er über die Hügel des Bergwerkswaldes und befreit die Felsen vom Bewuchs. Wenn dann noch Zeit bleibt, geht er zu Spielen der Frankfurter Eintracht, fährt Rad, kümmert sich um den Garten, wandert oder reist. Natürlich mit Vorliebe in Nationalparks.

Die Leidenschaft für die Natur prägt also das ganze Leben von Tschirschnitz - zugleich verbessert er damit auch die Lebensbedingungen von Libellen, Lurchen und anderen Lebewesen.

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