Kleine Kinder lesen vieles am Gesicht ab. Um Sprache zu lernen, beobachten sie vor allem den Mund des Gegenübers. Sie sollten ihre Bezugspersonen deshalb zu Hause möglichst ohne Masken sehen. SYMBOLFOTO: SCHEPP / PM
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Kleine Kinder lesen vieles am Gesicht ab. Um Sprache zu lernen, beobachten sie vor allem den Mund des Gegenübers. Sie sollten ihre Bezugspersonen deshalb zu Hause möglichst ohne Masken sehen. SYMBOLFOTO: SCHEPP / PM

"Offener Umgang ist wichtig"

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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"Ich bin ein Corona-Kind" - wird das irgendwann eine Begründung für Ticks sein? Im Interview gibt die Entwicklungspsychologin Gudrun Schwarzer Entwarnung. Kinder könnten Abstand und Masken grundsätzlich verkraften.

Frau Schwarzer, wie alt müssen Kinder heute sein, um sich später an die Corona-Zeit erinnern zu können?

Das kann man nicht pauschal sagen. Ich frage in meinen Lehrveranstaltungen immer nach den ersten Erinnerungen. Sie reichen normalerweise bis zum Alter von etwa drei Jahren zurück, was sich auch mit empirischen Ergebnissen deckt. Aber schon Säuglinge können Erinnerungen bewahren, wenn man zielgerichtet so genannte Reminder setzt. Das tut man vielleicht, wenn die Mutter längere Zeit im Krankenhaus ist: Man schaut jeden Tag gemeinsam Bilder von ihr an, damit das Kind sie nicht vergisst. Aber die Erinnerung an Corona wird man wohl nicht auf diese Weise wachhalten.

Ein einjähriges Kind wird sich also nicht erinnern können. Kann die Krise sie trotzdem prägen?

Das kommt darauf an, wie die Eltern damit umgehen. Kleine Kinder bilden eine enge Bindung zu den ersten Bezugspersonen aus. Sie brauchen sie als sicheren Hafen. Diese sind der Schlüssel zu allem. Wenn Eltern dauerhaft sehr ängstlich oder stark belastet sind, merken die Kinder das.

Zu diesen engen Bezugspersonen können ja auch die Großeltern gehören. Welche Auswirkungen hat es, wenn Enkel zu ihnen Abstand halten müssen?

Kinder sind dermaßen anpassungsfähig, sie können das lernen. Wichtig ist, sie vorzubereiten, ohne ihnen Angst zu machen: Wir besuchen die Oma. Wenn du auf sie zuläufst, musst du ein Stück vor ihr stehenbleiben. Das kann man spielerisch zu Hause üben. Großeltern können eine fantastische weitere sichere Basis sein. Es ist ein Riesengewinn, sie sehen zu können.

Kinder erfahren derzeit: Nur zu Hause ist es sicher, draußen müssen wir uns schützen. Kann das Auswirkungen auf das Sozialverhalten haben?

Wir hier in Deutschland durften ja glücklicherweise die ganze Zeit nach draußen gehen und hatten meistens schönes Wetter. Um Spannung loszuwerden, brauchen Kinder - und wir Erwachsenen eigentlich ebenso - Bewegung. Sie haben ja die Möglichkeit, draußen zu toben, jetzt auch wieder auf Spielplätzen.

Ich modifiziere meine Frage: Die Menschen draußen scheinen nicht sicher.

Mit anderen Kindern zu spielen, das fehlt natürlich, das ist auch ein großes Bedürfnis. Wer Geschwister hat, hat es leichter. Ältere Kinder können übers Internet Kontakt zu den Freunden halten. Ja, die Situation ist eine Herausforderung, aber ich glaube nicht, dass Kinder grundsätzlich Schaden davontragen. Vielleicht sind Eltern und oft vor allem Mütter noch stärker betroffen. Es kostet viel Kraft, die Kinder aufzufangen.

Kindern wird derzeit eingebläut, nichts und niemanden anzufassen. Welche Folgen könnten daraus entstehen?

Kinder lernen ja auch sonst Gefahren kennen, ohne dass sie deshalb Phobien entwickeln. Zum Beispiel müssen sie vorsichtig sein im Autoverkehr oder dürfen nicht jedes Tier anfassen. Von großer Bedeutung ist, dass es zu Hause einen Raum gibt, in dem sie unbefangen Dinge berühren dürfen und Körperkontakt erleben. Im Übrigen müssen auch Erwachsene lernen, niemandem mehr die Hand zu geben. Corona wird uns wahrscheinlich alle verändern.

Welche Rolle spielt die Mimik in der Kommunikation, und was bedeutet es, wenn die Münder hinter einer Maske verborgen sind?

Gesichtserkennung ist ein Forschungsschwerpunkt unseres Teams. Zu Hause trägt ja in der Regel keiner Masken, und das sollte man auch möglichst vermeiden. Schon im Alter von wenigen Monaten interpretieren Kinder den Gesichtsausdruck ihres Gegenübers. Gerade der Mund ist extrem wichtig, besonders auch um Sprache zu lernen.

Merken Kleinkinder, das derzeit etwas anders ist? Oder ist für sie sowieso alles "neu"?

Wahrscheinlich gibt es keine Familie, in der in den letzten Wochen alles so war wie immer. Kinder haben enorm feine Antennen, sie merken das von Minute eins an.

Kann sich die Sorge der Eltern auf die Kinder übertragen?

Wenn Eltern sehr ängstlich sind, senden sie Furchtsignale. Sie sollten sich damit auseinandersetzen, wie sie ihrem Kind die Situation erklären, vielleicht mit Hilfe von Büchern...

... oder Texten von der Kinderseite in der Zeitung.

Ein offener Umgang ist sehr wichtig. Auf keinen Fall sollte die Pandemie als etwas Mysteriöses erscheinen, das man Kindern vorenthält.

Wirkt sich die Coronakrise auch auf Ihre Arbeit an der Uni aus?

Wir mussten unsere Studien einige Wochen ruhen lassen. Im Juni werden wir unsere Forschung zur kindlichen Entwicklung unter Berücksichtigung der Hygienemaßnahmen wieder aufnehmen. Dazu suchen wir Eltern mit Kindern im Alter zwischen etwa drei Monaten und zehn Jahren, die sich für die Teilnahme interessieren. Den Kindern macht das in der Regel großen Spaß, die Eltern lernen dazu und leisten zudem einen Beitrag zur Wissenschaft. Wir freuen uns immer, wenn sich Familien bei uns melden.

Kontakt:Kontaktformular auf der Homepage www.kognitive-entwicklung.de) oder unter 0641/99-26003.

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